In mancher Hinsicht war Kaiserin Elisabeth, genannt Sisi, Trendsetterin heutiger Schönheitsideale und Vorreiterin in Sachen Selbstoptimierung – vor allem, was ihr Körperbild betraf.
Für eine Monarchin war der Tagesablauf von Elisabeth, Kaiserin von Österreich (1837–1898), mehr als ungewöhnlich. Überhaupt für eine Frau ihrer Zeit, erst recht aber für eine Angehörige der Hocharistokratie. Denn Sport, Gymnastik, Bewegung und das heute so brandaktuelle Phänomen der ständigen Selbstoptimierung von Körper und Aussehen spielten darin eine herausragende Rolle.
Was für die Jetztzeit typisch sein mag, war es keinesfalls fürs 19. Jahrhundert, schon gar nicht in jener extremen Weise, in der es die Kaiserin betrieb. In gewissem Sinn nahm sie damit Entwicklungen vorweg, die erst nach ihr und zum Teil erst kürzlich zum Mainstream wurden. So meint Bernadette Wegenstein, US-österreichische Medientheoretikerin mit Professur an der Johns Hopkins University in Baltimore, Filmemacherin und Expertin für Körperbilder, über Elisabeth: „Sie kann heute quasi anachronistisch als Vorreiterin verstanden werden für das Bedürfnis von Prominenten, immer fotoperfekt und schön zu sein.“ Unter dem sehr modernen Drang, „stets kamera-ready zu sein und seinen Körper als öffentliches Gut und nicht als etwas Privates zu verstehen, litt Kaiserin Elisabeth schon 100 Jahre vor der New Media Revolution“.
Kaiserin Sissi – stets kamera-ready
Kein Wunder: Man begaffte sie, wo immer sie auftauchte. Vor allem auch ihrer Schönheit wegen. „Monarchinnen und Aristokratinnen waren in einer exponierten Lage, und da es noch keine Filmstars gab, waren sie natürlich so etwas wie Role Models“, meint Hannes Leidinger. Schon in der Zeit um 1800, so der Historiker weiter, hätten bereits andere Monarchinnen wie Kaiserin Joséphine de Beauharnais, Ehefrau von Napoleon Bonaparte, Rollen geprägt. „Um 1800 werden das Körperbewusstsein und die Kur wichtig. Es ist die Zeit des Empirestils, der das Dralle und Pralle des Barock- und Rokokostils durch schlankere Linien ablöst, die auch gut zum neuen Körperbewusstsein passen.“ Um 1900 dann, so Leidinger, wurde dieses neue Körperbewusstsein auch explizit sportlicher. „So gesehen sind Elisabeth und vor ihr Joséphine Role Models, zugleich aber auch die Verkörperung einer Entwicklung, die sich bereits angekündigt hat.“
Sklavin ihres Körpers
Der Ruf von Elisabeths Schönheit wurde für sie quälender, je mehr er wuchs, weil sie ihm in jeder Sekunde gerecht werden musste und wollte. Also arbeitete sich die österreichische „Kaiserin wider Willen“ zunehmend an ihrem Körper und dessen Aussehen ab und wurde dabei zu seiner – äußerst narzisstischen – Sklavin. Auch das ist ein sehr modernes Thema.
In den 1870er- und 1880er-Jahren, als Elisabeth – familienintern Sisi genannt – in ihren 40ern und 50ern war und im Dienste der Legendenbildung um ihre sagenhafte Schönheit schon lange keine Porträts mehr von sich anfertigen ließ (nämlich, seit sie 32 war), sah ihr typischer Tagesablauf in etwa so aus: Aufstehen, sommers um 5 Uhr, winters um 6 Uhr. Kaltes Bad und Massage. Dann Turnen und Gymnastik. Karges Frühstück, danach gut und gerne drei Stunden Frisieren. Anschließend Fecht- oder Reittraining. Nach einem kleinen Mittagsimbiss, der oft nur aus etwas Fleischsaft bestand – die Kaiserin hatte panische Angst davor, zuzunehmen –, folgte ein mehrstündiger Spaziergang, „besser gesagt ein Gewaltmarsch in großem Tempo in Begleitung einer gehtüchtigen Hofdame“, wie es in der maßgeblichen Elisabeth-Biografie der deutsch-österreichischen Historikerin Brigitte Hamann heißt. Es folgten erneutes Umkleiden und Frisieren, ein Treffen mit der Tochter Valerie, um 19 Uhr ein kurzes Abendessen mit der Familie und dem Kaiser, falls Sisi überhaupt in Wien weilte, was mit den Jahren immer seltener vorkam, mit anschließendem Rückzug in ihre Gemächer zum Plaudern mit ihrer Hofdame und Vertrauten Ida Ferenczy.
Der stundenlange tägliche Sport sollte der Kaiserin ihre Anmut, Biegsamkeit und Beweglichkeit erhalten, die ständigen Hungerkuren, denen sie sich unterzog, ihre viel gerühmte Schlankheit. Den Rest übernahm das tägliche, mitunter eine Stunde dauernde radikale Einschnüren ins Korsett, so lange, bis auch die Kaiserin selbst mit ihrer „Wespentaille“ von kolportierten 50 Zentimetern zufrieden war. Dieser buchstäblich atemberaubenden Prozedur folgte häufig das Einnähen in Kleider und Reitkostüme, um stets bestmögliche Figur zu machen – vor allem hoch zu Pferde. Sie betrieb, so drückte es ihre Nichte Marie Larisch später aus, einen wahren Kult um ihre Schönheit und Jugend: „Sie betete ihre Schönheit an wie ein Heide seinen Götzen und lag vor ihr auf den Knien … Sie sah ihre Lebensaufgabe darin, jung zu bleiben, und all ihr Sinnen drehte sich um die besten Mittel zur Erhaltung ihrer Schönheit.“
Kaiserin Elisabeth war beste Reiterin Europas
Sisi war schon seit ihrer Kindheit in Bayern viel geritten. Einzig das Reiten galt auch in ihren Kreisen als eleganter, aristokratischer Sport, doch auch hier entschied sich die Kaiserin fürs Extrem und betrieb das Reiten in Leistungssportlerinnenmanier: Sie beherrschte – mehr als anrüchig für eine Kaiserin – Kunst- und Zirkusakrobatik zu Pferde, war eine erstklassige Dressurreiterin und nahm, vorzugsweise in England, an den schwierigsten und gefährlichsten Parforcejagden Europas teil. Mit allergrößtem Erfolg: Die junge Kaiserin galt über Jahre als die beste Reiterin Europas. „Mit dem Reiten ist sie ganz in einer langen, klassisch aristokratischen Tradition. Es wurde von ihr nur, das kann man wohl so sagen, exzessiv betrieben“, meint Historiker Hannes Leidinger.
Auf Schloss Gödöllő, Sisis bevorzugtem Landsitz und Rückzugsort unweit von Budapest, veranstaltete sie mehrmals wöchentlich Reitjagden und scharte die besten Reiter und Reiterinnen um sich – und zwar ungeachtet deren Standes. In Gödöllő ließ sich Sisi auch eine eigene Manege bauen. „Jetzt kann Mama auf dem Pferd schon durch zwei Reifen springen“, berichtete ihre Tochter Valerie der erstaunten bayrischen Verwandtschaft, und ihre Nichte Marie Larisch befand, Sisi biete „einen reizenden Anblick“ beim Zirkusreiten, aber „für eine Kaiserin“ sei das „freilich eine etwas ungewöhnliche Beschäftigung“.
Doch damit nicht genug. In jedem der Schlösser, die Sisi bewohnte – von der Ofener Burg über Gödöllő bis zu Schönbrunn und der Wiener Hofburg –, mussten Turnräume für sie eingerichtet werden, in denen sie täglich und sehr ausgiebig mit Hanteln und Gewichten sowie an Ringen und Barren trainierte. Die ersten Zeitungsberichte über die kaiserlichen Turnräume aus den 1860er-Jahren fallen denn auch gleich in die Kategorie Fake News. Es turnten dort, so die fälschlichen Meldungen, „beinahe täglich durch 2 Stunden, Se. Majestät der Kaiser und die Herren Erzherzöge … sämmtlich im Turnkleide“. Dass nicht die männlichen Mitglieder der kaiserlichen Familie, sondern die Kaiserin selbst täglich turnte, überstieg das Vorstellungsvermögen der zeitgenössischen Berichterstatter.
