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01-02/24

Irene Kärchers inspirierendes Erbe

Irene Kärchers inspirierendes Erbe
Foto: Kärcher

Der Begriff „kärchern“ als Synonym für Hochdruckreinigung hat es bis in den Duden geschafft – das gleichnamige Unternehmen dahinter zu internationalem Erfolg, mehr als 15.000 MitarbeiterInnen (Stand 2022) und Milliardenumsätzen. Was viele nicht wissen: Den Grundstein dafür legte nicht nur der Gründer Alfred Kärcher, sondern vor allem seine Frau Irene.

Kindererziehung oder Karriere? Mit dieser grundlegenden Frage sah sich Irene Kärcher bereits 1959, kurz nach dem überraschenden Tod ihres Mannes Alfred Kärcher, konfrontiert. Nur knapp neun Jahre zuvor hatte er jenes Produkt entwickelt, das dem Unternehmen später zu internationaler Bekanntheit verhelfen sollte: den Hochdruckreiniger. Doch Alfred erlebte den großen Erfolg seiner Erfindung nicht, er starb an einem Herzinfarkt. 

So musste seine Frau Irene entscheiden: Sollte sie weiter in der ihr damals zugedachten Rolle der Mutter und Hausfrau leben oder das Lebenswerk ihres Mannes und die damit verbundenen 250 Arbeitsplätze sichern? Sie entschied sich für Letzteres.

Entscheidung gegen damaliges Rollenverständnis

Irene Kärcher ging damit einen Weg, der sich dem damaligen Rollenverständnis widersetzte. Doch die zweifache Mutter besaß unternehmerisches Talent, das sich laut mehreren Berichten bereits nach dem Abschluss der Real- und Haushaltsschule zeigte. Bei ihrem ersten Arbeitgeber, der Firma Daimler Benz, erarbeitete sie sich zunächst den Posten der Chefsekretärin der Personalabteilung, ehe sie als Sekretärin des damaligen Generaldirektors arbeitete.

Werte, Weitsicht und Weltoffenheit

Auch als Unternehmerin hinterließ Irene Kärcher früh einen bleibenden Eindruck. Rasch wuchs sie mit Hilfe ihrer MitarbeiterInnen in ihre neue Rolle. Der Einsatz zahlte sich aus: Innerhalb nur eines Jahres stieg der Umsatz um beeindruckende 70 Prozent. Ihr Ruf als weitsichtiges, weltoffenes und risikobereites Organisationstalent begleitete sie zeitlebens. Besonders war auch ihr Führungsstil: Kärcher legte großen Wert auf die Meinungen der ArbeitnehmerInnen und achtete stets auf einen menschlichen Umgang mit diesen. Zudem setzte sie früh auf die Internationalisierung des Unternehmens und eröffnete in den 1960er-Jahren Niederlassungen in Frankreich (1962), Österreich (1964) und der Schweiz (1966).

Mutter und Vater gleichzeitig verloren

Doch der Erfolg hatte auch einen Preis. Ihr Sohn Johannes erzählte als Erwachsener in einem Interview, dass es sich damals für ihn und seine Schwester so anfühlte, als hätten sie Vater und Mutter gleichzeitig verloren. Nach dem Irene Kärchers Entscheidung gefallen war, musste der Achtjährige etwa zu seiner Großmutter ziehen. Seine Mutter sah er nur mehr an den Wochenenden.

Der Wunsch, sich wieder mehr um ihre Kinder kümmern zu können, war auch der Grund, warum sich Irene Kärcher 1968 aus dem operativen Geschäft zurückzog. Die Leitung übergab sie einem Generalbevollmächtigten. Ein Versuch, der scheiterte. Ihr Nachfolger habe sich nur wenig für die Produkte des Unternehmens interessiert und wollte sich auf andere Erzeugnisse konzentrieren. Außerdem habe er in puncto Führung erneut einen autoritären Weg eingeschlagen. Dies hatte nicht nur das Ausscheiden wichtiger Führungskräfte aus dem Unternehmen zur Folge, sondern führte auch zum Verlust der führenden Marktposition Kärchers.

Deshalb kehrte Irene Kärcher in das Unternehmen zurück, fokussierte den Betrieb auf die Hochdruckreinigung und trieb die technische Weiterentwicklung voran. Erneut gab ihr der Erfolg Recht, wie die jährlichen Umsatzsteigerungen von rund 40 Prozent belegten. Auch die Internationalisierung blieb auf der Agenda der Unternehmerin, die Kärcher die heute typische gelbe Farbe verlieh. 1974 eröffnete sie eine Niederlassung in Brasilien.

Erste Frau in der „Hall of Fame“

Insgesamt drei Jahrzehnte lang führte Kärcher die Geschicke des deutschen Unternehmens. Ihr Vermächtnis, das nach ihrem Tod von ihren Kindern Johannes und Susanne getragen wurde, hat über die Jahre hinweg Bestand, ihr Mut und Einsatz wurden mehrfach gewürdigt. 1984 erhielt sie das Verdienstkreuz erster Klasse der Bundesrepublik Deutschland für ihre herausragende Unternehmensführung. Posthum nahm sie das Handelsblatt außerdem 2009 als erste Frau in die „Hall of Fame der Familienunternehmen“ auf.  

Damit bleibt die Pionierin bis heute ein inspirierendes Vorbild, insbesondere für junge Frauen. Ihre Geschichte lehrt uns: Es lohnt sich, über konventionelle Pfade hinauszudenken. Nur weil verschiedene Umstände scheinbar den Weg zu bestimmten Positionen oder Aufgaben versperren, bedeutet das nicht, dass man sich dieser Herausforderung nicht trotz aller Widerstände stellen und darin brillieren kann.

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  • Veröffentlicht: 29.01.2024
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