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Lesetipp: Zerrissene Leben

Lesetipp: Zerrissene Leben
Foto: Shutterstock
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  • Veröffentlicht: 04.10.2025
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Staunen & Genießen: Autorin und Verlegerin Julia Kospach stellt ihre Buchtipps vor. Von Biografiebrüchen und zweigeteilten Existenzen: Mascha Kalékos Gedichte und Susanne Gregors Roman „Halbe Leben“.

„Ich tat die Augen auf und sah das Helle“

Der Ton ihrer mit schlafwandlerischer Sicherheit komponierten Gedichte voller Ironie und Melancholie traf punktgenau das Lebensgefühl im wilden, bunten Berlin der Zwischenkriegszeit. In den letzten Jahren der Weimarer Republik, die Mascha Kaléko (1907–1975) später „die paar leuchtenden“ nannte, war die junge Dichterin auf dem Weg zum Ruhm. Doch der Nationalsozialismus brach ihre Existenz in zwei Teile. Es folgten Publikationsverbot, Emigration und Entfremdung. Im Leben, so schreibt Daniel Kehlmann, der eine erlesene Auswahl aus Kalékos Lyrik und Prosa zusammengestellt hat, fand Kaléko „nie wieder festen Tritt“. Als Künstlerin aber „kam sie in diesen schweren Jahren erst ganz zu sich“: Ihre perfekten Reime erzählen nun allerdings vor allem von Verlust, Trauer und Heimatlosigkeit, aber auch von der Liebe. Ohne den Biografiebruch hätten Kalékos Gedichte, so Kehlmann, in ihrer Eingängigkeit das Zeug gehabt, so populär zu werden wie jene von Ringelnatz oder Kästner. Tatsächlich wurde Kaléko erst mit großer Verspätung wieder bekannt. In dieser in hoffnungsfroh-heiteres hellgrünes Leinen gebundenen bibliophilen Anthologie lässt sich die Dichterin aufs Schönste entdecken.

Roman „Halbe Leben“

Eine ganz andere Art von Biografiebrüchen spielt in dem neuen Roman „Halbe Leben“ von Susanne Gregor eine Rolle. Darin erzählt die österreichische Autorin anhand der Arbeitsbeziehung zwischen Klara und Paulìna, der slowakischen Pflegerin von Klaras Mutter, über Ungleichheit, weibliche Doppelbelastung, Privilegien, soziale Hierarchien und die Zufälligkeit von Herkunftsbedingungen. Susanne Gregor lässt ihren Roman mit Klaras Unfalltod beginnen: Es ist ein großer Tusch, von dem aus sie zurückblickt auf die langsame Entwicklung von Unstimmigkeiten und Dissonanzen zwischen ihren Figuren. Beste Absichten auf allen Seiten reichen nicht aus, die Schieflage von Herkünften und Interessen auszugleichen. Denn während Klaras Familie durch Paulìnas Arbeit entlastet wird und Freiraum und Sorgenfreiheit zurückgewinnt, bleibt Paulìna trotz aller Freundschaftsbekundungen in der Rolle eines dienstbaren Geistes, dessen eigene Kinder zu Hause in der Slowakei von der Schwiegermutter betreut werden.

Foto: Zsolnay

Susanne Gregor: Halbe Leben. Zsolnay, 23,70 Euro. Hier erhältlich.

Foto: dtv

Mascha Kaléko: Ich tat die Augen auf und sah das Helle. Gedichte und Prosa. Ausgewählt und mit einem Vorwort von Daniel Kehlmann. dtv, 21,20 Euro. Hier erhältlich.

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