Wenn die Kinder älter werden, heißt es Mut statt Wehmut: Wie Eltern die eigenen Bedürfnisse nicht aus den Augen verlieren und wie Loslassen gelingen kann.
Wenn die Kinder größer werden, ist das gerade bei Müttern oft mit widersprüchlichen Gefühlen verbunden. Einerseits freut man sich über den größer werdenden Freiraum, andererseits ist es auch mit Traurigkeit verbunden. Warum ist das so?
Hanna Drechsler: Zum Teil hängt das mit unserem gesellschaftlich geprägten Mutterbild zusammen. Mutterschaft soll uns erfüllen, auch ausfüllen. Um es drastisch auszudrücken: Mutterschaft ist in unseren patriarchal geprägten Strukturen Aufgabe des Frauseins. Dazu kommt, dass die Care-Arbeit in unserer Gesellschaft ungleich verteilt ist und es einen riesigen Care-Gap gibt. Das führt dazu, dass Mütter viel Zeit mit ihren Kindern verbringen, und daher ist es nicht verwunderlich, dass erst einmal eine Lücke entsteht, wenn sich das ändert. Mütter haben sich an eine hohe Arbeitslast gewöhnt, ihr Nervensystem ist darauf ausgerichtet, ein gewisses Stresslevel zu haben. Und so fällt es schwer, loszulassen, und es kann zu diesem „Übermuttern“ kommen.
Nathalie Klüver: Dieser Mythos „Man ist nur eine gute Mutter, wenn man sich aufopfert“ steckt noch tief in uns drinnen. Tatsächlich hat sich seit der Geburt meines ältesten Sohnes vor 14 Jahren gesellschaftlich wenig verändert. Ich habe mich immer für emanzipiert gehalten und bin trotzdem in diese Falle getappt. Ich hatte sofort ein schlechtes Gewissen, wenn ich etwas für mich gemacht habe. Für mein Buch „Sag zum Abschied leise Yippie“ habe ich mit Entwicklungspsycholog:innen und Neurolog:innen gesprochen: Kinder müssen sich abnabeln, das ist wichtig für sie, und wir müssen ihnen eine Fläche geben, an der sie sich reiben können, damit sie ihren eigenen Weg gehen können. Die Kinder sollten nicht das Gefühl haben, sie müssten zu Hause bleiben, weil die Mama allein sein könnte. Ich muss jedoch zugeben, dass ich am Anfang, als mein Sohn begann, sich zurückzuziehen, tatsächlich manchmal ein Problem damit hatte, das zu akzeptieren.
