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Kleinkriege kann man doch von zuhause aus beenden!

Henriette Schöbel, stillende Mutter in Unterfelden, schreibt ihren ersten Brief am 31. Dezember 2017. Es werden bis zum 31. Dezember 2018 zahlreiche wütende Briefe an Nutella, Jesu, den Bürgermeister, den Bundeskanzler, Buddha, die Frauenministerin, das Murmeltier, den Frosch, Schneewittchen, Madonna, Rosa Luxemburg und an das Loch folgen. Dazwischen schreibt sie kürzere, liebevolle Briefe an den Sohn, ein Kleinkind, denn den Begriff „Baby“ mag die Briefschreiberin nicht.

Wüsste man nicht, dass das Buch bereits am Markt ist, könnte man versucht sein, diese Isolation, diese Wut, diese Verzweiflung, diesen Kampf gegen überhöhte Erwartungen als Reaktionen auf Quarantäne bzw. Selbstisolation zu schieben. Aber sie darf ja raus, die junge Mutter mit dem kleinen Sohn, an öffentlichen lauten Orten wie McDonald-Filialen die Stille suchen und Briefe schreiben. Und die Aufdringlichkeit des Frittierfettes als Bodenhaftung der Texte erkennen und Wort für Wort auch wieder abstreifen.

Mit Wörtern den Tag überstehen

Henriette Schöbel hat Großes vor: Sie, die stillende Mutter in Unterfelden, will so manche Kleinkriege von zuhause aus beenden. Sie sagt dem Loch den Kampf an, muss diesen Kampf häufig unterbrechen, der Kleine schreit, wimmert oder kackt. Aber dann geht es weiter, bereits am 1. Jänner 2018 schreibt Henriette – sie wurde mir beim Lesen so vertraut, dass ich diese fiktive Ich-Schreiberin jetzt beim Vornamen nennen will – an Jesus.

Wie beginnt ein Brief an dich? Wie beginnt ein Brief? Oha, er kackt schon. So sicherlich nicht. Aber es ist der Satz, der nach acht Monaten totaler Mutterschaft endlich einmal aufgeschrieben gehört. Damit er da steht. Buchstaben. Schrift. Zeichen auf weiß.

Simone Hirth beschreibt dieses Ringen um Worte ohne Pathos, sie schildert kleine Schritte der Veränderung, sie benennt Scheitern und Überfordertsein. Der Sohn der Briefschreiberin schläft schlecht, spuckt Brei aus und weint: Kein Drama, sondern Alltag. Da bräuchte man die Worthülsen der Frauenministerin und des Kanzlers ebenso wenig wie das Nutella-Glas, das die Schwiegermutter in den Kühlschrank stellte. Es mischen sich ja alle ein, Jesu und Mohammed, die glauben auch, noch etwas sagen zu müssen. Die Briefschreiberin kennt viele Rollen, sie ist Bergsteigerin in ihren Briefen ans Murmeltier, nennt sich „eine Gläubige“, wenn sie an Buddha, Jesu und Mohammed schreibt; Briefe ans Loch unterzeichnet sie schlicht mit „von mir“. Ein Schreibstipendium in Breslova, Erinnerungen an das Literaturinstitut, der Besuch der örtlichen Bücherei von Unterfelden. Und jetzt kommt das Allerschönste, ein Satz, den ich jeder Bibliothek an die Tür schreiben werde, zitiert aus Henriettes Brief vom 31. Dezember 2018 ans Loch:

Aber ich habe, was ich habe, und das ist zu groß und zu sperrig, um es zu verschlucken, und es wird immer größer: Ich habe einen Sohn. Ich habe einen Wortschatz. Und einen Schlüssel für die Bücherei.

Was Sie versäumen, wenn Sie diesen Briefroman nicht lesen

Differenzierte Weltsicht, Klugheit, Möglichkeiten, sich mit der Welt auseinanderzusetzen, klar formulierte Anfragen an so genannte Autoritäten, Witz, Ironie, viel Liebe – und die unbändige Lust, sich in einer Bibliothek einschreiben zu lassen und – besser noch – dort Mitarbeiterin zu werden.

Die Autorin Simone Hirth

ist 1985 in Freudenstadt geboren und in Lützenhardt aufgewachsen. Stünde das nicht im Buch, ich hielte diese Orte für erfunden. Am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig hat sie studiert, jetzt lebt sie in Kirchstetten in Niederösterreich. Sie erhielt zahlreiche Stipendien und Literaturpreise, ihr Debütroman „Lied über eine geeignete Stelle für eine Notunterkunft“ war für den Alpha Literaturpreis nominiert. 2018 erschien ihr Roman Bananama.

Simone Hirth:
Das Loch.
Briefroman.
Wien: kremayr & scheriau 2020.
272 Seiten.

Christina RepolustChristina Repolust

Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss, wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.”
www.sprachbilder.at

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