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Madame Zwergenschule

Felicitas Kuhn ist kein Name, den man automatisch kennt. Aber die von ihr illustrierten Kinderbücher werden bereits von der dritten Generation gelesen. Begegnung mit einer Frau, die sich ein Leben ohne Zeichnen nicht hätte vorstellen können.

Lag ich als kleines Kind krank im Bett, holte ich mir meine Kiste mit Pixi- und Pevau-Büchlein und versenkte mich darin. 30 Jahre später, als ich die alte Bücherkiste für meinen Sohn entstaubte, hatte ich sie wieder in Händen, die „Zwergenschule“, die „Geschichten für Schlafmützen“ und die „Weihnachtsengel“ – alle illustriert in ein und demselben Stil: lustige kleine Männlein mit runden Gesichtern und roten Bäckchen, Füßchen, die in winzigen schwarzen Schuhen stecken, und Kleider und Zipfelmützen in kräftigen, bunten Farben. Dazwischen minutiös gezeichnete Glockenblumen, Löwenzahn, Rosen und andere Blumen. Als schließlich ein Verlagsprogramm von Esslinger mit einigen Neuauflagen bei mir ins Haus flatterte, bekam der Stil einen Namen: Felicitas Kuhn.

FLEISSIGE UNBEKANNTE
Eine erste Suche im Internet bleibt fast ergebnislos. Kein Porträt, keine wissenschaftliche Arbeit zu der Frau, die in mehr als sechs Jahrzehnten über 290 Kinderbücher illustriert hatte. Wer ist diese heute 92-Jährige? Das Einfädeln eines Interviews erweist sich als Geduldsprobe. Enkel Johannes Kuhn, ein Wiener Rechtsanwalt, vertritt seine Großmutter in derartigen Angelegenheiten. Ein persönlicher Besuch in ihrem Haus? Schwierig. „Wissen Sie, meine Großmutter ist eine sehr gewissenhafte ältere Dame.“ Jeder Besuch müsse „ordentlich“ empfangen werden, auf keinen Fall ohne Kaffee und Kuchen auf Augarten-Porzellan.

Doch es klappt. Als ich im ersten Stock eines noblen Badener Bürgerhauses die warme Hand von Felicitas Kuhn drücke, wirkt sie, wie ihr Enkel sie beschrieben hat: adrett gekleidet mit weißer Bluse und eleganter schwarzer Hose, die Haare brünett gefärbt und perfekt frisiert. Zu dritt nehmen wir zuerst an einem Biedermeiertischchen in der Bibliothek Platz, später wechseln wir für Kaffee und Maronikrapfen an den langen Tisch im Esszimmer.

PRINZESSINNEN MÜSSEN SCHÖN SEIN
„Ich habe immer schon gezeichnet. Von Anfang an“, sagt Kuhn und meint ihre frühe Kindheit. Geboren 1926 als Tochter eines Zahntechnikers und seiner Assistentin in Wien, zeichnete sie bereits als Vierjährige erste kleine Büchlein für ihre Puppen. Kuhn wollte besser werden als die Zeichner ihrer eigenen Kinderbücher. Mit einem schelmischen Lachen sagt sie: „Vielleicht habe ich zu zeichnen begonnen, weil die Prinzessinnen in meinen Büchern einfach nicht schön waren.“

Der Vater starb, als Felicitas vier Jahre alt war. Die Mutter musste sie und ihre Schwester alleine großziehen. Sie erkannte das außergewöhnliche Talent von Felicitas und schickte sie in den 1940er-Jahren auf die „Graphische Lehr- und Versuchsanstalt“. „Als Alleinerzieherin war meine Mutter sehr zielstrebig, einen Beruf für meine Schwester und mich zu finden“, sagt Kuhn. Dass ihr erlaubt wurde, ihrer künstlerischen Neigung nachzugehen, rechnet sie ihrer Mutter bis heute hoch an.

Lesen Sie weiter in der Printausgabe.

Fleißige, fröhliche Zwergenkinder sind eines der vielen beliebten Motive in den Büchern von Felicitas Kuhn.

Abdruck der Illustrationen: mit  freundlicher Genehmigung  vom Verlag Thienemann-Esslinger

Erschienen in „Welt der Frauen“ 11/18