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Lesetipp: Billigsdorfer und Badewannenbewohner

Lesetipp: Billigsdorfer und Badewannenbewohner
Foto: Shutterstock
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  • Veröffentlicht: 06.09.2025
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Lesestoff zum Staunen und Genießen. Zwei Romane erzählen auf ganz unterschiedliche Art vom Leben in beengten Verhältnissen.

Gegen Nacktschnecken sollen Bierfallen eine gute Wirkung erzielen. Doch wie wird man den arbeitsscheuen und recht unansehnlichen Freund der Mutter, der sich in der vaterlosen Familie eingenistet hat, los? Auch er erliegt der Anziehungskraft des Gerstensaftes und konsumiert ihn in großen Mengen heimlich im Keller. Eines Abends schafft er es gerade noch über die Stufen zum gemeinsamen Nachtmahl, dann sackt er auf dem Boden zusammen „wie ein aufgeschnittenes Wurstraderl aufs Feinkost-papier“. Die Rettung nimmt Manfred mit, doch im Unterschied zu den Nacktschnecken, die im Bier ihre letzte Ruhestatt finden, kommt er zurück. Manfred ist freilich nicht die einzige Sorge der Volksschülerin Charlotte: Die Mutter ist nach einer Hirnblutung nicht mehr voll arbeitsfähig und verliert ihren Job, was die finanziell ohnehin schon angespannte Lage der Familie verschärft.

Es muss gespart werden, wo es nur geht: „Wir sind die Billigsdorfer“, lautet die Devise. Charlotte wäre gern unangepasst wie Pippi Langstrumpf, aber die Umstände zwingen sie, wie Annika die Vernünftige zu sein. Eindringlich und mit einem guten Gespür für Situationskomik schildert Annemarie Andre das Milieu der Einkommensschwachen aus der Perspektive einer Heranwachsenden, die sich damit arrangieren muss.

Der Opernsänger Sebastian Saum hingegen hat seine Einschränkung selbst gewählt: Aus einer Nacht in der Badewanne, zustande gekommen aus dem Bedürfnis, einmal etwas anderes zu erleben als die schillernde Welt der Bühne, werden viele. Möglich wird dies durch die Fürsorglichkeit seines treuen Freundes Franz, der ihm nicht nur Lebensnotwendiges an die Badewanne bringt, sondern auch spezielle Vorlieben wie Heringe aus Holland befriedigt. Wenn das Glas in die Wanne kippt und die Heringe samt Zwiebelringen im Wasser schwimmen, muss es ausgelassen werden, das erledigt Sebastian selbst. Die leere Wanne wird zum Rettungsboot. Ansonsten hat er viel Zeit, über sein bisheriges Leben nachzudenken, die Dinge zu sortieren in notwendige und weniger notwendige. So kommt er zur Erkenntnis: „Möglich ist der Aufstand nur im Kleinen.“ Franz hingegen verliert die Geduld, bezeichnet die Aktion als Wahnsinn und schränkt die Zuwendung zunehmend ein. Wird er Sebastian dazu bewegen können, in die „Normalität“ zurückzukehren?

Foto: Müry Salzmann

Annemarie Andre: Nacktschnecken. Müry Salzmann, 25 Euro. Hier erhältlich.

Foto: Jung und Jung

Tine Melzer: Do Re Mi Fa So. Jung und Jung, 22 Euro. Hier erhältlich.

Astrid Graf-Wintersberger liebt Bücher. Das ist nicht zuletzt ihrer langjährigen Tätigkeit im Verlagswesen geschuldet.

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