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04-05/2026

Eine Familie, viele Sprachen: Wie erziehe ich mein Kind bilingual?

Eine Familie, viele Sprachen: Wie erziehe ich mein Kind bilingual?
Foto: shutterstock
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  • Veröffentlicht: 29.04.2026
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Wie viele Sprachen kann ein Kind lernen? Und können Kinder durch Mehrsprachigkeit verwirrt werden? Redakteurin Julia Langeneder fragt nach, wie mehrsprachige Erziehung gelingen kann.

Freude und Relevanz statt Zwang und Druck: Wie mehrsprachige Erziehung gelingen kann, hängt von vielen Faktoren ab – von der eigenen Sprachbiografie bis zum gelebten Familienalltag. Für „Julias Familienrat“ führt Redakteurin Julia Langeneder ein Gespräch mit der Mehrsprachigkeitsexpertin Adeline Hurmaci und Manuel Mayerhoffer, Vater von zwei Kindern, die mehrsprachig aufwachsen. Vom Familienalltag zwischen Anspruch und Aushandlung – und der Suche nach einem Modell, das für Eltern und Kinder funktioniert.

Sie erziehen Ihre Kinder zwei- beziehungsweise dreisprachig. Wie sieht das konkret aus?
Adeline Hurmaci: Ich komme aus Frankreich, lebe seit 15 Jahren in Deutschland, und unsere Kinder wachsen dreisprachig auf. Ich spreche Französisch mit ihnen, mein Mann Türkisch, und im Umfeld lernen sie Deutsch. Mit dem ersten Kind hat das nicht so funktioniert, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich habe mich beruflich immer schon mit Sprache beschäftigt, und diese Erfahrung hat letztlich dazu geführt, mich auf frühkindliche Mehrsprachigkeit zu spezialisieren.  

Manuel Mayerhoffer: Ich habe meine Frau, sie ist Tschechin, bei einem Auslandssemester in Italien kennengelernt. Unsere Beziehung hat auf Englisch begonnen. Wir haben fast fünf Jahre in Tschechien gelebt, ich habe Tschechisch gelernt, und seit fünf Jahren leben wir in Deutschland. Wenn ich mit den Kindern allein bin, rede ich Deutsch mit ihnen, ansonsten ist Tschechisch unsere Familiensprache. Meine Frau und ich reden noch Englisch miteinander, unser Sohn versteht vieles davon. 

Frau Hurmaci, muss man „Native Speaker:in“ sein, um sein Kind multilingual zu erziehen? Und wie geht man es an?
Hurmaci: Es ist sehr wichtig, dass man als Hauptkommunikationssprache mit seinem Kind eine Sprache wählt, in der man sich sicher fühlt und authentisch ausdrücken kann. Man sollte nicht das Gefühl haben, in der Kommunikation eingeschränkt zu sein. Kinder lernen Sprachen über Emotionen und Interaktion. Ich sage in der Beratung aber auch: Du darfst auch eine andere Sprache mit deinem Kind sprechen, zum Beispiel, wenn du damit eine andere Sprache unterstützt. Herr Mayerhoffer macht das, indem er Tschechisch spricht und damit die Sprache seiner Frau unterstützt. Es braucht aber auch immer die Relevanz der Sprache. Diese kann man über verschiedene Wege steuern. 

Und zwar?
Hurmaci: Ein Weg ist, dass man mehrere Personen im Umfeld des Kindes involviert, die auch diese Sprache sprechen oder zumindest Interesse dafür zeigen. Wir haben Türkisch als Familiensprache, und indem ich Türkisch spreche, zeige ich, dass diese Sprache eine Relevanz hat. Nun wird das ältere Kind älter, die Themen werden komplexer. Ich stelle fest, dass manchmal auch ein bisschen Deutsch mit einfließt, aber das darf sein. Mehrsprachigkeit wird gelebt, die Kinder wachsen damit auf, dass Sprachen gewechselt werden. Es ist aber auch wichtig, eine Struktur zu haben, weil gerade die Nicht-Landessprachen einen gewissen Raum und Konsequenz brauchen. Sonst ist das Risiko sehr hoch, dass sie irgendwann nicht mehr Teil des Alltags sind.  

Es verwirrt das Kind also nicht, wenn man zwei oder mehrere verschiedene Sprachen mit ihm spricht?
Hurmaci: Nein. Wichtig ist, sich vorab zu überlegen: Was möchten wir gerne erreichen? Was wünschen wir uns für unser Kind, unsere Familie, die Beziehung zu Verwandten und zu Familien im Herkunftsland? Und dann eine Strategie zu entwickeln, die den Einsatz der Sprachen klar strukturiert.  

Herr Mayerhoffer, was sind Ihre Beweggründe für die mehrsprachige Erziehung?
Mayerhoffer: Mein Vater ist in Italien geboren und als Kind nach Deutschland emigriert. Ich bin aber nur mit Deutsch als Muttersprache aufgewachsen. Ich hätte sehr leicht eine andere Sprache mitnehmen können. Letztlich musste ich Italienisch selbst lernen. Weltweit gibt es viele Kulturen, in denen zwei oder mehr Sprachen Standard sind. Wir sind gerade für ein paar Wochen in Tschechien bei der Familie meiner Frau, und hier spricht niemand Deutsch. Für unseren Sohn ist das sehr spannend zu erleben, weil er auch viel Deutsch mit meiner Frau – sie kann sehr gut Deutsch – redet. Sie wiederholt das, was er auf Tschechisch sagen hätte sollen, etwa: „Dej mi vodu!“ (Gib mir Wasser), und reagiert auch konsequent auf Tschechisch. Für mich persönlich ist es manchmal anstrengend und ermüdend, Tschechisch zu sprechen, und ich könnte manches schneller auf Deutsch sagen. Aber es ist uns wichtig, dass unsere Kinder unsere beiden Muttersprachen beherrschen, weil es aus unserer Sicht ein großer Teil ihrer Identität ist und ihnen in der Zukunft viele Türen öffnen wird.  

Schon gewusst? 

  • Bei mehr als 7.000 Sprachen und 195 Staaten gehören für die meisten Menschen mehrere Sprachen zum Alltag.  
  • Studien zeigen, dass mehrsprachige Menschen über eine höhere kognitive Flexibilität und ein besseres Arbeitsgedächtnis verfügen. 
  • Es gibt verschiedene Methoden für die mehrsprachige Erziehung:
  • One Person One Language (OPOL): Jeder Elternteil entscheidet sich für eine Sprache, die er mit dem Kind spricht.
  • Time and Place: Die Sprachen werden je nach Situation gewechselt.
  • Home and Environment Language: Eine Sprache wird zu Hause gesprochen und eine Sprache im Umfeld. 

Welche Fehler kann man machen?
Hurmaci: Der häufigste Fehler ist, es zu spät anzugehen und mit dem Gedanken zu starten: Das wird schon laufen, jeder spricht einfach seine Sprache. So sind wir damals vor fast zehn Jahren auch gestartet. Meine Erfahrung mit Familien hat gezeigt: Je früher man ansetzt – also, sobald ein Kind anfängt, zu kommunizieren – desto besser funktioniert es.  

Und wann ist es zu spät?
Hurmaci: Es ist nie wirklich zu spät, eine neue Sprache einzuführen, aber es erfordert mehr Arbeit. Wichtig ist, dass das Kind nicht zu spät mit der „Schulsprache“ in Berührung kommt. Es gibt heute viele Familien, die die Schulsprache zu Hause nicht sprechen. Wenn das Kind erst mit drei Jahren in den Kindergarten kommt und es nur drei Jahre Zeit hat, um diese Sprache bis zum Schulbeginn zu lernen, kann das in einer Kita, in der nur wenige Kinder sind, es viel Interaktion gibt und das Kind sprachlich gefördert werden kann, wunderbar funktionieren. Aber in der Realität sieht es oft anders aus, und die Kinder haben nicht genug Zeit bis zum Schuleintritt, um wirklich auf das Niveau zu kommen. Wenn die Schulsprache zu Hause nicht gesprochen wird, ist das kein Problem. Man sollte aber darauf achten, dass das Kind früh genug Kontakt zu dieser Sprache hat.  

„Nach einem Jahr Kita verweigerte unser Sohn Französisch und Türkisch und sprach nur noch Deutsch.“
Adeline Hurmaci

Was kann man tun, wenn das Kind plötzlich eine Sprache verweigert?
Hurmaci: Nach einem Jahr Kita verweigerte unser Sohn Französisch und Türkisch und sprach nur noch Deutsch. Wir wollten keinen Druck ausüben, und da ich im wissenschaftlichen Bereich tätig war, nahm ich Kontakt zu anderen Wissenschaftler:innen auf, fand keine für uns passende Methode und entwickelte so meine eigene, die sich bei unserem Sohn als fruchtbar erwies. Was macht man, wenn ein Kind Sprachen verweigert? Zuerst einmal: nicht persönlich nehmen, auch wenn man das Gefühl hat, das Kind verweigert mich als Person, sondern sich bewusst werden: Es ist keine Abneigung mir gegenüber, sondern es ist eine Unsicherheit. Das Kind fühlt sich nicht sicher genug in der Sprache. Es kann auch noch andere Ursachen geben: eine negative Erfahrung in dieser Sprache etwa. Es geht also darum, in einem zweiten Schritt die Ursachen herauszufinden und dann wieder die Freude und die Verbindung zur Sprache herzustellen – durch Sachen, die Freude machen. 

Herr Mayerhoffer, gab es bei Ihnen ähnliche Krisen?
Mayerhoffer: Verweigerung nicht, aber Krisen schon. Vor etwa einem halben Jahr stellten wir eine stärkere Verweigerung von Englisch fest. Wenn wir Englisch sprachen und unser Sohn im Raum war, sagte er: „Papa, Mama, nicht sprechen!“ Seit wir durch das Coaching bei Frau Hurmaci auf Tschechisch umgestiegen sind, ist das nicht mehr der Fall. Wir achten aber darauf, dass unser Sohn fallweise noch Kontakt mit Englisch hat: Wir schauen uns ein englisches Buch an, lesen daraus vor oder zählen die Stufen auf Englisch, wenn wir eine Treppe hochgehen.  

Wenn man Kinder mehrsprachig erzieht, kommt es auch oft zum Vermischen von Sprachen. Wie geht man damit um?
Hurmaci: Alle Kinder, die mehrsprachig aufwachsen, vermischen Sprachen. Das Bewusstsein für die verschiedenen Sprachsysteme kommt ja erst so mit zweieinhalb Jahren. Das Vermischen bis zum Vorschulalter ist völlig normal. Was man machen kann, ist, einfach den Satz in der gewünschten Sprache zu wiederholen. Wir Eltern zeigen den Kindern, wie es geht, und irgendwann übernehmen sie es dann auch. Je konsequenter und strukturierter wir in der Anwendung der Sprache sind, desto schneller kommen die Kinder aus dieser Vermischphase heraus. Vermischen der Sprachen zeigt nicht, dass das Kind ein Problem hat, sondern es zeigt, dass es beide Sprachen aktivieren kann. Also einfach positiv bleiben und Vertrauen haben.  

Foto: Sabine Engels

Zur Person

Adeline Hurmaci ist Kulturwissenschaftlerin, Expertin für frühkindliche Mehrsprachigkeit und Gründerin von Herzenssprachen (herzenssprachen.de). Sie hat selbst zwei Kinder (10 und 4 Jahre). 

Foto: Bildschön Berlin

Zur Person

Manuel Mayerhoffer ist Unternehmensberater und hat zwei Kinder (3,5 Jahre und 5 Monate alt).

Julia Langeneder

Redakteurin

in Linz geboren, schon während und nach dem Publizistik- und Französisch-Studium in Salzburg und Paris bei verschiedenen Tages- und Wochenzeitungen in unterschiedlichen Ressorts, seit 14 Jahren als Redakteurin für Welt der Frauen tätig. Leidenschaft für Familien- und Frauenthemen, Psychologie, Kultur, Nachhaltigkeit und Gesundheit, gerne unterwegs beim Wandern, Radfahren oder mit dem Campingbus.

[email protected]

Foto: Alexandra Grill


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