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Ich packe meinen Koffer

„Haben Sie Ihren Klinikkoffer schon gepackt? Entdecken Sie heute noch die 375 überlebensnotwendigen Pflege- und Bespaßungsartikel, die Sie für Ihr Baby unbedingt brauchen (oder Sie sind eine schlechte Mutter).“ Gefühlt täglich flattern derartige Mails in einem virtuellen Posteingang herein. Zugegeben, ich bin selber Schuld. Aufgrund meiner Sparefrohhaltung habe ich mich bei so ziemlich jeder großen Drogeriekette beim angebotenen Service für Schwangere angemeldet. Ich wollte mir die Geschenke und Gratisproben einfach nicht entgehen lassen – Schnäppchenjägerin  durch und durch halt. Jetzt muss ich die Quittung bezahlen und damit meine ich nicht, dass ich meine Daten preisgegeben habe, sondern eben, dass ich diese neunmalklugen, aufreibenden Mails reinbekomme, die mich auf eine komische Art aufregen und frustrieren gleichzeitig. Ja, ich habe schon einen Kleiderschrank für Mäuschen eingeräumt, der vermutlich für Vierlingsmädchen ausreichen würde. Ja, ich habe schon diverse Kuscheldecken genäht und auch für die Kleine Kleidchen in buntesten Farben. Trotzdem steht der leere Koffer seit drei Wochen wie ein Mahnmal im Eck im Vorhaus. Ich kann mich nicht dazu aufraffen, sehr merkwürdig. Vielleicht denkt ein Teil von mir, dass der Termin ja noch so weit weg ist, dass es verlorene Zeit wäre und viel zu früh ihn zu packen. Vielleicht steht der Klinikkoffer aber auch für die Phase der Geburt, die unweigerlich bevorsteht und die neben einem großen Abenteuer auch ein fast völlig unplanbares, brachiales Ereignis ist, für das man weit mehr als nur Mut, Grundvertrauen und Ausdauer braucht. So sehr ich mich darauf freue diesen Ausnahmezustand, diese vielleicht unbegreiflichste Transformation von einem Wesen zu zwei, so schwingt doch eine gewisse Sorge mit ob auch dieses Mal alles gut gehen wird.

Ich denke ich sollte ihn heute Abend packen, vielleicht verschwindet dann auch das latente schlechte Gewissen etwas ganz Wichtiges vergessen zu haben, das mich seit Wochen begleitet. Ich werde Mäuschens erstes Outfit, einen selbstgenähten Einhorn-Strampler mit Strickweste, einpacken, mehrere Bodys und Pumphosen, die Kamera und für mich Kosmetik und gemütliches Gewand. Alles andere wird sich ergeben oder kann bei Bedarf nachgeholt werden.

Susi Nagele-Krautgartner

wurde 1982 geboren und lebt mit Mann und Sohn in München. Die promovierte Kunstpädagogin und Künstlerin realisiert Kunst- und Kunstvermittlungsprojekte verschiedener Sparten im In- und Ausland. Dafür wurde die gebürtige Innviertlerin bereits mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnet. Themen wie Gleichstellung, Gender und deren lebenspraktische Umsetzung beschäftigen sie in all ihren Texten und Bildern. Der Blog ist die Fortsetzung von “Susis Babyzeit” (2014-2016). www.susikrautgartner.com