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Was macht Hass im Netz mit Frauen, Ingrid Brodnig?

Was macht Hass im Netz mit Frauen, Ingrid Brodnig?
Foto: Gianmaria Gava
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  • Veröffentlicht: 20.02.2026
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Online-Expertin Ingrid Brodnig beschäftigt sich in ihrem neuen Buch „Feindbild Frau“ mit wachsender Gewalt gegen Frauen im Netz. Wir haben mit ihr über Hintergründe und Lösungsansätze gesprochen.

Nimmt digitale Gewalt gegen Frauen nach wie vor zu? 
Zumindest aus den USA gibt es Daten, dass der Hass im Netz intensiver geworden ist, also auch extremere Dinge passieren. Wir machen aber insgesamt Rückschritte. Ein Beispiel: X hat Accounts, die früher gesperrt waren, weil sie Menschen fertiggemacht haben, wieder freigeschalten. Die Hassrede steigt. Das ist bei Twitter nach der Übernahme durch Musk gemessen worden. Das Problem hängt auch mit der US-Wahl zusammen. Mark Zuckerberg ist jetzt ebenso auf Linie mit Donald Trump. Seine Plattform hat für Facebook und Instagram die hauseigenen Regeln, die Community-Standards, geändert. Früher war es zum Beispiel verboten, Frauen als Haushaltsobjekte zu bezeichnen, das ist jetzt erlaubt.

Aktuell sorgen illegale Deep Nudes oder Nudification-Features für viel Aufregung.
Was X, Elon Musk und sein KI-Bot Grok sich hier geleistet haben, ist schon das Extremste, was wir bisher erlebt haben, wenn eine so große und einflussreiche Seite es zwischendurch komplett normal machte, Frauen ohne ihre Zustimmung digital auszuziehen und Fake-Bikini-Fotos zu erstellen. Nachdem ein Blockieren der App in Großbritannien im Raum stand, hat Musk jetzt eingelenkt. Aber das Problem ist: Die KI macht Demütigung von Frauen leichter.

Frauen werden auch immer wieder von Männern heimlich mit Smartbrillen gefilmt und die Videos dann online gestellt.
Neue Technologien werden mittlerweile sehr stark dafür genutzt, um Frauen den Konsens wegzunehmen. Männer gehen mit solchen Brillen wie den Meta-Ray-Ban-Brillen herum und filmen Frauen in unangenehmen Situationen. Bei jeder neuen Technologie müssen wir jetzt immer die Frage stellen: Wie sehr eignet sie sich für Missbrauch?

Welche Rolle spielt Anonymität im Netz?
Anonymität kann ein enthemmender Faktor sein. Oft wird sie mit Unsichtbarkeit verwechselt. Dass wir uns nicht sehen, nicht hören, wie verletzt jemand klingt, kann auch ein Aspekt sein, der Hetze leichter macht. Es gibt Untertypen aggressiver User:innen, zum Beispiel Trolle, die sich daran erfreuen, anderen Menschen Leid anzutun. Untersuchungen zeigen, dass Trolle eine höhere Neigung zu Psychopathie, Sadismus und Machiavellismus aufweisen. Manche Leute können also ihre Aggressionen online besser ausleben. Eine Studie hat ergeben, dass Männer, wenn sie Stress im Büro spüren, eher dazu neigen, auch online aggressiv aufzutreten.

Hinzu kommt, dass mit steigender Toxizität, also Aggressivität in der Sprache, auch die Wahrscheinlichkeit von Likes auf Facebook steigt. Das bringt Aufmerksamkeit und Zuspruch. Und es besteht die Gefahr von sogenanntem Reinforcement oder Norm-Learning, dass wir als Gesellschaft lernen, dass das normal ist. Die Sorge ist, dass sich verschiebt, was Menschen als zumutbare Ausdrucksweise empfinden.

Sie schreiben, dass ein Großteil der Menschen eigentlich lieber positive Inhalte sehen würde.
Die allermeisten Menschen finden Aggression im Netz nicht gut. Die Mehrheit wünscht sich, dass eher Konstruktiveres viral geht. Was wir online sehen, ist überhaupt nicht repräsentativ, und moderate Menschen posten im Schnitt auch weniger. Das ist selbst in den USA so, wo die Gesellschaft noch deutlich gespaltener ist als bei uns. Es gibt eine Sehnsucht nach Fairness und Respekt. Algorithmen sind aber wahrscheinlich so gebaut, dass sie das Spektakuläre, das viele Likes und viel Debatte erhält, einblenden. Und da ist eben die Gefahr, dass wir ein verzerrtes Bild der Welt bekommen.  

„Den ganzen Tag nur Hasskommentare zu erleben, macht etwas mit der eigenen Weltwahrnehmung.“
Ingrid Brodnig

Gleichzeitig warnen Sie vor einer „Sucht“ nach Aufregern im Netz. 
Menschen verbringen oft mehr Zeit auf Social-Media-Plattformen, als sie beabsichtigt hatten oder sie eigentlich sinnvoll finden. Hier stellt sich die Frage, inwieweit solche Apps geeignet sind, ein suchtähnliches Verhalten zu fördern. Das reicht vom Belohnungssystem, das aktiviert wird, bis hin zum Einblenden wütend machender Inhalte. Wut ist eine stark aktivierende Emotion, die die Aufmerksamkeit fesselt. Plattformen sind wohl so gebaut, dass sie diese menschlichen Eigenheiten ausnutzen und ständig Negatives zeigen.

Welche psychischen und gesellschaftlichen Auswirkungen hat digitale Gewalt für Frauen?
Die Psychotherapeutin Dorothee Scholz sagte zu mir, den ganzen Tag nur Hasskommentare zu erleben, macht etwas mit der eigenen Weltwahrnehmung. Menschen gehen zum Bäcker und fragen sich: „Ist der vielleicht auch einer, der mir so schlimme Nachrichten schreibt?“ Das kann einem das Gefühl von Sicherheit und das Grundvertrauen in andere Menschen nehmen.

Wann ist der Moment gekommen, um jemanden zu sperren oder zu blockieren?
Da muss jede:r für sich selbst über die Regeln, die Umgangsformen beim eigenen Profil entscheiden. Bei mir hängt es davon ab, wie heftig es ist. Neulich hat jemand bei mir drunter gepostet, Elon Musk handelt so, weil er Jude ist. Die Person habe ich blockiert, weil ich Antisemitisches nicht akzeptiere. Wenn es weniger heftig ist, sehe ich mir oft am Profil des Kommentators an, was er davor gepostet hat, und entscheide dann. Ist jemand permanent untergriffig, neige ich zum Blockieren, weil ich nicht will, dass die Person auch bei mir den Diskussionsstil nach unten zieht.

Macht es Sinn, gegen digitale Gewalt rechtlich vorzugehen? 
Ja – aber die Erfahrungen sind gemischt. Erstens geht es darum, ob ein Posting genau zur gesetzlichen Lage passt, etwa bei Vergewaltigungsdrohung. Wenn diese nicht konkret genug ist, stellt sie aus juristischer Sicht oft gar keine gefährliche Drohung dar. Vielleicht erfüllt sie den Tatbestand der Beleidigung, wenn es vor mehreren Leuten gesagt wurde. Ich denke, speziell für vage Gewaltwünsche bräuchte es einen besseren rechtlichen Schutz. Und es gibt Unterschiede darin, wie streng Staatsanwaltschaften oder Gerichte vorgehen. Es gibt sehr engagierte Staatsanwaltschaften, und manchmal wundert man sich, was eingestellt wird. Was es hier braucht, ist eine einheitlichere Linie.

Würden Sie ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige wie in Australien befürworten? 
Allgemein wünsche ich mir strengere Regeln für Social-Media-Plattformen, etwa, wie Algorithmen aussehen können. Dass jetzt zumindest über die Probleme bei Jugendlichen geredet wird, erscheint mir sinnvoll: Gerade junge Frauen können besonders darunter leiden, wenn sie auf den Plattformen permanent perfekte Körper sehen. Wenn Jugendliche stark Social Media nutzen, wird in einzelnen Studien auch eine höhere Wahrscheinlichkeit gemessen, dass sie Angst- und Depressionssymptome zeigen. Aber am sinnvollsten erschiene mir, Social Media für alle Altersgruppen strenger zu regulieren.

Foto: Brandstätter

Zur Person

Ingrid Brodnig ist Expertin für die gesellschaftlichen Auswirkungen von Digitalisierung und Debattenkultur. Die Autorin und Journalistin hält Vorträge und Workshops und gibt Tipps, wie man auf Phänomene wie Hassrede oder Desinformation reagieren kann.

Unser Buchtipp: „Feindbild Frau. Wie Politikerinnen im Netz bedroht, beleidigt und verdrängt werden – und was wir alle dagegen tun können.“ von Ingrid Brodnig, erschienen im Brandstätter Verlag, 208 Seiten, 25 Euro.

Melanie Wagenhofer

Chefredakteurin Print und Podcast

Ein Nachrichtenjunkie vertieft sich: Nach vielen Jahren im Tagesgeschäft liebt Melanie Wagenhofer es, sich ausführlich mit dem, was Frauen bewegt, zu beschäftigen und darüber zu schreiben – vorzugsweise, wenn es dabei um Zeitgeschichte, Kultur, Reisen, Kulinarik und besondere Menschen geht. Die gebürtige Mühlviertlerin hat Deutsch und Geschichte studiert und mehrere Bücher geschrieben.

[email protected]

Foto: Barbara Aichinger


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