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Schloss Hartheim: Lebensspuren von Opfern und Tätern

Schloss Hartheim: Lebensspuren von Opfern und Tätern
Ulrike Hauer ist Opfer-Angehörige. Lange war es ein Familiengeheimnis, dass ihre Großmutter während der NS-Zeit im Rahmen der sogenannten Aktion…
Foto: Thomas Hackl / MINAPictures
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  • Veröffentlicht: 23.06.2025
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In ihrem neuen Dokumentarfilm "Schloss Hartheim - Menschen in der NS-Mordanstalt" gehen Martina Hechenberger und Thomas Hackl Lebensspuren von Opfern und Tätern nach.

Mit großem Aufwand versuchten die Nationalsozialist:innen die Ermordung physisch und psychisch beeinträchtigter Menschen im Zuge der Aktion T4 zu vertuschen. Im gesamten Deutschen Reich gab es 70.000 Opfer, allein im Schloss Hartheim im oberösterreichischen Alkoven waren es rund 18.000. Die Briefe, mit denen Angehörige vom Tod ihrer Liebsten verständigt wurden, enthielten falsche Orts- und Zeitangaben und gefälschte Todesursachen wie Lungenentzündung. Tatsächlich wurden die Opfer sofort nach der Ankunft in einer der T4-Todesstätten vergast. „Im Schloss Hartheim war ein großes Standesamt eingerichtet, in dem gefälschte Sterbeurkunden erstellt wurden. Dokumente, die bis heute nicht berichtigt worden sind“, erzählt Filmemacherin Martina Hechenberger, die sich gemeinsam mit Regisseur Thomas Hackl, einem gebürtigen Alkovener, bereits in mehreren Dokus der Zeit des Nationalsozialismus gewidmet hat. Um den geheimen Massenmord zu verschleiern, erfolgte die Beurkundung der Todesfälle aus weit entfernten Anstalten. Sogar die Krankenakte und persönlichen Gegenstände der Opfer wurden dorthin transportiert, falls Angehörige diese anforderten. Das Todesdatum wurde meist zwei bis drei Wochen nach der Ermordung der PatientInnen beurkundet, um Pflegegeld verrechnen zu können. Über diesen Betrug wurde die Aktion T4 zum Teil finanziert.

„„Immer wieder fanden Menschen erst Jahrzehnte später heraus, dass eine Verwandte oder ein Verwandter in Hartheim umgekommen ist.““
Martina Hechenberger

Trotz all der gezielten Irreführung gibt es bis heute immer wieder neue Forschungserkenntnisse, mit denen Lebensspuren von Menschen, die mit Hartheim in Verbindung standen, nachgezeichnet werden können. „In unserer Dokumentation kommen zudem Opfer, Täter und Zeitzeugen wie Nachbarn zu Wort“, erklärt Hechenberger, die für Kamera und Schnitt verantwortlich zeichnet. „Es geht darum, was dieses Mordschloss mit Menschen gemacht hat.“ Eine filmische Spurensuche, die durch eine grausame Geschichte führt. Porträtiert werden in der Doku auch WiderstandskämpferInnen, die sich in Alkoven gegen die Todesmaschinerie im Schloss gewehrt haben. 14 Personen wurden verhaftet, zwei wegen ihrer regimekritischen Haltung hingerichtet.

Von links: die FilmemacherInnen Martina Hechenberger und Thomas Hackl mit dem Leiter des Lern- und Gedenkorts Hartheim Florian Schwanninger
Foto: Thomas Hackl / MINAPictures

„Immer wieder fanden Menschen erst Jahrzehnte später heraus, dass eine Verwandte oder ein Verwandter in Hartheim umgekommen ist“, erzählt Hechenberger. So sprach das Filmteam etwa mit Ulrike Hauer, die lange nichts davon gewusst habe, dass ihre Großmutter im Schloss ermordet wurde. Hauers Vater habe ihr schließlich irgendwann von seiner letzten Begegnung mit seiner Mutter erzählt, die ihm nach einem Besuch aus einem Fenster der Linzer Nervenheilanstalt Niedernhart, später bekannt als Wagner-Jauregg, zugewinkt habe. Es sollte das letzte Mal sein, dass er sie sah. Nachdem bei Hauers Großmutter eine psychische Erkrankung diagnostiziert worden war, war sie von zuhause abgeholt und neun Jahre in der Anstalt eingesperrt worden. Wenige Monate, nachdem sich ihr Mann von ihr scheiden lassen hatte, wurde sie in Hartheim ermordet.

Ein einziger Fall sei belegt, in dem jemand der Tötungsmaschinerie von Hartheim entkommen sei, so die Filmemacherin: Quasi in letzter Sekunde fand man in der Linzer Nervenheilanstalt heraus, dass es sich bei dem für die Ermordung in Hartheim vorgesehenen Mann um den Hausdiener des Direktors der Heil- und Pflegeanstalt Mauer-Öhling handelte. Das bewahrte den psychisch kranken Mann vor dem sicheren Tod.

Bis heute werden nicht nur regelmäßig neue Forschungserkenntnisse gewonnen, sondern auch Fundstücke entdeckt.
Foto: Thomas Hackl / MINAPictures

Jüngere Generationen würden heute viel offener mit der Vergangenheit umgehen, so Hechenberger: „Sie fragen sich: Wer waren meine Vorfahren und was hat das mit mir und meiner Biografie zu tun? Manche, die von solchen Geschichten aus ihren Familien erfahren, sind so betroffen, dass sich das in ihrer Biografie niederschlägt“, erzählt Hechenberger. Das Wissen, dass ein Verwandter der SS angehört hatte und in Hartheim und in einem großen Konzentrationslager für die Vernichtung von Menschen verantwortlich war, sei einer der Gründe dafür gewesen, dass ein Mann, auf den sie im Zuge ihrer Recherchen gestoßen seien, einen sozialen Beruf gewählt habe, in dem der Wert des Menschen eine große Rolle spielt. So etwas wie Erbschuld habe er aber nicht gefühlt. „Trotzdem ist es oft schwieriger, die Vergangenheit zu negieren, weil das größere Löcher und damit Fragen hinterlässt.“

Foto: Thomas Hackl / MINAPictures

Damit schlägt der Film die Brücke ins Heute. Auf Archivmaterial aus der Zeit verzichteten die FilmemacherInnen bewusst. Hechenberger: „Wir wollen die Propaganda von damals zur Rechtfertigung der Selektion, der Aussonderung und Vernichtung von psychisch und physisch Beeinträchtigten nicht wieder verbreiten.“ Ihre Botschaft: „Hinsehen und Schicksale betrachten, um zu wissen, was wirklich passiert ist, denn mit dem Wissen beginnt das Verstehen.“

Transparenzhinweis: Dieser Artikel erschien erstmals im März 2025 und wurde aktualisiert. 

Melanie Wagenhofer

Chefredakteurin Print und Podcast

Ein Nachrichtenjunkie vertieft sich: Nach vielen Jahren im Tagesgeschäft liebt Melanie Wagenhofer es, sich ausführlich mit dem, was Frauen bewegt, zu beschäftigen und darüber zu schreiben – vorzugsweise, wenn es dabei um Zeitgeschichte, Kultur, Reisen, Kulinarik und besondere Menschen geht. Die gebürtige Mühlviertlerin hat Deutsch und Geschichte studiert und mehrere Bücher geschrieben.

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Foto: Barbara Aichinger


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