10

18

Aktuelle
Ausgabe:
Zum Shop
Jetlag-Baby

Gut im Leben ankommen, die Anpassung schaffen vom Mutterleib zur großen weiten Welt und das Urvertrauen entwickeln, dass immer liebe Menschen um einen sein werden, die es gut mit einem meinen. So kleine Erdlinge haben es nicht leicht die ersten Tage, so viele Aufgaben und neu zu erlernende Dinge warten auf sie. Unsere kleine Honigmaus macht sich wirklich gut und wirkt die meiste Zeit wie ein entspanntes, „freundliches Bündel“, wie es der wunderbare Reinhard Mey so treffend formulierte. Es gibt nur eine Kleinigkeit, die das Familienidyll noch untergräbt: Mäuschen scheint seit Geburt in einer anderen Zeitzone zu leben. Am Tag schläft sie wie ein Stein, seelenruhig auch in lauter Umgebung und sowohl im Kinderwagen, Tragetuch, Stubenwagen als auch sonst scheinbar überall. Kommt dann Mitternacht scheint für sie die Party erst richtig loszugehen, und mit Party meine ich Wetzen im Bettchen, lustige Geräusche, offene, neugierige Äuglein und eine angeregte Verdauung inklusive deren Produkte. An sich wäre so eine Unterbrechung der Nachtruhe für so eine pensionierte Nachtschwärmerin wie mich kein Problem, wären da nicht andererseits die vielen kleinen Schlafhäppchen zwischen 1-2,5 Stunden, die in Summe einfach für meinen Körper keinen ausreichenden Nachtschlaf ergeben. So wandle ich am Vormittag wie ein ferngesteuerter Mama-Roboter vom zweiten zum dritten Frühstück und sehne mich bereits nach dem Mittagsschläfchen, das mir fast jeden Tag gegönnt ist – immerhin. Als ich diese Vorkommnisse einer lieben Freundin und Mehrfach-Mama erzählt habe, meinte sie dann wissend und beiläufig: „Ach, ein Jetleg-Baby!“ Plötzlich macht das alles einen Sinn. Wahrscheinlich weil unsere Kleine Sternenguckerin war und weil ich so oft Thailändisch gegessen habe in der Schwangerschaft ist sie mit dem ureigenen Koordinatensystem etwas durcheinandergekommen und fühlt sich eigentlich irgendwo zwischen Australien und Hawaii daheim. Luxusprobleme, darüber bin ich mir vollkommen im Klaren, und im Grunde bin ich einfach nur heilfroh und dankbar, dass alles wirklich gut läuft in der neuen Familienkonstellation und dass ich schon wieder halblustige Blogs schreiben kann vom Bett aus, während sich das süßeste Baby der Welt im lila Igel-Strampler satt und zufrieden an meine Schulter kuschelt.

Susi Nagele-Krautgartner

wurde 1982 geboren und lebt mit Mann und Sohn in München. Die promovierte Kunstpädagogin und Künstlerin realisiert Kunst- und Kunstvermittlungsprojekte verschiedener Sparten im In- und Ausland. Dafür wurde die gebürtige Innviertlerin bereits mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnet. Themen wie Gleichstellung, Gender und deren lebenspraktische Umsetzung beschäftigen sie in all ihren Texten und Bildern. Der Blog ist die Fortsetzung von “Susis Babyzeit” (2014-2016). www.susikrautgartner.com