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Ich bin jetzt Christin

Viele kehren der katholischen Kirche den Rücken. Nicht nur wegen der Missbrauchsskandale. Was zieht Menschen trotzdem zum Christentum und zur Kirche? Drei Frauen erzählen von ihrer Suche, gereiften und bewussten Entscheidungen und den Entwicklungsgeschichten hinter ihrem gelebten Glauben.

Rosa Roedelius (43)

Die Künstlerin bestand als Zehnjährige von sich aus darauf, getauft zu werden.

Rosa Roedelius wurde in ein buddhistisches Elternhaus hineingeboren. Ihre Mutter war Lehrerin, ihr Vater Musiker. Immer wieder erlebte Rosa ihre Eltern beim Meditieren, im Duft von Räucherstäbchen. Die Großmutter, die nebenan wohnte, war katholische Christin, kochte und wusch für die Familie und war auch für die „emotionale Grundversorgung“ zuständig. Ihren Glauben praktizierte sie sehr innig, ohne je zu missionieren. „Oft meinte sie: ‚Ihr braucht nicht in die Kirche mitkommen. Es reicht, wenn einer die Familie ins Gebet einschließt‘“, erinnert sich Roedelius. Als Kind war sie oft krank und erlebte dabei eine angsteinflößende Ohnmacht. Zwar fühlte sie sich gehalten von liebenden Eltern, aber dennoch allein. „Ein Arzt meinte, dass mir etwas Grundlegendes fehle. Gab es zu Hause wieder einmal Krisen oder zu wenig Geld, begleitete ich Oma in die Kirche, um mich dort zu erholen“, sagt sie.

DEN SINN ERFASSEN
Neugierig hörte sie auf die Worte des Priesters, obwohl sie sie nicht verstand. Immer wieder spürte sie aber auch eine Schwermut in der Kirche. „Und der Pfarrer spürte das auch“, erzählt Rodelius. „,Warum schauen Sie denn alle so grantig?‘, fragte er in die Menge. Diese Locker­heit gefiel mir!“ Obwohl Roedelius ohne Bekenntnis war, beschloss sie, am Religionsunterricht in der Schule teilzunehmen. Sie wollte den Sinn des Glaubens erfassen, doch ihre SchulkameradInnen mussten das Vaterunser und das Ave-­Maria auswendig lernen. Wer sich den Text nicht merkte, handelte sich den Unmut der Lehrerin ein. „Gehört das zum Glauben?“, fragte sich Roedelius. Als sie zehn Jahre alt war, ging sie mit ihren KlassenkameradInnen zur Beichte in die Kirche. Weil sie nicht wusste, was es denn zu beichten gebe, erzählte sie dem freundlichen Geistlichen im Beichtstuhl einfach alles, was ihr zu schaffen machte.

„Da meinte der Pfarrer, dass da jemand sei, der einem immer zuhöre. Für mich war das wie eine Erlösung, die Hilfe gegen meine Ohnmacht. Ich wurde von Licht und Glück durchflutet. Ich war sicher: Ich spüre Gott“, sagt sie. Beim Verabschieden erwähnte der Pfarrer, dass man durch Taufe in die christliche Gemeinschaft aufgenommen werden könne, und so lief Rosa nach Hause und erzählte ihren Eltern von ihrem Wunsch. Erst als sie Rotz und Wasser heulte, insistierte und ein Pater stundenlang die Fragen der Eltern beantwortet hatte, stimmten diese der Taufe zu. „Meine kleinen Brüder wurden gleich mitgetauft. Kurze Zeit später heirateten meine Eltern christlich.”

BEICHTE ALS PSYCHOHYGIENE
Sie wiederum merkte, dass mit ihrem Glauben auch ihre Widerstandskraft wuchs: „Ich wurde seltener krank.“ Mit 29 heiratete sie einen Mann, der großen Wert darauf legte, sonntags mit den Kindern zur Messe zu gehen. Das Paar befasste sich auch mit Jesusforschung und Kirchengeschichte. Später verlor ihr Mann jeden Glauben, die Ehe zerbrach. „Ich will nicht – wie andere – alles über den Haufen werfen, nur weil die Kirche auch ihre Schattenseiten hat“, sagt Rosa ­Roedelius. Sie suche sich Gottesdienste, in denen Priester intelligent, lebensnah und im Sinne der Frauen predigen. Selbst die aktuellen Missbrauchsskandale erschüttern ihren Glauben nicht mehr, obwohl ihr bewusst ist, dass die Kirche auch manipuliere, zu Fanatismus und Irrungen führen könne. „Aber sie gibt auch Halt. Ihren Zusammenbruch sehe ich daher als große Chance, um durchzuputzen, die dunklen Ecken auszuleuchten, Machtstrukturen und den Zölibat zu überdenken, strenge psychologische Aufnahmeverfahren für Geistliche und seelsorgerisch tätige Menschen einzuführen und Frauen mehr Platz einzuräumen.“ Nur von außen am Dreck herumzuklopfen, ohne den Kern zu heilen, sei der falsche Weg. Auch die Kirche brauche eine Beichte, eine Form von ­Psychohygiene: „Ich sehe es bei mir selbst: Sobald ich mich Gott zuwende, wende ich mich mir selbst zu und traue mich, auch das Unangenehme anzuschauen.“

Lesen Sie die Geschichten von Stephanie und Sophia in der Printausgabe.

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