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07-08/2026

Loverboy-Methode: Wie Mädchen zur Prostitution gezwungen werden

Loverboy-Methode: Wie Mädchen zur Prostitution gezwungen werden
Foto: shutterstock
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  • Veröffentlicht: 23.07.2026
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Mit der Loverboy-Methode nötigen Zuhälter Mädchen und junge Frauen in die Prostitution. Wie gehen Täter vor und welche Warnzeichen können Angehörige erkennen?

Eine Expertin des Projekts FairLove aus Hamburg klärt im Interview über Methoden von Loverboys, Folgen für Betroffene und über mögliche Anlaufstellen für Opfer und Angehörige auf. Die Initiative setzt sich gegen die Prostitution minderjähriger Mädchen und junger Frauen ein. Aufgrund der potenziellen Gefährdungslage möchte die Interviewpartnerin nicht mit ihrem Klarnamen genannt werden.

Das Projekt FairLove in Hamburg richtet sich an Betroffene und Angehörige von Opfern der sogenannten Loverboy-Methode. Was genau ist darunter zu verstehen? 
Expertin: Die Loverboy-Methode ist eine Strategie von Zuhältern, um Mädchen und junge Frauen in die Prostitution zu zwingen und auszubeutenEs ist also eine Form des innerstaatlichen Menschenhandels und der organisierten Kriminalität. Dabei kontaktieren Männer gezielt Mädchen und junge Frauen und täuschen ihnen eine Liebesbeziehung vor. Während das Mädchen denkt, es lernt gerade jemanden kennen, hat der Täter die ganze Zeit das Ziel, es 
auszubeuten. Im Laufe der Beziehung kommt es dann zu einem vermeintlichen Problem, einer finanziellen Notlage. Oft sagt der Täter, er habe sich mit den falschen Leuten angelegt und wäre in Gefahr, wenn er die Geldsumme nicht rechtzeitig zahlt. Und die vermeintlich einzige Lösung scheint zu sein, dass das Mädchen sich prostituiert. 

Wie schafft es der Täter, das Mädchen glaubhaft von einer Liebesbeziehung zu überzeugen?
Die Beziehung ist von Anfang an sehr intensiv. Von Seiten des Täters wird viel investiert. Er kümmert sichmacht Komplimente und Geschenke, zeigt Verständnis, plant Dates und teure KurztripsLoverboys sind charmant und charismatisch, sie sind gut darin, Menschen um den Finger zu wickeln. Gleichzeitig suchen sie sich ihre Opfer ganz gezielt aus. 

Wer gerät ins Visier der Loverboys?
Sie suchen sich junge Mädchen mit wenig Beziehungserfahrung. Mädchen, die ihnen unsicher erscheinen, die vielleicht schnell von einem Problem erzählen und augenscheinlich in einer Krise stecken. Oft weisen Betroffene einen geringen Selbstwert auf, werden gemobbt, haben wenige Freundinnen und Freunde, fühlen sich hässlich, oder haben eine Essstörung. Diese Mädchen und jungen Frauen haben den Wunsch, gesehen und wertgeschätzt zu werden. Das machen sich die Täter zunutze. 

„Der Täter spricht vielleicht von Kindern und einer gemeinsamen Zukunft. Er spielt sich als der Beschützer auf. “

Wo findet der erste Kontakt zwischen Tätern und Opfern statt? 
Meist im digitalen Raum, etwa in sozialen Medien oder auf Dating-Plattformen. Die Täter schreiben sehr viele junge Frauen und Mädchen an und merken dann schnell, wer zurückschreibt, wer interessiert ist, wer sich ihnen öffnet und in das Beuteschema passt. Die Täter suchen aber auch Bars, Clubs, oder andere Orte auf, an denen sich Mädchen und junge Frauen aufhalten. 

Wie entwickelt sich die Beziehung dann im Laufe der Zeit?
Sie ist geprägt von einer Achterbahndynamik. Es gibt Phasen, in denen die Beziehung ganz toll erscheint. Der Täter spricht vielleicht von Kindern und einer gemeinsamen Zukunft. Er spielt sich als der Beschützer auf. Mit der Zeit kommt es aber auch vermehrt zu Grenzüberschreitungen, Formen von physischer und psychischer Gewalt oder Kontrolle. Der Täter verbietet zum Beispiel, dass die junge Frau Freundinnen, Freunde und Familie sieht. Er überwacht ihr Handy, will rund um die Uhr wissen, wo sie ist und was sie macht. Dann lässt er sie schmoren und meldet sich tagelang nicht zurück. Oder er macht haltlose Vorwürfe und spielt Eifersucht vor. Das Mädchen will dann beschwichtigen, wird unsicher und will dem Täter beweisen, dass es nur ihn liebt. Je schlechter das Mädchen behandelt wird, desto mehr versucht es, dem Täter zu gefallen. So entsteht eine emotionale Abhängigkeit und der Täter hat immer leichteres Spiel. 

Und dann unterbreitet er dem Mädchen einen vermeintlichen Notfall?
Genau. Es wird dann versprochen, sie müsse nur ein einziges Mal mit einem fremden Mann schlafen und dann seien seine Schulden und Probleme weg. Es wird vorgespielt, es gehe um die gemeinsame Zukunft. Ab dann werden Betroffene regelmäßig von den Loverboys zur Prostitution gezwungen. 

Hilfe bei Gewalt

Wie schaffen es die Täter, die Betroffenen davon abzuhalten, auszubrechen und Hilfe zu suchen?
Angst, Schuld und Scham spielen eine große Rolle. Je länger sie in die Prostitution gezwungen werden, desto mehr verlieren Betroffene den Bezug zur normalen Welt. Sie kennen nur noch die Beziehung und die erzwungene Prostitution, beide sind geprägt von Gewalt. Der Täter redet dem Mädchen ein, dass ihm eh niemand glauben wird. Es hätte sich doch ohnehin freiwillig prostituiert und sich jederzeit trennen können. Er sagt, es sei nichts ohne ihn – und die Betroffene fängt an, das zu glauben. 

Welche Anzeichen können Angehörige bei Opfern erkennen? 
Die Veränderung beginnt in dem Moment, in dem das Mädchen einen neuen Freund hat. Es trifft sich ständig mit ihm und schreibt ununterbrochen Nachrichten. Auffällig ist, dass diese Veränderung nicht rein positiv ist. Die Betroffene zieht sich mehr und mehr zurück, ist apathisch, traurig und müde. Sie erzählt nichts mehr, ist immer weniger erreichbar, hängt nur noch am Handy, wird vielleicht aggressiv. Sie hält sich nicht mehr an Regeln, kommt abends nicht nach Hause, wird schlechter in der Schule, fehlt auch häufiger im Unterricht. Eine große Menge Bargeld zu finden, ist ebenfalls ein Warnzeichen, genauso wie Reizwäsche, Kondome oder Sexspielzeug. Besonders typisch ist ein Zweithandy. Auf diesem wird sie von dem Loverboy kontaktiert und muss 24/7 erreichbar sein. 

Was können Angehörige tun, um Betroffenen zu helfen?
Das Entscheidende ist, die Beziehung zu dem Mädchen nicht abbrechen zu lassen. Denn für Täter ist ein stabiles Umfeld die größte Bedrohung – allein schaffen es Betroffene oft kaum, sich zu befreien. Angehörige sollten klar vermitteln: Ich bin da, egal was passiert. Ein Satz wie „Ich merke, dass es dir nicht gut geht. Ich mache mir Sorgen und möchte dir helfen“ kann ein Anfang sein. Auch wenn das Mädchen abweisend reagiert, gemein wird oder sagt, es wolle in Ruhe gelassen werden: Dranzubleiben ist wichtig. Viele Betroffene berichten später, dass genau diese konstante Unterstützung ihnen letztlich geholfen hat. 

„Schon in Schulen sollte darüber aufgeklärt werden, dass es die Loverboy-Methode gibt.“

Wann sollten Angehörige die Polizei einschalten?
Erst einmal ist es wichtig, sich Hilfe zu holen und sich gut aufzustellen. Denn auch für Angehörige ist die Situation belastend. Auch sie führen oft ein Doppelleben, schämen sich und machen sich Vorwürfe. Wir bei FairLove bieten zum Beispiel Entlastungsgespräche, Kriseninterventionen und Angehörigengruppen an. Dann muss die Betroffene ins Boot geholt werden. Sie muss gewillt sein, vor Gericht gegen den Täter auszusagen. Wir begleiten zur Polizei und zu Behörden, darüber hinaus sollte juristischer Beistand von Seiten eines Anwalts oder einer Anwältin hinzugezogen werden. Leider kommt es dennoch zu vielen Freisprüchen, weil die Beweislage nicht ausreicht oder es für Betroffene am Ende zu belastend ist, eine Aussage zu machen.  

Was müsste sich ändern, um Mädchen besser vor Loverboys zu schützen?
Es braucht mehr Beratungsstellen, mehr Bildung und Aufklärung. Schon in Schulen sollte darüber aufgeklärt werden, dass es die Loverboy-Methode gibt. Selbst von der Polizei werden Fälle falsch eingeordnet, weil sie nicht wissen, was die Loverboy-Methode ist. Auch Medienkompetenz spielt eine Rolle. Eltern sollten sich mehr damit befassen, wie die digitale Lebenswelt ihrer Kinder aussieht und sie über mögliche Risiken aufklären. Gleichzeitig müssen wir junge Frauen stärken. Mädchen wird in unserer Gesellschaft aufgrund des Patriarchats von klein auf eingeredet, dass sie dafür da sind, einem Mann zu gefallen, und ihr Wert über eine Beziehung bestimmt wird. Wir müssen ihnen beibringen, dass sie Grenzen setzen und Nein sagen dürfen. Und vor allem, dass sie wertvoll sind, unabhängig von der Anerkennung anderer. 

Über das Projekt FairLove

FairLove ist ein Beratungs- und Präventionsprojekt der Fachberatungsstelle Sperrgebiet Hamburg, das sich gegen die Loverboy-Methode und die Prostitution minderjähriger Mädchen und junger Frauen richtet. Es klärt über manipulative Zuhälterstrategien auf und bietet kostenlose, vertrauliche und anonyme Beratung für Betroffene, Angehörige und Fachkräfte – persönlich, telefonisch oder online. Darüber hinaus organisiert FairLove Workshops, Informationsveranstaltungen und Unterstützung beim Ausstieg aus der Prostitution. Auch Betroffene und Angehörige von Betroffenen aus Österreich können sich für eine Erstberatung bei FairLove melden.

Mehr Infos: www.fairlove.sperrgebiet-hamburg.de

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