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Jeder Quilt ein Patchwork

Wenn viele Frauen ihre Talente verbinden, kann Einzigartiges entstehen. Dass Bosna-Quilts einzigartig sind, liegt an einer Künstlerin und zwölf bosnischen Flüchtlingen. Seit 25 Jahren schaffen sie Unikat um Unikat.

Einmal im Monat bringt der Linienbus aus Bregenz die neuen Entwürfe für die nächsten Bosna-Quilts nach Sarajevo. In das Paket hat Lucia Lienhard-Giesinger alles gepackt, was die bosnischen Näherinnen brauchen: Skizzen zu den Entwürfen, die nummerierten Stoffbahnen und die passenden Nähseiden. Am Busbahnhof von Sarajevo nimmt Safira Hošo die Sendung in Empfang und fährt damit gut eineinhalb Stunden Richtung Südosten, nach Goražde. Dort warten elf Frauen schon auf den Nachschub. „Wer gerade mehr verdienen muss, bekommt die größeren Stücke“, erzählt Lucia Lienhard-Giesinger. Die Frauen packen die Lieferung aus und machen sich an die Arbeit. Jede von ihnen hat im Lauf der Jahre eine eigene Handschrift entwickelt, wie sie die Stoffbahnen, die zuerst laut Skizze zusammengenäht werden, durchstickt. Auf diese Art werden die Rückseite, das eingelegte Vlies und die „Schauseite“ miteinander verbunden. Ob gerade Linien oder bewegte, ob kurze Stiche oder lange, die Individualität der Stickerin ist Teil des Kunstwerks. Jede wird auf der Rückseite des Quilts mit Namen genannt. Diese textilen Stücke kann man sich an die Wand hängen, man kann damit aber auch Schlafstätten und Sofas abdecken oder sich nach Belieben hineinkuscheln. Die Bosna-Quilts sind inzwischen beliebte Sammlerstücke geworden. Auch weil sie eine ungewöhnliche Geschichte erzählen.

DEN ALLTAG anreichern
1992 fanden viele Familien aus Bosnien, die vor dem Bürgerkrieg in Ex-Jugoslawien geflohen waren, Aufnahme in Vorarlberg. Lucia Lienhard-Giesinger ging das Schicksal dieser Menschen nahe. Sie überlegte, was sie beitragen könne, um den Alltag im Flüchtlingsquartier erträglicher zu machen. „Patchwork“ fiel ihr als Stichwort bei einem Spaziergang ein. „Aber ich hatte keine Ahnung davon und hatte das noch nie gemacht.“ Aber wer sagte, dass sie das Thema nicht auf eigene Art interpretieren könne? Als Studentin der bildenden Künste hatte Lucia Lienhard-Giesinger eine Zeit lang mit Vorliebe Fenster gezeichnet. „Mich hat fasziniert, dass jede kleine Ortsveränderung auch den Blick aus dem Fenster verändert hat.“

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Lucia Lienhard-Giesinger (rechts), die Gründerin der Quilt-Werkstatt, kümmert sich in ihrem Atelier in Bregenz um Entwürfe und Materialien. Safira Hoso (links) ist eine der zwölf Frauen, die im bosnischen Gorazde mit Freude an den Quilts arbeiten.

Fotos: Daniel Lienhard, thurgaukultur.ch/Inka Grabowsky

Erschienen in „Welt der Frauen“ 09/18