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06/2026

Zum 100. Geburtstag: „Bachmann kommt nicht aus der Mode“

Zum 100. Geburtstag: „Bachmann kommt nicht aus der Mode“
Foto: Wikimedia Commons Fritz Peyer
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  • Veröffentlicht: 24.06.2026
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100 Jahre Ingeborg Bachmann: Literaturwissenschaftlerin Irene Fußl erklärt, warum ihr Werk bis heute fasziniert und was die Schriftstellerin als Person auszeichnete.

Was fasziniert Sie am meisten an der Person Ingeborg Bachmann?
Das Leben, das sie gelebt hat, in einer Zeit, in der das für Frauen so nicht vorgesehen war. Sie hat damals ein männliches Leben gelebt, selbstständig und eigenverantwortlich agiert, selbst für ihren Lebensunterhalt gesorgt. Und sie hat sich Freiheiten genommen, hatte viele Liebschaften. Aber sie hat auch immer wieder überlegt, zu heiraten, und da war eine Sehnsucht nach Kindern, wie aus Briefen an ihre Freundin und Schriftstellerkollegin Ilse Aichinger hervorgeht. Im Briefwechsel mit ihren Eltern sagt sie aber, sie werde sich letztlich immer für das Schreiben entscheiden. Eine Ehe war mit der Freiheit, die sie als Schriftstellerin brauchte, nicht vereinbar.  

Thomas Bernhard nannte Bachmann „die intelligenteste und bedeutendste Dichterin, die unser Land in diesem Jahrhundert hervorgebracht hat“. Welche Bedeutung haben sie und ihr Werk heute?
Bachmann war als Vorreiterin für jüngere Autorinnen äußerst wichtig. Viele stützen sich auch heute noch auf sie. Ein zentrales Thema in ihrem Werk ist Gewalt in der Gesellschaft und in Beziehungen, aber bei ihr liegt es noch ganz dicht unter der Oberfläche des Geschriebenen. Spätere Autorinnen wie Elfriede Jelinek haben es an die Oberfläche geholt.  

Bachmanns Werke sind gerade in China ein absoluter Verkaufsschlager.
Es ist faszinierend, dass Bachmanns Werk nicht aus der Mode kommt. Das hängt mit ihren zeitlos aktuellen Themen zusammen. Und Bachmann ist schon immer in viele Sprachen übersetzt worden.  

„Bachmann war eine scharfe Denkerin, die viele Freundschaften pflegte.“
Irene Fußl 

Wie würden Sie Bachmann als Person beschreiben? 
Als eine scharfe Denkerin, die viele Freundschaften pflegte. Sie war sehr ehrgeizig, unglaublich produktiv und wollte mit ihrem Werk etwas hinterlassen. Dabei ist ihre Vielseitigkeit faszinierend: Sie hat Gedichte, Erzählungen und Romane, Essays, kritische Schriften wie die „Frankfurter Vorlesungen“, aber auch Hörspiele und Libretti geschrieben. Von ihrem Romanprojekt „Todesarten“ konnte sie nur „Malina“ zu Lebzeiten publizieren, hat aber Tausende weitere Seiten hinterlassen. Es wird zu wenig gewürdigt, dass Bachmann in all diesen Genres Texte hinterlassen hat, die zu den besten der deutschsprachigen Literatur zählen.  

Wer waren ihre literarischen Weggefährtinnen?
Ilse Aichinger war eine sehr gute Freundin. Bachmann war total beeindruckt von ihrer Art, sich auszudrücken, und ihr Schreiben in jungen Jahren ist davon auch beeinflusst, wie auch von der Lyrik Paul Celans. Aber sie hat letztlich in ihren Texten immer Eigenes daraus gemacht. Zwischen Marie Luise Kaschnitz und ihr gab es große gegenseitige Wertschätzung und einen freundschaftlichen Austausch in Briefen. In der Salzburger Bachmann Edition gibt es einen Band, der sich mit Bachmann und befreundeten Lyrikerinnen auseinandersetzt, neben Marie Luise Kaschnitz mit Hilde Domin und Nelly Sachs. 

Welche neuen Erkenntnisse gibt es zu Bachmanns Biografie?
Bei der Beschäftigung mit ihren autobiografischen Schriften und Notizen konnten wir in der Salzburger Bachmann Edition Mythen relativieren oder widerlegen. So wurde aus Tagebuchaufzeichnungen klar, dass Bachmann sehr unter der nicht möglichen Beziehung mit Hans Werner Henze, einem homosexuellen Komponisten, gelitten hat, in den sie zeitweise sehr verliebt war. Henze blieb dennoch ihr Lebensmensch, von ihm hat sie sich vermutlich als Künstlerin am meisten verstanden gefühlt.
Wir bedenken in unserer Forschung die „Übergängigkeit“ von Leben und Werk, weil bei Bachmann Dinge, die sie erlebt hatte, etwa Träume, zum Teil eins zu eins ins Werk übergegangen sind. Auch Beziehungen hat sie in Texten aufgearbeitet – eine Form der Bewältigung. Man muss das beim Lesen zwar nicht wissen, wenn man es aber durch einen Kommentar erfährt, gewinnt der Text im Verständnis eine zusätzliche Dimension.  

Berühmte Zitate von Ingeborg Bachmann:

„Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar.“
„Hätten wir das Wort, hätten wir die Sprache, wir bräuchten Waffen nicht.“
„Alles ist eine Frage der Sprache.“
„Die Geschichte lehrt dauernd, aber sie findet keine Schüler.“ 

Bachmann ließ sich nicht in klassische Rollenbilder drängen, in ihren Werken thematisiert sie diese und schildert schonungslos Gewalt an Frauen.
Spuren davon sind immer da, von ihrem ersten Gedichtband „Die gestundete Zeit“ – im Titelgedicht „versinkt“ eine „Geliebte im Sand, / er steigt um ihr wehendes Haar“ – über „Undine geht“ bis zu ihrem Spätwerk, dem „Todesarten“-Projekt, in dem Frauen durch Grausamkeit in Beziehungen zu Männern zu Tode kommen. 

Ein berühmtes Zitat von Bachmann lautet: „Der Faschismus ist das Erste in der Beziehung zwischen Mann und Frau.“ 
Es gibt nicht „Krieg und Frieden“, es ist „der ewige Krieg“, lautet ein Zitat aus ihrem Roman „Malina“. In sogenannten Friedenszeiten gehe das „Virus Verbrechen“ zurück in die Beziehungen zwischen den Menschen. Und das sind oft jene zwischen Männern und Frauen in der Kleinfamilie. Da schwelt es vor sich hin, bis es wieder ausbricht. Aber Bachmann sagt in ihren „Frankfurter Vorlesungen“ auch: „Hätten wir das Wort, hätten wir die Sprache, wir bräuchten die Waffen nicht.“ 

Biografisches

Ingeborg Bachmann wird am 25. Juni 1926 in Klagenfurt geboren. Nach der Matura studiert sie Philosophie, Psychologie und Germanistik. Um sich ihr Leben als Schriftstellerin zu finanzieren, arbeitet sie fast ihr ganzes Leben lang: unter anderem als Fernsehredakteurin, Zeitungskorrespondentin und Dramaturgin. Sie wird als erste Dozentin auf den Lehrstuhl für Politik an der Uni Frankfurt berufen. Der literarische Durchbruch gelingt ihr 1952 mit Lyrik. Mehr als die Hälfte ihres Lebens verbringt Bachmann in Rom. Ab 1948 ist sie mit dem Lyriker Paul Celan liiert, zwischen 1958 und 1963 mit dem Schriftsteller Max Frisch. Als sie sich trennen, fällt Bachmann in eine schwere Krise, leidet an Alkohol- und Tablettensucht. 1971 bringt Bachmann ihren ersten Roman „Malina“ heraus, 1972 den Erzählband „Gier“. Am 7. Oktober 1973 stirbt die Schriftstellerin an den Folgen von Verbrennungen, die sie sich bei einem Brand in ihrer Wohnung zugezogen hat.  

Die Schriftstellerin war mit ihrem Schreiben eine der ersten feministischen Stimmen in der Nachkriegszeit. Sie selbst soll sich nicht als Feministin betrachtet haben.
Soweit wir wissen, wurde sie von der feministischen Bewegung kontaktiert, hat sich aber nicht zurückgemeldet. Egal, ob sie sich dazu deklariert hat oder nicht: Mit ihrem Leben und ihrem Werk war sie auf jeden Fall ein Role Model.

Bachmanns Vater war NSDAP-Offizier. Sie selbst wurde eine frühe und mutige Stimme in der Auseinandersetzung mit dem Krieg.  
An Bachmanns sogenanntem „Kriegstagebuch“ etwa sieht man, dass sie sich sehr früh durch Bildung eine andere Sichtweise erarbeitet hat. Sie besuchte in Klagenfurt das Ursulinengymnasium und hat dort in der Nazizeit heimlich am Dachboden verbotene Bücher – Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal, Thomas Mann – gelesen. Gleich nach dem Krieg hatte sie eine Romanze mit einem Besatzungssoldaten, Jack Hamesh, einem Juden aus Wien, der fliehen konnte und als britischer Soldat an der Befreiung Österreichs mitgewirkt hat. Er konnte gar nicht fassen, dass sie jüdische Literatur kennt. Sie hatte einen eigenen Kopf, hat kritisch gedacht und sich schon in ihrem frühen Werk vom Gedankengut dieser Zeit deutlich distanziert.

Cover: Suhrkamp Verlag

Buch zum Thema

Ingeborg Bachmann/ Heinrich Böll: „Was machen wir aus unserem Leben?“ Der Briefwechsel. Piper/Suhrkamp/ Kiepenheuer & Witsch,
46,95 Euro.

Wie ist sie sonst mit dem Thema Nationalsozialismus in ihrem Werk umgegangen?
Da folgt sie Paul Celan, der den Holocaust überlebt hat, nimmt die Position einer sekundären Zeugenschaft ein und spricht die Verbrechen immer wieder an. Die Erzählung „Unter Mördern und Irren“ ist etwa unglaublich spannend, sowohl was die Beziehung zwischen Männern und Frauen als auch die Aufarbeitung der Nazizeit angeht. Bachmann stellt hier die Frage, wie man nach dem Nationalsozialismus als Gesellschaft weiterexistieren kann, und kommt zu dem Schluss, dass man miteinander im Gespräch bleiben muss.  

Zusammenfassend: Was würden Sie über ihre Rolle in der Aufarbeitung dieser dunklen Zeit sagen?
Bachmanns Literatur war dafür äußerst wichtig. Unmittelbar nach dem Krieg hat sie sich beispielsweise in ihren Gedichten in Form von Bildern und Symbolen damit auseinandergesetzt. Ihre Lyrik war auch von Kritikern angesehen, die das Thema wahrscheinlich nicht so gern direkt angesprochen gehabt hätten. Die haben es dann anders gelesen, anders interpretiert. Später hat die Literaturwissenschaft hervorgehoben, wie früh Bachmann mit der Aufarbeitung in ihrem Werk dran war.
In Bachmanns Werk ist viel Düsteres, aber auch der Wille zur Veränderung. Bachmann war überzeugt davon, wenn es die Möglichkeit einer Veränderung gibt, dann über Literatur und über Sprache. In ihrer Literatur findet sich auch Utopisches, Visionen, wie es sein könnte. Ihre Bemühung war, eine Sprache zu finden, die etwas aufbricht, Neues ermöglicht und Veränderungen bewirken kann.  

Foto: privat

Zur Person

Irene Fußl ist Senior Scientist am Literaturarchiv der Universität Salzburg und gemeinsam mit Hans Höller (bis 2021) und Uta Degner (seit 2021) Gesamtherausgeberin der Salzburger Bachmann Edition. 

Melanie Wagenhofer

Chefredakteurin Print und Podcast

Ein Nachrichtenjunkie vertieft sich: Nach vielen Jahren im Tagesgeschäft liebt Melanie Wagenhofer es, sich ausführlich mit dem, was Frauen bewegt, zu beschäftigen und darüber zu schreiben – vorzugsweise, wenn es dabei um Zeitgeschichte, Kultur, Reisen, Kulinarik und besondere Menschen geht. Die gebürtige Mühlviertlerin hat Deutsch und Geschichte studiert und mehrere Bücher geschrieben.

[email protected]

Foto: Barbara Aichinger


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