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Macht Schokolade glücklich?

Mein Großvater war Metzger. Als er in Pension ging, verwandelte er sich – manchmal – in einen Magier. Er beugte sich hinunter zu mir, machte ein sehr besorgtes Gesicht, fragte: „Was hast du denn da im Gesicht?“, kniff mit Zeige- und Mittelfinger meine kleine Nase zusammen, drehte leicht nach rechts: und wupp hatte er eine Praline in der Hand. Ich liebte dieses Spiel. Manchmal holte er die Praline auch aus meinem Ohr.

Im Haus meiner Großeltern gab es nur gute Schokolade der Marke „Feodora“, von der man nie mehr als ein oder zwei Stücke bekam. Aber wenn der Großvater sehr gütig gestimmt war, mischte er eine Art Dessert aus 1/3 Kakao, 1/3 Zucker und 1/3 Haferflocken. Das schmeckte nicht unbedingt gut, der Kakao war pulvrig und machte den Mund trocken, der Zucker knirschte zwischen den Zähnen. Aber es war herrlich süß.

Was ist Glück? Etwas sehr Leichtes, ein „Vogerl“, nicht nur, weil es so schnell dahin ist, sondern auch, weil es im Grunde ein Gefühl von Freiheit ist. Im siebten Himmel sein, auf Wolken schweben. Glück ist Fülle bei gleichzeitigem Enthobensein, ein superleichtes Schwergewicht sozusagen und meist nur zu haben im „Aha“ des Augenblicks, in dem der Magier die Praline zaubert. Nein, es ist nicht die Schokolade selbst, die glücklich macht. Aber das Glück schmeckt süß, und es ist – wie Schokolade – nicht dazu da, uns satt zu machen. Satt machen Nüsse und Zufriedenheit.

Erschienen in „Welt der Frauen“ 05/18