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KW 46/2014: Kaliningrad-Ticket

Weil man ja nicht wirklich rauskommt aus dem Alltagstrott und einem fast immer nur die bekannten Dinge begegnen, bat ich eine Kollegin, die gerade in Kaliningrad lebt, sie möge mir von dort das Foto einer eigenwilligen Sache schicken. Als Gastding für meinen Blog sozusagen. Sie sandte gleich mehreres: Schrumpelkarotten im Glas standen zur Auswahl – ich liebe Möhren, sie sind der Treibstoff meiner Texte – oder ein hübsch marodes Waschbecken mit altertümlichstem Wasserhahn.

Aber ich habe mich für diese Fahrkartenrollen entschieden, von denen ich annehme, dass sie aus einer Straßenbahn stammen. Für Westler wirkt der rote Aufdruck mit den schwarz hineingestapften Zahlen wie Retro-Design. In ihrer Altertümlichkeit und ihrem Format erinnern mich diese Tickets an die kleinen Bahnfahrkarten, die es in meiner Jugendzeit in Westdeutschland gab. Sie waren aus festem Karton und hatten eine leichte Rückwärtsbiegung, die von dem Druckautomaten stammte, aus dem die Schalterbeamten sie herausschnappen ließen.

Tickets sind mächtige Dinge, sie erlauben Zugang oder sperren ihn, geben Berechtigung oder entziehen sie und machen genauso nervös wie Schlüssel. Man will sie nicht verlieren, verlegen. Die Kaliningrader Zettelchen allerdings scheinen mit einem Auge zu zwinkern. Sie demonstrieren auf charmant nachlässige Weise ihr eigentlich flüchtiges Wesen. In den Straßenbahnen der DDR gab es ähnliche. Papier und Peis waren so billig, dass man niemals fürchten musste, dieses Fetzchen könne jemand kontrollieren. Ein Fahrschein als Persiflage des Tickets – das war eine der kleinen Utopien, die sich im Sozialismus versteckten.