Bauchschmerzen, Durchfall oder Verstopfung – das Reizdarmsyndrom ist für viele Menschen ein belastender Begleiter. Warum der Darm so sensibel reagiert, welche Rolle Stress spielt und wie eine passende Ernährung helfen kann.
Endlich Feierabend. Anja steht im Supermarkt und fragt sich, ob sie überhaupt noch etwas essen soll und wenn ja, was? Schon am Morgen hatte sie, wie so oft, Bauchkrämpfe. Später im Büro kam plötzlich Durchfall dazu, jetzt fühlt sich ihr Bauch unangenehm aufgebläht an. Das eigentlich für heute Abend geplante Treffen mit ihren Freundinnen hat sie am Nachmittag bereits abgesagt. Einladungen lösen mittlerweile eher Stress als Vorfreude aus. Selbst vor beruflichen Terminen kreisen ihre Gedanken nur noch darum, wo die nächste Toilette ist. Mal plagen sie heftige Durchfälle, dann wieder tagelange Verstopfung – ein Wechselspiel, das verunsichert, Kraft raubt und zermürbt.
So wie Anja geht es vielen Betroffenen. Schätzungen zufolge leiden allein in Österreich rund eine Million Menschen an einem Reizdarmsyndrom. Treffen kann es jeden, am häufigsten zeigt es sich jedoch bei Personen zwischen 20 und 50 Jahren. Frauen leiden etwa doppelt so oft darunter wie Männer. Trauriges Detail: Im Durchschnitt dauert es etwa acht Jahre, bis die Diagnose gestellt wird. Der Grund: Die Symptome sind vielfältig, wechseln oft und ähneln anderen Erkrankungen. Meist müssen zuerst zahlreiche Untersuchungen erfolgen, um organische Ursachen auszuschließen. Erst wenn keine klar nachweisbare Erkrankung gefunden wird, spricht man von einem Reizdarmsyndrom.
Wenn der Darm streikt
Was genau steckt eigentlich hinter dem Reizdarmsyndrom? Medizinerinnen und Mediziner sprechen von einer funktionellen Störung des Verdauungssystems. Der Darm arbeitet also nicht so, wie er soll, obwohl keine Erkrankungen oder sichtbaren Schäden festgestellt werden können. Im Mittelpunkt steht dabei die sogenannte Darm-Hirn-Achse, ein sensibles Kommunikationssystem zwischen Verdauungstrakt und Nervensystem. Gerät dieses feine Zusammenspiel aus dem Takt, reagiert der Darm überempfindlich mit Schmerzen, Blähungen oder Verdauungsbeschwerden.
Das bestätigt auch Diätologin Martina Backhausen. In ihrer Praxis erlebt sie immer wieder, wie eng Bauch und Psyche miteinander verbunden sind. „Stress und psychische Belastungen zählen zu den häufigsten Auslösern des Reizdarmsyndroms.“ Backhausen betrachtet die Erkrankung daher ganzheitlich und findet ein treffendes Bild dafür: „Man kann das Ganze auch positiv sehen: Menschen mit Reizdarmsyndrom tragen einen Seismographen in sich, der genau anzeigt, wenn etwas im Außen nicht passt.“
Die Vielfalt des Reizdarms
Die Symptome selbst sind so vielfältig wie die Betroffenen. Während manche vor allem unter Bauchschmerzen oder starken Blähungen leiden, kämpfen andere mit Durchfällen, Verstopfung oder einem unangenehmen Druckgefühl im Bauch. Häufig wechseln sich die Beschwerden ab, manchmal sogar innerhalb weniger Tage. Viele Betroffene haben zudem das Gefühl, dass ihr Bauch plötzlich und unvorhersehbar reagiert – ein Umstand, der im Alltag enorm belastend sein kann.
Medizinisch wird das Reizdarmsyndrom in vier verschiedene Typen eingeteilt. Beim diarrhö-dominanten Typ (RDS-D) macht sich häufiger Durchfall bemerkbar. Betroffene müssen plötzlich dringend zur Toilette, was besonders unterwegs oder im Berufsalltag Stress auslösen kann. Beim obstipations-dominanten Typ (RDS-O) hingegen arbeitet der Darm zu langsam. Verstopfung, harter Stuhl und das Gefühl, nicht vollständig entleeren zu können, sind typisch. Sehr häufig ist auch die gemischte Form (RDS-M und RDS-A), bei der sich Durchfall und Verstopfung abwechseln, manchmal begleitet von starken Blähungen und Bauchkrämpfen. Daneben gibt es Betroffene, deren Beschwerden zwar typisch sind, sich aber keinem eindeutigen Muster zuordnen lassen. Hier spricht man von einem Reizdarm ohne klaren Subtyp. Dabei ist diese Einteilung mehr als eine medizinische Formalität, denn je nach Typ unterscheiden sich die Empfehlungen deutlich – sowohl bei der Ernährung als auch bei begleitenden Therapien.
Wichtig ist außerdem die Abgrenzung zu Nahrungsmittelunverträglichkeiten wie Laktose-, Fruktose- oder Glutenunverträglichkeit. Diese haben klar definierte Ursachen und können mit Tests nachgewiesen werden.
Essen ohne Angst
Ist die Diagnose „Reizdarmsyndrom“ erst einmal gestellt, empfiehlt sich im ersten Schritt das Führen eines Ernährungs- und Symptomtagebuchs. Dabei geht es nicht nur darum, was gegessen wurde, sondern auch wann, in welcher Situation und unter welchem Stresslevel. Viele Betroffene erkennen erst dadurch, dass nicht allein ein Lebensmittel, sondern auch Zeitdruck, hastiges Essen oder emotionale Belastungen eine Rolle spielen.
Häufig folgt darauf die sogenannte Low-FODMAP-Diät (die Abkürzung steht für Fermentierbare Oligosaccharide, Disaccharide, Monosaccharide und (and) Polyole). FODMAPs sind bestimmte kurzkettige Kohlenhydrate, die im Dünndarm schlecht aufgenommen und im Dickdarm von Bakterien vergoren werden. Das ist eigentlich von großem Vorteil für die Darmflora und bei gesunden Menschen kein Problem, aber bei Reizdarm-Betroffenen kann dieser Fermentierungsprozess zu unangenehmen Blähungen, Durchfall, Verstopfung und Schmerzen führen.
