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KW 47/2014: Rote Tasche

Diese Tasche fand ich im Büro eines Menschen, der nichts wegschmeißen kann. Der Raum war über und über angefüllt mit Papieren, ausrangierte Bürostühle standen herum, tote Telefone und ungeleerte Aschenbecher, verschmutze Computertastaturen und blinde Monitore, als habe der Besitzer den alten PC jeweils nur zur Seite geschoben, wenn er einen neuen installierte. In einer Ecke türmten sich genau zehn aufeinander geschichtete Koffer, abgenutzt aber offenbar immer noch nicht reif für die Mülltonne

Inmitten all des Chaos lag achtlos auch die rote Tasche. Eigenartigerweise erinnerte sie mich an eine rote Tasche aus der Kriegserzählung einer mittlerweile sehr alten Dame. Frau S. war  im Winter 1944/45 vor den Russen geflohen, von Königsberg aus zu Fuß übers zugefrorene Haff auf die frische Nehrung, dann weiter nach Danzig. Die Bilder dieser Flucht haben sie ein Leben lang nicht losgelassen. Mit einer Gruppe von Mitschülerinnen machte sie sich auf den Weg übers Eis. Die meisten hatten ihr Hab und Gut in Koffer gepackt, sie selbst aber – so erzählte sie mir – nahm nur eine kleine rote Handtasche mit. Als sie nach ein paar hundert Metern merkte, dass auch diese Tasche beim Gehen hindern würde, warf sie sie in hohem Bogen fort. Frau S. ist eine zupackende, pragmatische und unsentimentale Frau.

Rote Tasche im engen Zwielicht eines sich erstickenden Büros. Rote Tasche in der eisigen Weite des grellen Haffs. Zurückgelassen sind sie beide. Wir werden uns von Dingen trennen, ganz gleich, ob wir die Kraft haben, sie fortzuwerfen oder nicht.