11

18

Aktuelle
Ausgabe:
Zum Shop
Jeder Schritt ein Gedanke

Diese Wanderer haben ein Ziel: den Weg. Denn während sie einen Schritt vor den anderen setzen, philosophieren sie über die Vergangenheit, die Zukunft, die Zeit und Entscheidungen. Cornelia Bruell ist die Reiseleiterin dieser Gedankenreise, die zu ungeahnten Höhen und Tiefen führt

Die Hitze bleibt unten im Tal, während sich die Zahnradbahn langsam nach oben vorarbeitet, ratternd und ruckelnd. Erst durch Wälder, vorbei an Wanderern, die winken, an Bäumen, die immer niedriger werden und die sich schließlich in bodennahen Föhren ausschleichen. Über Geröllfelder schiebt sie sich voran, bis zum Bergbahnhof auf dem Hochschneeberg, fast zweitausend Meter über dem Meer und eine gefühlte Unendlichkeit weg von den engen Häusern, den lauten Straßen, den vielen Leuten, hier oben ist es vor allem: still und klar und weit.

Cornelia versammelt ihr Grüppchen um sich, sieben Leute, Männer und Frauen, die hier heraufgekommen sind, um zu denken. Schon zum zweiten Mal bietet die Philosophin eine solches Wochenende an, bei dem es nur vordergründig um eine Wanderung geht, das Wandern ist viel mehr Mittel zum Zweck. Eigentlich geht es um die Philosophie. Um die Dynamik, die die Gedanken bekommen, wenn sie im Gehen entstehen. „Es ist kein Philosophieunterricht“, sagt sie, „sondern es sind Dialoge. Wir werden Etappen gehen, uns zu zweit zusammentun und Gespräche führen. Für jede Etappe gebe ich euch einen Impuls mit.“ Diese Impulse sind Texte großer und weniger großer Philosophen. Texte, die mehr Fragen aufwerfen, als sie vielleicht beantworten. So wie der erste, den Cornelia jetzt vorliest.

IM DIALOG
Der Text ist von Gilles Geleuze und Félix Guattari, übertitelt mit „Was ist Philosophie?“ und erzählt davon, dass die Philosophie jene Disziplin ist, die Begriffe erschafft. „Platon“, ergänzt Cornelia, „sagte, man solle sich in Ideen versenken, müsse zuvor aber den Begriff der Idee erschaffen.“ Die sieben Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben sich im Kreis um Cornelia versammelt und beginnen, man kann es tatsächlich sehen, zu denken. Kräuseln die Augenbrauen, lassen den Blick schweifen, neigen die Köpfe. „Für die erste Etappe würde ich euch gerne die Frage nach der Wahrnehmung dieser Begriffe mitgeben“, sagt Cornelia. „Was ist wirklich existent, welche Rolle spielen wir darin? Und: habt den Mut, neue Begriffe zu erschaffen.“

Bisher kannten sich die sieben Menschen nicht, die sich jetzt, dank Cornelia geht es sich aus, zu zweit zusammenfinden, ihre Rucksäcke schultern und sich auf den Weg machen. Ob es gerade daran liegt, dass sie sich zuvor nicht kannten? Jedenfalls versinken die Paare sofort in tiefe Gespräche, die Köpfe meist gesenkt, die wunderschöne Landschaft, die Berge und Hügel, die einem hier heroben zu Füßen gelegt werden, nur unbewusst wahrnehmend, wie eine berauschende Kulisse.

Es geht eine knappe Stunde dahin, die Paare sind teils eng hintereinander, teils klafft eine größere Lücke dazwischen, manche bleiben stehen, wie, um einen besonders wichtigen Gedanken nicht zu verlieren. Das Zuhören, das sagt auch Cornelia, sei zentral. „In den Gesprächen geht es nicht darum, Wissen auszutauschen, sondern Gedanken und Erfahrungen. Das Interesse am anderen ist wichtig. Man gibt etwas von sich, aber auch genug Raum für den anderen.“ Als das Ziel der Etappe, das Damböckhaus, erreicht ist, sind die Gespräche noch nicht zu Ende. Stehend wird noch gesprochen, diskutiert, auch gelacht. Es sollte bei den nächsten Etappen nicht anders werden. Gedanken richten sich nicht nach der Zeit.

Mehr dazu finden Sie in der Printausgabe.

Cornelia Bruells PHILOSKOP

In Baden bei Wien, NÖ, gründete die Politikwissenschaftlerin und philosophische Praktikerin 2016 das PHILOSKOP, das einen regelmäßig stattfindenden philosophischen Salon, philosophische Wanderungen, Philosophieren mit Kindern und philosophische Einzelgespräche vereint. Weitere philosophische Wanderungen wie diese hier beschriebene sind geplant, im Herbst und Frühjahr geht es hoch hinaus – auch gedanklich. www.philoskop.org

Erschienen in „Welt der Frauen“ 09/18