Österreich ist ein Land, das auch für seine Trinkkultur bekannt ist. Junge Menschen trinken aber immer weniger Alkohol. Zwei Expert:innen erklären, warum das so ist – und wie Eltern Vorbild sein können.
Der Alkoholkonsum bei Jugendlichen ist zwischen 2007 und 2024 deutlich zurückgegangen. Hat Hochprozentiges den einstigen Coolnessfaktor verloren?
Julian Strizek: Es schaut so aus. In Österreich zeigt sich in den vergangenen 20 Jahren kontinuierlich, dass immer mehr Jugendliche abstinent leben, also entweder noch nie Alkohol konsumiert oder in den letzten 30 Tagen keinen Alkohol getrunken haben. Diese Gruppe hat sich in den vergangenen 15 Jahren verdoppelt: Früher waren es etwa 20, jetzt sind es ungefähr 40 Prozent.
Bettina Wittmann: Ich kenne diese Studie und kann das aus meinem beruflichen Umfeld und auch von meiner Wahrnehmung her bestätigen.
Sie haben vor eineinhalb Jahren die Initiative „The Sober Hedonist“ (Anm.: der nüchterne Hedonist) gegründet, die sich für einen bewussten Umgang mit Alkohol einsetzt. Wie kam es dazu?
Wittmann: Zum einen gab es in meiner Familie Suchtthematiken, sodass ich mich mit dem Thema beschäftigt habe, zum anderen war ich 2023 kurz vorm Burn-out. Mein damaliger Freund hatte die Idee, eine Alkoholpause zu machen. Er hat schon einmal komplett auf Alkohol verzichtet und sich von Tag zu Tag besser und energiegeladener gefühlt. Ich habe das dann ebenfalls gemacht und bin in dieser Zeit auf viele Dinge gestoßen, die für mich problematisch waren: Zum Beispiel, dass mich ein Kellner blöd angeredet hat, weil ich keinen Alkohol bestellt habe. Ich bin ein Genussmensch, gehe gerne aus und sehe es nicht ein, warum man, wenn man keinen Alkohol trinkt, wie ein Mensch zweiter Klasse behandelt wird. Es gibt oft eine große Weinkarte, aber die Auswahl an antialkoholischen Getränken ist mit „Zuckerwasser“ oder Soda Zitrone sehr begrenzt. Ich habe mich gefragt, warum Menschen, die keinen Alkohol trinken, nicht gleichwertig behandelt werden, außerdem wollte ich mich mit Gleichgesinnten austauschen. Vor diesem Hintergrund ist „The Sober Hedonist“ entstanden: Wir wollen Veränderung und diese Veränderung mitgestalten.
Verzichten Sie immer noch auf Alkohol?
Wittmann: Ja, ich bin dabei geblieben.
„Die verstärkte Sozialisation im digitalen Raum bringt mehr Lebensentwürfe und Ausdrucksmöglichkeiten für Jugendliche mit sich.“
Was sind die Gründe für das neue Interesse am Nüchtern-Sein unter Jugendlichen? Welche Rolle spielen dabei Social Media und das steigende Körper- und Fitnessbewusstsein junger Menschen?
Wittmann: Wir wissen mehr über unseren Körper und Gesundheit als früher, auch über mentale Gesundheit, und ich sehe Social Media tatsächlich als Hebel. Wenn man in einer gewissen Bubble ist, findet man rasch Leute, die ähnlich denken und über solche Themen sprechen. Zudem geht es in den sozialen Medien vielfach auch darum, das perfekte Leben nach außen zu präsentieren – und das hat einen großen Einfluss auf das Verhalten junger Menschen.
Strizek: Ich kann vieles unterstreichen. Die verstärkte Sozialisation im digitalen Raum bringt mehr Lebensentwürfe und Ausdrucksmöglichkeiten für Jugendliche mit sich, dazu kommt der Einfluss einer gesundheits- und fitnessbewussteren Generation. Das geänderte Freizeitverhalten könnte allerdings auch damit zusammenhängen, dass insgesamt der Druck auf junge Menschen steigt, Stichwort Selbstoptimierung, und sie sich deshalb konform verhalten.
Wittmann: Das mit der Selbstoptimierung sehe ich auch so. Aber wenn ich an meine eigene Jugend denke, war es eher so, dass man Alkohol getrunken hat, um konform zu sein. Man wollte cool sein, akzeptiert werden, sich Mut antrinken.
Strizek: Insofern ist es ja absolut begrüßenswert, dass es andere Entwürfe gibt, als im Bierzelt bis zum Umfallen zu trinken, um Männlichkeit zu beweisen. Eine diversere Gesellschaft trägt neben Social Media sicher auch dazu bei.
Welche Funktion erfüllt Alkohol in der Jugendkultur?
Strizek: Jugendliche haben die Aufgabe, in die Erwachsenenwelt hineinzufinden, und dazu gehört auch, sich mit Erwachsenenverhalten auseinanderzusetzen und es teilweise auch zu übernehmen – dazu zählt auch Substanz- und Alkoholkonsum. Aufgabe des Jugendalters ist auch, Grenzen auszutesten und sich mit Regeln zu beschäftigen. Dieses Austesten führt auch ab und zu zu Verhaltensweisen, die mit Risiko verbunden sind.
Wittmann: Alkohol ist ein sozialer Kleber. Er kann – ohne ihn schönzureden – Nähe schaffen oder Mut machen und ist auch ritualisiert. Vor Kurzem war ich bei meinem Lieblingsitaliener, dort war eine Geburtstagsfeier. Das Mädchen wurde 16. Es wurde mit einer Flasche Prosecco gefeiert, weil „das Kind darf ja jetzt endlich trinken“. Alkohol hat in unserer Gesellschaft einen hohen Stellenwert. Ich habe sicher schon mit 13 Jahren zum ersten Mal ein Glas in der Hand gehalten, am Land war das normal.
Österreich befindet sich beim Alkoholkonsum im internationalen Spitzenfeld.
Strizek: Österreich ist ein Bierbrau- und Weinanbaugebiet, daher ist es nicht überraschend, dass viel konsumiert wird. Darüber hinaus ist Österreich ein wohlhabendes Land, Alkoholkonsum ist auch ein Wohlstandsphänomen. Im europäischen Vergleich liegt Österreich beim Alkoholkonsum im vorderen Drittel. Männer konsumieren übrigens deutlich mehr Alkohol als Frauen und weisen auch doppelt so häufig einen problematischen Konsum auf.
„Das Bewusstsein für mehr alkoholfreie Alternativen ist schon stärker vorhanden, es gibt aber noch viel Bedarf.“
Stichwort Geburtstagsfeier: Welche Rolle spielt die Familie beim Alkoholkonsum?
Strizek: Wir wissen, dass Menschen aus suchtbelasteten Familien ein deutlich erhöhtes Risiko haben, selber eine Suchterkrankung zu entwickeln. Dabei geht es nicht nur ums Rollen-Lernen, sondern auch um den Umgang mit Belastungen. Wenn kompensatorische Motive beim Alkoholkonsum stark in den Vordergrund rücken, besteht langfristig ein Suchtrisiko. Eltern sind in dieser Hinsicht Role-Models. Sie sollten ihren Kindern vorleben, dass es unterschiedliche Möglichkeiten gibt, mit Stress und Belastungen umzugehen. Es kann aber auch sein, dass Jugendliche aus suchtbelasteten Familien ganz andere Lebensentwürfe bevorzugen, um sich von ihren Eltern abzugrenzen.
Trotz sinkenden Alkoholkonsums weisen neun Prozent der Jugendlichen ein stark risikobehaftetes Verhalten auf. Was heißt das?
Strizek: Bei Jugendlichen geht es vor allem um Unfälle als Folge starker Berauschung. Die große Problemgruppe sind aber Männer ab 40, 50 Jahren. In dieser Gruppe zeigen sich die langfristigen negativen Auswirkungen von langjährigem exzessiven Alkoholkonsum, der viele andere Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Darmkrebs begünstigt.
Frau Wittmann, Sie haben gesagt, dass Sie sich mehr antialkoholische Alternativen in der Gastronomie wünschen. Was hat sich seit der Gründung von „The Sober Hedonist“ vor eineinhalb Jahren getan? Was wünschen Sie sich noch?
Wittmann: Ich habe viel mit GastronomInnen gesprochen. Das Bewusstsein für mehr alkoholfreie Alternativen ist schon stärker vorhanden, es gibt aber noch viel Bedarf. Zum einen müssen wir das Wissen unter die GastronomInnen bringen, wie man ein schönes Geschmackserlebnis ohne Alkohol kreieren kann, das auch von den Leuten angenommen wird. Zum anderen geht es darum, dass WirtInnen die Getränke gewinnbringend verkaufen können. In den nächsten Jahren wird sich noch einiges tun.
Was haben Sie noch vor?
Wittmann: Ich möchte antialkoholische Bier- und Weinverkostungen anbieten und die Stammtische in Wien auch auf Linz und Graz ausweiten. Sehr gut angenommen werden unsere Mocktail-Workshops, in denen wir zeigen, wie man spannende antialkoholische Cocktails mixen kann. Unsere Workshops werden sowohl von Erwachsenen als auch immer wieder von Eltern gemeinsam mit ihren Kindern gebucht. So erfahren sie auf spielerische Weise, dass es alkoholfreie Alternativen gibt, die nicht nur gesund sind, sondern auch gut schmecken.
Strizek: Ich finde es toll, Jugendlichen klarzumachen, dass es nicht immer Alkohol sein muss und es andere Möglichkeiten gibt, Spaß zu haben und Genuss zu erleben.
Julian Strizek, Soziologe und Suchtforscher der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG)
Bettina Wittmann, Unternehmerin und Gründerin von „The Sober Hedonist“
- Zwischen 2007 und 2024 hat sich der Anteil der
Jugendlichen, die noch nie Alkohol konsumiert
haben, vervierfacht und der Anteil der Jugendlichen,
die in den letzten 30 Tagen keinen Alkohol
konsumiert haben, verdoppelt. - Mädchen trinken etwa gleich oft wie Burschen
Alkohol, aber in einem weniger intensiven Ausmaß. - Vier Fünftel der unter 16-Jährigen schätzen es
als sehr leicht beziehungsweise leicht ein, Bier
oder Wein zu bekommen.
Die Studie. Die ESPAD-Erhebung ist die weltweit größte SchülerInnenbefragung zu Konsum- und Verhaltensweisen mit Suchtpotenzial. Dafür wurden in Österreich mehr als 7.700 SchülerInnen der neunten und zehnten Schulstufe befragt.
