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„Ich bin nicht wichtig“

Ob bei den „Alltagsgeschichten“ mit teils politischer Sprengkraft oder den eher kuschligen „Liebesg’schichten“ – Elizabeth T. Spira hat sich selbst nie besonders wichtig genommen. Ihre Sendungen haben Kultstatus, ihre rauchige Stimme hat sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Nun hört sie auf.

Sie haben einmal gesagt, der Grund, warum Sie Ihr ganzes Leben lang so viel und auch so lange gearbeitet haben, sei Ihr Vater. Er sei nie stolz auf Sie gewesen.
Elizabeth T. Spira: Er war wahrscheinlich eh sehr stolz auch mich, aber das darf man nicht sagen. Und das geht auch so weiter, weil ich es auch keinem sage. Das habe ich von meinem Vater so gelernt, und das ist eigentlich ziemlich schlimm. (lacht)

Haben Sie diese Tradition bei Ihrer eigenen Tochter fortgesetzt?
Es gibt billiges Lob und ordentliches Lob. Das billige Lob hat mein Vater sich erspart. Und das ordentliche auch manchmal. Wenn man nicht loben gelernt hat, dann weiß man auch nicht, wann es notwendig ist. Ich habe zwar bei mir gewusst, wann es notwendig gewesen wäre. Aber bei meiner Tochter weiß ich es nicht so sehr.

Wenn man sich die „Alltagsgeschichten“ und die „Liebesg’schichten“ ansieht, wirken Sie sehr empathisch. Manchmal reden Sie den Menschen nach dem Mund. Hat dieses fast Chamäleonhafte damit zu tun, dass Sie als Flüchtlingskind aufgewachsen sind?
Mit Sicherheit. Ich prüfe immer gleichzeitig, wer mein Gegenüber ist. Wahrscheinlich macht das jeder Flüchtling. Meine Eltern waren Flüchtlinge, ich bin in Schottland geboren worden. Gleich nach dem Krieg sind wir nach Österreich zurückgekehrt. Warum, das habe ich nie wirklich verstanden.

Aber es gab einen Grund?
Es ist niemand zurückgekehrt, außer der kommunistische Teil der Familie. Mein Vater und meine Großeltern waren Kommunisten und sind nach Wien zurückgekommen, weil die Partei sie gerufen hat. Deswegen haben wir im Gymnasium Russisch gelernt.

Warum war das Anpassen so wichtig als Flüchtling?
Man muss wissen, wer die anderen sind. Ob sie dir gefährlich sein könnten. Das ist ein Spiel. Noch dazu in einem Land, aus dem meine Eltern weg mussten. Schon als Kleinkind habe ich gewusst, dass wir anders sind. Was wir sind, habe ich allerdings erst später verstanden. Aber auf jeden Fall, dass wir anders sind.

Ist dieses Fremdheitsgefühl geblieben?
Es ist eigentlich nicht Fremdsein. Es ist Anderssein. Das ist geblieben und es stört mich auch nicht. Ich bin recht froh, anders zu sein.

Blicken Sie deshalb eher von außen auf Österreich?
Schon. Obwohl ich sehr wienerisch bin.

Die „Alltagsgeschichten“ und die „Liebes­g’schichten“ sind ein stabiler Quotenhit. Aber es gibt auch Kritiker: Das seien Sozialpornos, in denen minderbemittelte Menschen vorgeführt werden. Was entgegnen Sie?
Gar nichts. (lacht) Ich glaube, das sind humorlose Menschen, die das sagen. Es war ja so, dass vor allem die Kinder aus sehr bürgerlichen oder Nazifamilien plötzlich links geworden sind und linker sein mussten als die Linken.

Lesen Sie das gesamte Interview in der Printausgabe.

Zur Person

Elizabeth Toni Spira wird 1942 in Glasgow geboren. Ihre Eltern sind Wiener Juden, die vor dem Naziterror erst nach England, dann nach Schottland geflohen sind. Nach dem Krieg kehrt die Familie nach Wien zurück. Mit 18 Jahren beginnt Elizabeth T. Spira ihre Karriere als Journalistin bei der Boulevardzeitung „Express“. Nach einem Aufenthalt in den USA studiert sie Publizistik an der Uni Wien und schreibt für das Wochenmagazin „profil“. Nach einem Jahr wechselt sie zum ORF und arbeitet zehn Jahre lang für die Sendung „Teleobjektiv“. Dann wird sie zur „Einzelkämpferin“, wie sie heute sagt. Ihre engagierten „Alltagsgeschichten“-Reportagen haben längst Kultstatus. Im Sommer 2018 lief die 22. und vermutlich letzte Staffel ihres Quotenhits „Liebesg’schichten und Heiratssachen“.

Erschienen in „Welt der Frauen“ 09/18