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Liebe Christine …

… viel ist geschrieben worden über Dich in letzter Zeit – die traurige Nachricht erreichte mich während meines unbeschwerten Ferienaufenthaltes am Meer.
Ich möcht Dir ganz persönlich danken. Du warst eine Heldin unter den Autorinnen meiner Kindheit. Nein, persönlich gekannt habe ich Dich nicht, nicht einmal bei einer Lesung hab ich Dich in echt gehört – nur auf Kassette und im Radio (so wie den Dschi Dsche-i Dschunior ). Trotzdem kommt mir das Du ganz logisch vor, weil Du mir vertraut bist. Und ich Dir nicht per Sie Danke sagen mag.

Die Rosa Riedl war das erste Buch, das ich von dir gelesen habe. Zuerst mit Skepsis – die Zeichnungen in dem Heyne-Jugendtaschenbuch hab ich schon mit 10 schauerlich gefunden und Bilder waren immer wichtig für mich. (Die Illustrationen deiner Tochter haben mir später viel besser gefallen.) Aber schnell war ich sehr begeistert. Ich hab mir dann auch so ein reales Schutzgespenst gewünscht und es mir vorgestellt. Eine geniale Einrichtung, in vielen Situationen äußerst hilfreich und praktisch!

Und „Zwei Wochen im Mai“, das ich vor „Maikäfer flieg“ gelesen hab, einfach, weil es da war, im Ferienhaus: Deine Erlebnisse im Hernals nach Kriegsende. Erstaunliches hast du darin beschrieben. Deine Fähigkeit, den Zahnschmerz deines Vaters als dunkelrot mit schwarzen Flecken wahrzunehmen, „so groß und so rund und so hart wie eine Glasmurmel“, die sich durch dein langes Streicheln verformt hat zu einem dicken Tropfen, der von der Wange zum Hals gewandert ist (Beltz & Gelberg TB 476, S. 47), das hat mich als Kind echt beeindruckt. Überhaupt: Das Nebeneinander von „Übersinnlichem“, Fantasiegeschöpfen wie das Schutzgespenst, der Zwerg im Kopf, diese doch so echt weil konkret hilfreichen Wesen so ähnlich wie Lobes „Omama im Apfelbaum“ und dem Hierseitigen, Abseitigen, tief Körperlich-Menschlichen.

Danke, Christine, für deine vielen Bücher, die ich teilweise erst als Erwachsene entdeckt habe. Dafür dass ich mit meinem Sohn an den Kassetten mit den Franzgeschichten Spaß haben konnte: „Pflicht“ war ein hässliches Wort, fand der Franz. Und da hat er ganz Recht, wir haben dem sofort zugestimmt. Und seit wir das gehört haben, können wir bei uns in der Familie das Wort „Pflicht“ nicht mehr aussprechen, ohne an deine Stimme und deinen manchmal zu einem schief-hintergründigen Lächeln verzogenen Mund zu denken. Und „kariert im Hirn“ wie der Franz fühlen wir uns ab und zu auch, nur wissen wir jetzt ein Wort für den Zustand.
Danke für das alles und noch viel mehr: Deine unverstellte Ehrlichkeit, deine Offenheit, deine Unverblühmtheit im Benennen von dem, was ist … Du wirst uns fehlen, oder bist du jetzt unser Schutzgespenst? Gerade in dieser Zeit unserer unge-rechten Regierung wäre das sehr tröstlich.

Christine Nöstlinger:
Rosa Riedl Schutzgespenst
ab 10 Jahren
Gulliver Taschenbuch Beltz & Gelberg 1995
(1979 Jugend & Volk, 1982 Heyne Taschenbuch)

Veronika Mayer-Miedl

wurde 1971 geboren und lebt in Ottensheim (OÖ). Als Buchhändlerin sieht sie sich als Vermittlerin – als Leseanimateurin für Kinder besucht sie Bibliotheken und Kindergärten. Ein Fernkurs für Kinderliteratur an der „STUBE Wien“ während ihrer dritten Karenz war ein Glücksfall. Begegnungen bei Seminaren im „Kinderbuchhaus“ gaben neue Ausrichtung und inspirierten zu Referententätigkeit übers Bilderbuch. Mit ihrer schauspielenden Freundin teilt sie neuerdings die Leidenschaft für das japanische Erzähltheater „Kamishibai“ und tritt fallweise als Grille oder sogar Meerjungfrau auf.