Bis zum 7. Juni 2026 hätte Österreich die EU-Lohntransparenzrichtlinie in nationales Recht umsetzen müssen. Was bedeutet diese Verzögerung für die Einkommensschere zwischen den Geschlechtern?
In Österreich ist der Gender Pay Gap nach wie vor groß. Vollzeitbeschäftigte Frauen verdienen aktuell 11,6 Prozent weniger als Männer. Nimmt man die Teilzeitbeschäftigten in die Berechnung auf, liegt die Benachteiligung sogar bei 17 Prozent. Damit landet Österreich im EU-Vergleich auf dem drittletzten Platz. Setzt sich das derzeitige Tempo fort, wird sich die Einkommenslücke zwischen den Geschlechtern erst im Jahr 2043 schließen.
Über Geld spricht man nicht
Übers Gehalt zu sprechen, ist hierzulande nach wie vor tabu. Nur 16 Prozent aller Beschäftigten wissen, wie viel ihre Kolleg:innen für vergleichbare Arbeit verdienen. Diese Information würde aber nicht nur die Einkommensunterschiede von Frauen und Männern sichtbar machen, sie würde vielen Frauen auch als Basis für Gehaltsverhandlungen dienen.
Eine EU-Richtlinie soll nun mehr Transparenz bei Gehältern schaffen: Bis zum 7. Juni 2026 haben die Mitgliedstaaten Zeit, die EU-Lohntransparenzrichtlinie in nationales Recht zu überführen. Unternehmen werden dadurch verpflichtet, die Gehälter ihrer Mitarbeiter:innen offenzulegen. Das ist in Österreich allerdings noch nicht passiert: „Die EU-Lohntransparenzrichtlinie wird nicht zeitgerecht umgesetzt, es gibt noch keine Einigung“, sagt Andrea Jäger von der Initiative „Politfrauen* 51%“ im Interview.
„Viele Frauen wissen nicht, dass diese EU-Richtlinie existiert.“
„Die Regierung hatte drei Jahre Zeit, diese Richtlinie umzusetzen. Ich verstehe den Widerstand sehr gut: Einer Vollzeit angestellten Frau entgeht laut der Berechnung des OECD 2024 durchschnittlich 9.046 Euro pro Jahr.“ Geld, das Unternehmen künftig aufbringen müssten. Und: „Viele Frauen wissen nicht, dass diese EU-Richtlinie existiert“, kritisiert Jäger. Politik und Medien halten sich ihrer Meinung nach sehr bedeckt.
Frauenministerin Eva-Maria Holzleitner war vor wenigen Tagen für eine Aussprache im Gleichbehandlungsausschuss des Nationalrats, in der auch die Umsetzung der EU-Richtlinie für mehr Lohntransparenz zur Sprache kam. Das Frauenressort sei für die Ausarbeitung eines Bewertungstools für Arbeitsplätze zuständig gewesen, das „de facto startklar“ sei, so Holzleitner. Und Sozialministerin Korinna Schumann habe bei einer Veranstaltung die Umsetzung klar festgehalten, heißt es in der Presseaussendung.
Industriellenvereinigung: dagegen
Der Präsident der Industriellenvereinigung, Georg Knill, betonte Ende Mai in der „ZIB2“, dass die Einkommensgleichheit zwischen den Geschlechtern ein wichtiges Thema für ihn sei, sprach sich aber dennoch gegen die EU-Richtlinie aus. Diese werde von 25 der 27 EU-Mitgliedstaaten nicht umgesetzt werden, da sei sich Knill sicher, denn sie bedeute zusätzliche Bürokratie: „Ich brauche die Richtlinie nicht“, sagte er.
„Es gibt zwei Gesetze, die Frauen vor Lohndiskriminierung schützen – beide werden täglich ignoriert.“
„Ich höre auch seitens der Wirtschaftskammer, dass die Richtlinie eine erdrückende Belastung ohne Mehrwert sei. Diese Aussage ist meiner Meinung nach eine Verhöhnung aller arbeitenden Frauen, die täglich diskriminiert werden“, betont Aktivistin Jäger. Man brauche eigentlich nur die bestehenden Gesetze einhalten und Frauen für die gleiche Arbeit gleichwertig bezahlen, „dann würde man sich die EU-Richtlinie sparen“, sagt sie. „Es gibt zwei Gesetze, die Frauen vor Lohndiskriminierung schützen: Den Gleichheitsgrundsatz in der Verfassung und das Gleichbehandlungsgesetz – beide werden täglich ignoriert.“
Petition läuft
Ihre ehrenamtliche Initiative „Politfrauen* 51%“ startete bereits vor Monaten eine Petition und hofft auf weitere Unterschriften. „Wir haben große Sorge, dass eine unternehmerfreundliche Richtlinie beschlossen und weiterhin nicht über Löhne gesprochen wird“, erklärt Jäger.
Die EU-Richtlinie setzt bei größeren Unternehmen mit mehr als 100 Beschäftigten an. Dennoch könnten die einzelnen Mitgliedstaaten darüber hinaus auch kleinere Unternehmen zu mehr Lohntransparenz verpflichten. Die Sorge, dass dies nicht geschehen wird, ist groß: „Ich befürchte, es wird bei den Unternehmen mit mehr als 100 Beschäftigten bleiben“, so Jäger. Viele Frauen seien damit weiterhin geschlechtsspezifischer Lohndiskriminierung ausgesetzt.
Österreich ist ein Land der Klein- und Mittelbetriebe. Nur ein Prozent der Unternehmen beschäftigt laut Zahlen des Momentum Instituts mehr als 100 Mitarbeiter:innen. Aufgerechnet würde die EU-Richtlinie immerhin 41,4 Prozent der Erwerbstätigen vor Lohndiskriminierung schützen. Das Fazit von Andrea Jäger fällt eindeutig aus: „Es ist eine Schande, dass Frauen im Jahr 2026 noch immer gleichen Lohn für gleiche Arbeit erkämpfen müssen.“
