„Könnte das etwas Gefährliches sein?“ Diese quälende Frage stellen sich Menschen mit Hypochondrie ständig. Woher die Angststörung kommt und was man dagegen tun kann, erklärt die Klinische Psychologin Anna Größwang.
In den sozialen Medien hört man oft von Menschen, die über Gesundheitsangst und Hypochondrie sprechen. Was versteht man darunter? Und wie kommt es dazu?
Hypochondrie, oft auch Krankheitsangst genannt, ist die anhaltende Sorge, ernsthaft krank zu sein, obwohl medizinische Untersuchungen keine entsprechende körperliche Erkrankung nachweisen. Betroffene nehmen körperliche Empfindungen besonders aufmerksam wahr und interpretieren sie schnell als Hinweis auf eine gefährliche Erkrankung. Die Störung beginnt meist im frühen bis mittleren Erwachsenenalter. Sie wird jedoch häufig erst spät erkannt, weil viele Betroffene zunächst wiederholt medizinische Abklärung suchen und sich trotz unauffälliger Befunde nicht dauerhaft beruhigen können. Dabei wird die Entstehung von Krankheitsängsten heute als Ergebnis eines Zusammenspiels biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren verstanden: Genetische Einflüsse und individuelle Stressreaktionen ebenso wie prägende eigene oder im Umfeld geschehene Krankheitserfahrungen, früh erworbene Überzeugungen über Sicherheit und Kontrolle oder belastende Lebensumstände können beispielsweise zur Entstehung von Krankheitsangst beitragen.
Wie lässt sich diese Angststörung behandeln?
Krankheitsangst ist gut behandelbar. Besonders wirksam sind klinisch-psychologische und psychotherapeutische Behandlungen, häufig aus der kognitiven Verhaltenstherapie. Betroffene lernen, zu verstehen, wie aus einem Körpersignal beunruhigende Gedanken, Angst und das Bedürfnis nach Rückversicherung entstehen können, und reduzieren schrittweise beruhigende Strategien wie häufiges Abtasten, wiederholtes Nachfragen oder intensive Onlinerecherchen. Zentral ist dabei der Umgang mit Unsicherheit: Absolute Gewissheit über Gesundheit gibt es nicht. Ziel ist ein gelassenerer Umgang mit körperlichen Empfindungen und das Vertrauen, dass Angst auch ohne sofortige Kontrolle wieder abklingen kann. Unterstützend wirkt zudem, den Alltag wieder aktiver zu gestalten, etwa durch soziale Kontakte, Bewegung und persönliche Interessen.
Welche Rolle spielt „Dr. Google“?
„Dr. Google“ kann bestehende Ängste verstärken. Suchmaschinen zeigen häufig zuerst seltene oder schwerwiegende Erkrankungen, während naheliegende oder harmlose Erklärungen weniger sichtbar sind. Zudem sind viele Symptombeschreibungen sehr allgemein formuliert, sodass sich Leser:innen leicht darin wiedererkennen. Recherchen können kurzfristig beruhigen, führen jedoch oft zu weiterer Verunsicherung und verstärkter Selbstbeobachtung. In der Behandlung geht es daher meist darum, einen bewussten und begrenzten Umgang mit Online-Recherchen zu entwickeln.
Was raten Sie Angehörigen, die zwar helfen möchten, sich aber mit den Ängsten ihrer Familienmitglieder oft überfordert fühlen?
Angehörige möchten verständlicherweise helfen, geraten dabei aber leicht in die Rolle ständiger Beruhigender: Häufiges Bestätigen oder gemeinsames Recherchieren entlastet zwar kurzfristig, kann die Angst jedoch langfristig verstärken. Hilfreicher ist es, Verständnis für die Belastung zu zeigen, ohne die Befürchtungen immer wieder inhaltlich zu prüfen. Angehörige dürfen Grenzen setzen und müssen nicht jede Sorge lösen. Stattdessen kann es sinnvoll sein, zu professioneller Unterstützung zu ermutigen und den Fokus wieder stärker auf Alltag und gemeinsame Aktivitäten zu lenken. Angehörige können begleiten und Stabilität geben, der Umgang mit der Angst liegt jedoch bei der betroffenen Person selbst.
Zur Person
Anna Größwang ist Klinische Psychologin im Wiener Zentrum „Phobius“, das auf die Behandlung von Angst- und Zwangsstörungen spezialisiert ist.
