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Jetzt kommen die Tandemfamilien!

Nach der Groß-, Kern- und Patchworkfamilie entwickelt sich eine neue Form des Zusammenlebens: das „Familientandem“ als erweitertes Kinderbetreuungsmodell. In der oberösterreichischen Gemeinde Ebensee ist diese Alternative bereits etabliert.
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Der neunjährige Thomas Bollauf mit Leihoma Gabi Eidinger.

Zugegeben, sie sind ein witziges Gespann: der pubertierende Portugiese Gonzalo da Silva (14), sein Leihopa Rudi Freilinger (78) und dessen Hündchen Gipsy. Während der pensionierte Volks-, Haupt- und Sonderschullehrer den steilen Hügel zur Ebenseer Kirche hochradelt und seinen Ziehenkel Gonzalo im Radanhänger hinterherkarrt, reibt dieser sich sein Schnauzbärtchen und feuert ihn laut an: „Rudi, wir schaffen das!“

Seit drei Jahren sind die beiden ein Herz und eine Seele, als seien sie Enkelsohn und Großvater. Blutsverwandt sind sie aber nicht. Nicht einmal gekannt haben sie sich zuvor. Doch als Rudi Freilinger im Pfarrblatt über einen ungewöhnlichen Aufruf stolperte, nahm das Schicksal seinen Lauf. „Da stand geschrieben, dass ehrenamtliche KinderbetreuerInnen gesucht werden – für heimische und zugezogene, sozial benachteiligte, aber auch gut situierte Familien und AlleinerzieherInnen. Ich war einer der ersten, der sich meldete“, erinnert sich Freilinger und nimmt mit Gonzalo auf einer Parkbank Platz. 

Dieses Offert sei gerade zum rechten Zeitpunkt gekommen, erklärt der fünffache Vater. Denn schon damals war er in Rente, lebte allein und fühlte sich mit seinem Kläffer ohnehin unausgelastet. Und weil Rudi Freilinger einst auch in der Lebenshilfe tätig war und seine behinderte Tochter fürsorglich betreute, fühlte sich diese neue Aufgabe wie eine Fügung an. 

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Die Ebenseer Tandemkoordinatorin Christa Tatár

ALTERNATIVES MODELL
Eine, die dabei die Finger mit im Spiel hat, ist die Ebenseer Pfarrsekretärin Christa Tatár (41), die in der 7.751-EinwohnerInnen-Gemeinde für ihren sozialen Blick, ihr feines Gespür und ihren Gemeinschaftssinn bekannt ist. Als sie 2009 vom Start des Caritas-Projekts „Familientandem“ erfuhr, erkannte die Mutter eines zwölfjährigen Sohnes hinter dem Aktionsnamen sofort als Idee wieder, was sie selbst schon seit Jahren mit ihrem mazedonischen Nachbarn lebte. Als sie über den Gartenzaun hinweg bemerkt hatte, wie sehr der alleinstehende dreifache Vater überfordert war, hatte sie ihm kurzerhand angeboten, ab und zu auf seine kleinen Rabauken aufzupassen. „Alleinerziehend mit drei Kindern – das kann nicht klappen. Und das muss es auch nicht!“, betont Tatár, die bereits neun Tandems zusammengekoppelt hat.

„So wie bei einem Fahrradtandem geben wir gemeinsam Gas, schaffen Verbindungen, ziehen uns gegenseitig mit und genießen das generationenübergreifende Miteinander. Gelebte Beziehungen haben nichts mit Verwandtschaftsverhältnissen zu tun. Sie sind reine Herzensangelegenheiten“, erklärt sie, zitiert das afrikanische Sprichwort „Um ein Kind großzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf“ und gesellt sich zu Rudi Freilinger und Gonzalo. In der Zeit, als sie noch Kind war, sei es selbstverständlich gewesen, dass sich neben Eltern und Großeltern auch Tanten oder Großtanten in die Erziehung einbrachten. Diese Tradition gehe „in unserer kinder- und familienfeindlichen Gesellschaft“ zunehmend verloren. 

GESELLSCHAFTSAUFGABE
Gründe dafür gibt es viele. Einerseits sind häufig beide Elternteile berufstätig und haben deshalb weniger Zeit für ihre Kinder. Scheidungsraten von knapp 50 Prozent sowie die Zunahme an AlleinerzieherInnen erschweren die Situation zusätzlich. Großmütter und Großväter stehen häufig nicht zur Verfügung, weil sie entweder woanders wohnen, noch im Erwerbsleben stehen oder sich bereits zu alt für Betreuungspflichten fühlen. Manche wollen in der Pension auch einfach nur ihre Ruhe und Freiheit genießen. Daher ist es Christa Tatár auch so wichtig, einen Gegentrend zu setzen: „Ich wünsche mir, dass erkannt wird, dass Familie eine Gesellschaftsaufgabe ist. Fremde Kinder sind genauso bereichernd wie eigene Enkel.“ Rudi Freilinger nickt. Seine zehn Kindeskinder sieht er nur alle paar Monate, Gonzalo jeden Freitag. Dann werden Ausflüge unternommen, es wird Apfelstrudel gebacken, Witze werden gemacht und gute Gespräche geführt. Für Gonzalos Seele ist das wie Balsam, denn viele Jahre hatte der Jugendliche keine Ansprechperson, wenn seine alleinerziehende Mutter Ana arbeiten war. Im Alter von neun Jahren war er mit ihr nach Oberösterreich gekommen. Mit seinem Vater, der in Portugal mit zwei anderen Frauen zwei weitere Söhne hat, hat Gonzalo kaum Kontakt.

Weder auf Alimente dürfe er bei ihm hoffen noch auf Geschenke. „Einmal wünschte ich mir ein T-Shirt. Da meinte mein Vater, ich solle es selbst bezahlen“, erzählt der Teenager. In seinen Augen spiegeln sich Enttäuschung, Sehnsucht und Traurigkeit wider. „Ich möchte, dass er sich mehr um mich kümmert. Das kann doch nicht sein! Richtig gesagt habe ich das meinem Vater allerdings noch nie. Ich möchte ihn nicht verletzen.“ Solche Erzählungen berühren Rudi Freilinger zutiefst, auch jetzt wieder. Er könne Gonzalos Verhältnis zu seinem Vater nicht ändern, sagt er. Aber er könne dafür sorgen, dass sich der Bursch bei ihm wohlfühlt.

NEUEN HALT FINDEN
In diesem Moment kommen Fini und Heinz Waltenberger mit dem ältesten Tandemkind, der zugezogenen Slowakin Ewa Fekiačová (21), um die Kurve. Auch ihrer Zwillingsschwester Iwa, die Restaurantfachfrau ist und gerade Dienst hat, nimmt sich das Ehepaar an. Bereits mit 15 Jahren hatten sich die Mädchen auf eigene Beine gestellt, eine Lehre begonnen und eine eigene Wohnung bezogen, weil sie bei ihren Eltern nie den Halt fanden, den sie suchten. „Durch ihre Trennung hatten Mama und Papa mit sich selbst zu tun. Eine Beziehung zu ihnen gibt es nicht wirklich. Weder haben wir mit ihnen über Gefühle noch über normale Dinge im Alltag gesprochen“, sagt Ewa, die Zahnarztassistentin ist.

Auf die Waltenbergers stießen Iwa und Ewa, als sie bei Fini, einer pensionierten Lehrerin, Deutschunterricht nahmen – und irgendwann auch zum Kochen, Essen, Garteln und Plaudern vorbeikamen. Sechs Jahre ist das nun her. Dass die Zwillinge ihre „elterlichen BegleiterInnen“ immer noch siezen, liege an der Autorität, die Fini und Heinz ausstrahlten, sagt Ewa respektvoll. „Wir haben von ihnen so viel gelernt.“

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Tandemkind Ewa Fekiačová mit ihren elterlichen Begleitern Fini und Heinz Waltenberger.

 

NEUE FAMILIENGEFÜGE
Heinz Waltenberger ist gerührt: „Seit wir die Dirndln kennen, ist es bei uns  zu Hause wieder lebhaft geworden. Sie sind so lustig und machen einen Mordswirbel. Das finden wir super. Deshalb nehmen wir sie manchmal sogar auf Reisen mit.“

Auch wenn es niemand ausspricht: Für Fini und Heinz Waltenberger sind die Zwillinge irgendwie auch Trost, denn einer ihrer beiden Söhne verunglückte tödlich, der andere lebt in Wien und kommt nur selten nach Hause. Durch die Begegnung mit den jungen Frauen hat das Leben für die Waltenbergers neuen Sinn. Manche Eltern, so wie sie, haben ein Kind verloren. Manche Kinder, so wie  Ewa und Iwa, haben ihre Eltern gar nie für sich gewonnen.

Diese Erfahrung von „Verlust und erweiterter Familie“ kennt auch Gabriela Eidinger (64), die gerade mit ihrem Leihenkel Thomas Bollauf (9) vorbeispaziert. Schon in jungen Jahren nahm die nunmehr pensionierte Museumsmitarbeiterin zu zwei leiblichen Söhnen zwei Adoptivtöchter bei sich auf, bevor sie ihren Erstgeborenen 2009 zu Grabe tragen musste. Ihre Liebe schenkt Eidinger neben ihren Enkeln nun auch Thomas, der sich die Aufmerksamkeit seiner Eltern mit fünf Geschwistern teilen muss und klarerweise etwas zu kurz kommt. „Bei mir darf er im Mittelpunkt stehen. Ich schenke ihm den nötigen Freiraum, den jedes Kind braucht. Wir besuchen Kletterkurse, Kino und Theater, gehen Rad fahren, Eis essen und in die Kindermesse. Wenn Thomas jubelt: ‚Das war klasse heute!‘, bin ich auch glücklich“, sagt Eidinger. Auch seiner Mutter gehe es ähnlich, wenn sie für ein paar Stunden entlastet ist.

LOSLASSEN LERNEN
Die Französin Emmanuelle Cagnieul (42) muss das Ruhigbleiben erst lernen, wenn ihre Sprösslinge Annabelle (7) und Samuel (4) bei ihren Leihgroßeltern Ursula und Gerhard Eder sind und dort den Naschgarten plündern. Dass die beiden in besten Händen sind und „wie Königin und König behandelt werden“, beruhigt Cagnieul. Dennoch fällt ihr das Loslassen schwer: „Es fühlt sich an wie eine Kreuzung aus Tsunami und Lawine. Schon als Annabelle in den Kindergarten kam, war ich panisch: ,Hilfe, sie zieht aus!‘ Ich bin eben eine totale Glucke“, sagt die Germanistin. Seit sieben Jahren arbeitet sie nicht mehr, sondern ist ausschließlich Mutter.

Cagnieul hatte vor Annabelles und Samuels Ankunft eine Fehlgeburt und eine Totgeburt erlitten. Ursprünglich wollte sie nach wenigen Monaten wieder beruflich einsteigen, so wie das bei berufstätigen französischen Müttern Tradition sei, die ihre Kinder für gewöhnlich schon mit drei Monaten in Krippen oder zu Tagesmüttern geben. Doch ihr Leben sah es plötzlich anders vor. 365 Tage im Jahr dreht sich nun alles nur um die Kinder. „Da liegen die Nerven oft ziemlich blank“, gesteht sie beim Familientandemtreffen.

KEINE SCHANDE
Christa Tatár, die ihr zugehört hat, gratuliert: „Es ist nicht selbstverständlich, dass Mütter und Väter sich in die Karten schauen lassen und Unterstützung annehmen.“ Überforderung zuzugeben und um Hilfe zu bitten, sei jedoch keine Schande. Im Gegenteil, es sei ratsam, weil nur so die Situation für alle Beteiligten erleichtert werden könne, meint sie.

Über Annemarie Gruber und ihre Rasselbande Florentina, Marc (jeweils 8) und Constantin (5) stolperte Tatár zufällig: „Unsere Wege kreuzten sich auf der Straße. Anni, die Teilzeit arbeitet, und ihr Mann, der ebenfalls viel beschäftigt ist, war der Stress ins Gesicht geschrieben. Also fragte ich sie, ob ein Familientandem etwas für sie wäre.“ Und das war es!

Seit zwei Jahren ist Leihoma Christine Leitner im Einsatz. Jeden Dienstag kocht sie das Mittagessen und tollt mit den Gruber-Geschwistern durchs  eigens eingerichtete Spielzimmer. Gerade hat die zweifache Großmutter – sie kümmert sich auch um ihre leiblichen Enkel – keine Zeit, „weil sie auf Kur ist“, sagt Mutter Anni Gruber. Für das herzliche Engagement ist sie zu Tränen gerührt: „Ich bin für diese Entlastung unendlich dankbar.“ Logisch, dass da generell der Bedarf nach Familientandems steigt.

 

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Da fliegen einem die Herzen zu: Ursula und Gerhard Eder (Mitte), Anni Gruber (links) mit ihren Sprösslingen Florentina, Marc und Constantin sowie Emmanuelle Cagnieul (rechts) mit ihren Kindern Samuel und Annabelle.

So gründen Sie eine Tandemfamilie

Das „Familientandem“ ist ein Angebot der „Caritas Oberösterreich“ in den Bezirken Linz-Stadt und -Land, Wels-Stadt und -Land, Steyr, Kirchdorf, Ried, Schärding, Perg und Grieskirchen. „Um von der Caritas eingesetzt zu werden, sollten Interessierte Freude an der Beschäftigung mit Kindern haben, die Bereitschaft für eine Bindung von mindestens einem Jahr, ein freies Zeitbudget von zwei bis vier Betreuungsstunden pro Woche und einen Strafregisterauszug zur Sicherheit vorweisen“, erklärt Regionalleiterin Barbara Moser. 

Stimmt die Chemie zwischen Kind und Aufsichtsperson, schließt die Caritas für BetreuerInnen eine Unfall- und Haftpflichtversicherung ab und gibt grünes Licht. „Das Engagement wird zwar nicht bezahlt, ist aber zweifellos unbezahlbar.“ 

www.caritas-linz.at

Erschienen in „Welt der Frau“ 0708/16 – von Petra Klikovits & Sophia Lang

UPDATE: Christa Tatár hat am 14. Mai 2019 den Solidaritätspreis 2019 der KirchenZeitung Diözese Linz für Idee und Umsetzung des „Familientandems“ erhalten – wir gratulieren!

Landeshauptmann Thomas Stelzer, Christa Tatár, Sozial-Landesrätin Birgit Gerstorfer, Bischof Manfred Scheuer / Foto: KirchenZeitung, Litzlbauer