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04-05/2026

Feminismus: Wie junge Frauen in Irland die Zukunft gestalten

Feminismus: Wie junge Frauen in Irland die Zukunft gestalten
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  • Veröffentlicht: 13.01.2026
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Sie ist erst 24 und forscht an der Schnittstelle von Hirn und Feminismus. Eva Woods gehört zu einer neuen Generation junger Irinnen, die sich nicht mehr mit symbolischer Gleichstellung zufriedengibt und Entscheidungen mittragen will.

Vormittags auf dem Campus des Trinity College in Dublin. Zwischen alten Steinbögen und Touristen mit Selfiesticks eilen Studierende mit Coffee-to-go und Laptops über den gepflasterten Innenhof. Eine von ihnen ist Eva Woods. Sie redet mit mir in einem Arbeitszimmer am Campus, nimmt sich Zeit, obwohl sie eigentlich ein Research-Paper fertig schreiben müsste. Die 24-Jährige ist Neurowissenschafterin und forscht an Methoden, frühe Biomarker neurodegenerativer Erkrankungen wie der Huntington-Krankheit und ALS zu erkennen.

Außerdem ist sie eine der lautesten jungen Stimmen für Gleichstellung in der irischen Forschung. Neben ihrer wissenschaftlichen Arbeit ist sie Direktorin von Women in Research Ireland, Mitglied des Youth Advisory Panels des National Women’s Council und engagiert sich in mehreren internationalen Forschungsgruppen. Forschung ist ihr Beruf, Aktivismus ihre Freizeit – und beides untrennbar. Eine Woche nach unserem Gespräch spricht sie auf einer Konferenz in London.

Als der dunkelhaarigen Eva Woods die Rolle der Direktorin von Women in Research Ireland angeboten wurde, zweifelte sie zunächst. „Ich dachte, ich sei zu jung“, erinnert sie sich. „Aber Kolleg:innen haben mich ermutigt und gesagt: Genau meine Stimme wird gebraucht. Ich bin als weibliche Doktorandin Teil einer der am stärksten unterrepräsentierten und oft systematisch benachteiligten Gruppen. Und genau die sollte man hören.“

Sie verweist auf eine aktuelle Studie der University College Dublin. Dort berichteten Frühkarriere-Forscherinnen sie müssten zweideutige Einladungen oder sexistische Kommentare hinnehmen, weil sie sonst um ihre Verträge fürchteten. „Das ist genau das, worüber wir sprechen müssen“, sagt Eva. „Diese Abhängigkeiten sind Teil des Problems.“

Damit solche Stimmen gehört werden, spricht sie selbst mit Regierungsabgeordneten und bringt ihre Perspektive in politische Beratungen ein. „Wir bringen unsere Sichtweisen in jene Gespräche ein, in denen Gesetze ausgearbeitet werden“, sagt sie. „Manchmal müssen Dinge einfach zu Papier gebracht werden – auch wenn Veränderungen nicht sofort eintreten.“ Eine Besonderheit in der Republik Irland.

Zwischen Forschung und Feminismus

Der National Women’s Council, gegründet 1973, ist Irlands wichtigste Dachorganisation für Frauenrechte. Über 190 Organisationen, Gewerkschaften und Initiativen sind dort vereint. Das Youth Advisory Panel wurde geschaffen, um junge Stimmen frühzeitig in politische Entscheidungsprozesse einzubinden – besonders Frauen, die in traditionellen Strukturen kaum vorkommen.

Eva sagt: „Irland ist kulturell gut darin, Menschen einzubinden, zumindest in der Theorie. Ob tatsächlich alle gehört werden, ist eine andere Frage.“ Das Youth Advisory Panel repräsentiert junge Frauen aus verschiedenen Hintergründen, aus Stadt und Land, aus Handwerk, Aktivismus oder Wissenschaft. Sie diskutieren über Themen wie häusliche Gewalt, psychische Gesundheit, Gleichstellung oder Care-Arbeit.

„Manchmal konzentrieren wir uns auf große Themen wie geschlechtsspezifische Gewalt, und das ist richtig so. Aber wir dürfen dabei nicht die alltäglichen Realitäten von Frauen in der Forschung, in der Pflege oder in prekären Arbeitsverhältnissen vergessen“, sagt Eva. „Wir feiern Mädchen in MINT-Fächern und Professorinnen in Spitzenpositionen, aber wir vergessen die Mitte. Dort treten die meisten Probleme auf.“ Eines der drängendsten Probleme sieht sie weiterhin in sexuellem Missbrauch und Belästigung am Arbeitsplatz. Als sie darüber im Aufenthaltsraum des Colleges spricht, wirft sie immer wieder einen Blick über die Schulter. Die Themen, für die sie kämpft, sind zum Teil auch 2025 noch kontrovers.

Sexuelle Belästigung an Universitäten

Die junge Forscherin erlebt, dass Fortschritt oft an Strukturen scheitert. „Die Hochschulbehörde veröffentlicht Umfragen – Frauen zwischen 18 und 25 Jahren und LGBTQ+-Studierende sind am stärksten gefährdet. Studierende haben keine angemessenen Personalstrukturen. Beschwerden enden oft in einer Mediation – das bedeutet, dass man mit der Person, die einen belästigt hat, im selben Raum sitzt. Deshalb melden so viele Fälle nicht.“

Sie spricht ruhig, aber bestimmt. „Es ist auch tabu, über Beziehungen zwischen Dozenten und Studierenden zu sprechen. Es gibt ein klares Machtungleichgewicht, aber die Universitäten gehen nicht angemessen darauf ein.“ Trotzdem bleibt sie optimistisch: „Vieles hat sich verbessert. Wenn man mit älteren Professoren spricht, merkt man, wie schlimm es vor dreißig Jahren war. Wir bewegen uns in die richtige Richtung – langsam, aber sicher.“ Laut einer landesweiten Befragung der Higher Education Authority aus 2022 von MacNeela unter knapp 8.000 Studierenden haben über die Hälfte der Studentinnen in Irland sexuelle Belästigung erlebt, viele mehrfach.

Fast jede Dritte berichtete von nicht-einvernehmlichem Sex, doch nur fünf Prozent machten eine offizielle Meldung. Die meisten vertrauten sich Freund:innen an oder schwiegen aus Scham und Angst, nicht ernst genommen zu werden. Die Studie gilt als erster Beleg für das Ausmaß sexualisierter Gewalt an Hochschulen und zeigt, wie wenig Schutz- und Meldestrukturen bislang greifen. Evas Ziel ist klar: „Ich möchte eine Professorin sein, zu der die Leute kommen und wissen, dass ich sie ernst nehme, weil sie sehen, dass ich schon so lange für diese Themen kämpfe.“

„Wir müssen nicht nur zuhören, sondern auch etwas tun“

In Irland hat sich das gesellschaftliche Klima in den letzten Jahrzehnten verändert. Nach der Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe 2015 und der Aufhebung des Abtreibungsverbots 2018 ist Feminismus kein Randthema mehr. Aber auch kein Selbstläufer. Aber für Eva ist klar: Trotz spürbarer Fortschritte bleibt viel zu tun. Der Gender Equality Index Irlands lag 2024 bei 73,4 Punkten und damit über dem EU-Durchschnitt von 71,0 sowie leicht vor Österreich (71,7) und Deutschland (72,0). 2015 waren es noch 65,4 Punkte. „Das zeigt, dass Veränderung möglich ist“, sagt die Wissenschaftlerin, „aber wir sind noch lange nicht am Ziel.“

Damit die blinden Flecken nicht blind bleiben, versucht man Frauen aktiv in Entscheidungen einzubinden. „Die Menschen verstehen den Feminismus immer noch falsch“, sagt Eva. „Es geht um Gleichberechtigung, und wir müssen früh damit beginnen darüber aufzuklären. In den Schulen, in der Art und Weise, wie wir über Geschlechterrollen und Respekt sprechen.“ Für sie ist klar: Beteiligung muss mit Konsequenzen verbunden sein. „Wir müssen handeln, nicht nur zuhören. Repräsentation ist gut, aber sie reicht nicht aus, wenn die Strukturen gleichbleiben.“

Das drängendste Thema: Wohnen

Auf den Gassen zwischen den Gebäuden des Trinity College spreche ich mit mehreren Studentinnen. Die 21-Jährige Sive studiert European Studies, die 20-Jährige Alex Biosciences und beide wohnen noch bei ihren Eltern in Dublin. Wäre das nicht der Fall, dann wäre es für sie beide schwierig, das Studium zu absolvieren. Die Wohnungskrise macht ihnen erhebliche Sorgen, erzählen beide. Besonders Alex sagt klar: “Ich mache mir wirklich Sorgen, wann und ob ich von meinen Eltern ausziehen können werde.” Sive sieht es pragmatischer und plant direkt den Auszug ins EU-Ausland – nicht nur, um ihr Studium in der Praxis anzuwenden, sondern auch, weil sie eine gravierende Rezession in den nächsten Jahren fürchtet: “Die Preise steigen und steigen, es wird an irgendeinem Punkt explodieren und das ist wirklich gruselig.”

Laut Statistikamt CSO leben sieben von zehn 25-Jährigen in Irland noch bei ihren Eltern. Zwei Drittel davon aus finanziellen Gründen. Fast 40 % der Studierenden pendeln über 30 km pro Tag, weil sie sich keine Wohnung in den Uni-Städten leisten können. Der Gewerkschafter Niall Shanahan, Sprecher der zweitgrößten irischen Gewerkschaft Fórsa, bringt es auf den Punkt: „Nahezu alle Teile der Gesellschaft – mit Ausnahme der sehr Wohlhabenden – haben Schwierigkeiten, ein leistbares Zuhause zu finden, vor allem im städtischen Bereich ist es kaum möglich.“ Das führt zu einer unsicheren Zukunft für viele junge Menschen. Während die Arbeitslosigkeit sehr niedrig ist, wird eine ganze Generation vom Wohnungsmarkt ausgeschlossen.

Und das hat gravierende Folgen: „Selbst Lehrer:innen, Polizist:innen oder Pflegekräfte finden in Dublin kaum mehr eine Wohnung. Viele beginnen ihre Karriere in der Hauptstadt, ziehen dann aber zurück in ihre Heimatregion, wo das Leben günstiger ist und all diese essenziellen Berufe fehlen in den großen Städten.“

Besonders ärgert ihn das Klischee, die junge Generation sei selbst schuld. „Eine ganze Generation wurde von dem Wohnungsmarkt ausgeschlossen. Kommentare, die jungen Menschen Faulheit oder „quiet quitting“ unterstellen, oder zynisch behaupten, sie könnten sich keine Wohnung leisten, weil sie zu viel Kaffee trinken oder Avocados essen, sind abwertend und falsch.“ Fórsa setzt deshalb auf gemeinsame Kampagnen wie A Roof is a Right. Wohnen als Grundrecht, nicht als Luxus.

Ein Land im Wandel

Auch diese Ängste bespricht der Womens Council mit der Regierung. Nach Lösungen wird gesucht, an leistbarem Wohnbau wird besonders rund um Dublin gearbeitet. Irland ist heute eines der teuersten Länder Europas, wirtschaftlich erfolgreich, gesellschaftlich im Umbruch. Für junge Menschen wie Eva Woods bedeutet das, Verantwortung zu übernehmen und ihre Wünsche und Bedürfnisse einzufordern. „Es ist nicht einfach, Forschung und Aktivismus unter einen Hut zu bringen“, sagt sie. „Aber es ist notwendig. Wir können nicht darauf warten, dass andere uns Platz machen. Wir müssen ihn uns nehmen.“ Nachdem das Gespräch beendet ist, schickt sie mir diverse Studien zu den Themen, über die sie gesprochen hat und geht zurück an ihre Forschung, um die Zukunft nicht nur auf eine Weise, sondern gleich auf mehrere zu formen. Um sie herum klingt das Stimmengewirr von Trinity. Junge Menschen, die in der Mittagssonne lachen, reden, planen. Eine neue Generation der Veränderung, die selbst mitentscheiden möchte.

Sandra Gloning

Freie Journalistin

Sandra Gloning ist freie Online- und Print-Journalistin in Wien mit einem breiten Themenfeld rund um Frauen, Lifestyle und Minderheiten und dem Ziel, Geschichten aus dem echten Leben zu erzählen.

Foto: Zoe Opratko

[email protected]


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