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01-02/24

Wie wird man 100 Jahre alt, Frau Jopp?

Wie wird man 100 Jahre alt, Frau Jopp?
Foto: Shutterstock

Es ist ein Alter, das nur wenige Menschen erreichen: Daniela Jopp, Psychologin und Professorin an der Universität Lausanne, erforscht das lange Leben der Hundertjährigen und welche Rolle Resilienz darin spielt.

Sie untersuchen in Ihrer Arbeit als Psychologin das Altern und die Lebensumstände von Hundertjährigen. Was hat Sie dazu motiviert, sich diesem Thema anzunehmen? 

Ein persönlicher Hintergrund hat mich an dieses Thema herangeführt: Einerseits gab es meinen Großvater, der im Alter sehr fit war, und auf der anderen Seite meine Großmutter, die an einer Multiinfarktdemenz erkrankt ist und daher pflegebedürftig war. Es hat mich fasziniert, wie stark sich das Altern zwischen Menschen unterscheiden kann. Dass es den einen gelingt, besser alt zu werden als den anderen. Auf dieser Basis habe ich dann angefangen, mich mit dem Altern zu beschäftigen. Der Blick auf die Hundertjährigen erlaubt uns ein Austesten der Grenzen des psychischen Systems: Alle sind mit massiven Verlusten konfrontiert, sodass man besonders gut sehen kann, wie die Psyche funktioniert, um diese Verluste auszugleichen oder erträglich zu machen.

Daniela Jopp Foto
Foto: Martine Dutruit
„Alle wollen gerne ein langes Leben haben, aber alt sein will keiner.“

Von der „ewigen Jugend“ bis zum „würdevollen Altern“: Wo sehen sich die Hundertjährigen? 

Alle wollen gerne ein langes Leben haben, aber alt sein will keiner. Selbst die Hundertjährigen sagen uns oft, dass sie sich nicht alt fühlen – ein klarer Kontrast zwischen dem Empfinden und dem tatsächlichen Alter. Fragt man Menschen, was Altsein bedeutet, so werden die Beschreibungen immer positiver, je älter die Befragten sind. Weil sie selbst eine Chance haben, die guten Seiten am Altwerden zu entdecken, die jungen Leuten gar nicht in den Sinn kommen. Das Bild vom Alter wird also mit dem eigenen Erleben immer differenzierter.

Wie wird man 100 Jahre alt? Gibt es Lebensweisheiten, die man bereits als jüngere Person für das eigene Leben implementieren kann?

Wir haben die Hundertjährigen befragt, was ihrer Meinung nach geholfen hat, so alt zu werden. Viele haben gesagt: ein Leben in Maßen. Alles in Balance, nie übertreiben. 

Aktiv zu sein, sich gut um die Gesundheit zu sorgen, sich gut zu ernähren und sich zu bewegen, werden auch immer wieder als Gründe genannt – das sehen wir auch in unseren objektiven Daten. Aktivität ist insgesamt wichtig, sowohl im sozialen Kontext als auch bezogen auf Hobbies und Freizeit. Die Persönlichkeitseigenschaft Extraversion ist ebenfalls von Vorteil: Wenn Menschen den sozialen Austausch schätzen und gerne mit anderen zusammen sind, entwickeln sie eher positive soziale Kontakte, die bei Schwierigkeiten ein Unterstützungsnetzwerk sein können. 

Um im Leben, aber auch im Alter gut klarzukommen, sollte man versuchen, sich von Schwierigkeiten nicht einschränken zu lassen und die eigenen Bewältigungsstrategien ständig auszubauen, Probleme aktiv anzugehen, aber auch zu lernen, Dinge, die man nicht ändern kann, zu akzeptieren. Außerdem ist es hilfreich, sich zu fragen, wie man das Leben sieht – ist das Glas halb voll oder halb leer? Positive Einstellungen wie Optimismus helfen, gesund zu bleiben und gut zu altern. Ein weiterer wichtiger Faktor sind persönliche Leidenschaften. Dinge zu finden, die einem wichtig sind und die einen durch das Leben tragen.

Auch wichtig zu erwähnen: Höhere Bildung trägt dazu bei, eher nicht an Demenz zu erkranken. Ein Beruf mit sozialen Kontakten und numerischen Aufgaben scheint großen Studien zufolge zusätzlich zu schützen. 

„Die Hundertjährigen können Hürden gut anhand dessen relativieren, was sie bereits erfolgreich hinter sich gelassen haben.“

In Ihren Studienergebnissen sprechen Sie von einer positiven Stimmung bei den Hundertjährigen, trotz negativen Erlebnissen. 

Die Menschen, die schon zwei Weltkriege miterlebt haben und häufig nicht so ein einfaches Leben hatten, wissen um ihre Fähigkeit, Schwieriges zu überstehen. In der Schweiz haben wir während der zweiten Covidwelle eine Telefonstudie mit Hundertjährigen durchgeführt. Zu unserem Erstaunen hatten die Hundertjährigen eine sehr hohe Lebenszufriedenheit, höher als in unseren früheren Studien. Bei der Einschätzung ihrer Situation verwendeten sie einen veränderten Vergleichsrahmen, was bei der Bewältigung half: „Wir haben schon so viel überlebt, das werden wir auch noch überstehen.“ 

Die Hundertjährigen können Hürden gut anhand dessen relativieren, was sie bereits erfolgreich hinter sich gelassen haben. Es ist schon bemerkenswert, dass manche die Coronapandemie gar nicht so dramatisch erlebt haben, obwohl diese Menschen teilweise in sehr schwierigen Situationen waren. Beispielsweise in Pflegeheimen, die monatelang keine BesucherInnen zugelassen haben. Viele haben das als ein Problem wahrgenommen, aber sich trotzdem positiv aus dieser Situation herausgezogen. Es ist nicht so, dass diese Herausforderungen ignoriert werden, aber sie haben einfach weniger Gewicht auf die Befindlichkeit.

Mentale Gesundheit ist ein aktuelles Thema, die Jugend ist vermehrt von psychischen Erkrankungen betroffen. Wie ist das bei den Hundertjährigen?

Dazu gibt es im Moment nur wenige Daten, aber unsere aktuelle Schweizer Studie „SWISS100“ wird darüber Auskunft geben. Dort arbeiten wir multidisziplinär und untersuchen gezielt psychiatrische Fragen. Bekannt ist allerdings aufgrund früherer Untersuchungen, dass man bei den Hundertjährigen keine höhere Depressivität findet als bei jüngeren Personen, obwohl man das vermuten könnte – sie stehen ja faktisch näher am Lebensende. 

„Ich bin bereit zu gehen, aber bitte nicht morgen, da habe ich noch was vor. “

Wie sehen die Hundertjährigen den nahenden Tod?

Wenn wir Hundertjährige fragen, ob sie sich wünschen, zu sterben, bejaht das eine deutliche Minderheit. Dieses extrem hohe Alter geht also nicht mit einem Todeswunsch einher. Häufig gibt es noch kleine Projekte und Ziele, sie freuen sich beispielsweise auf die Konfirmation des Urenkels. Eine Hundertjährige, mit der ich neulich gesprochen habe, möchte noch einmal zum Eishockey, weil sie das wahnsinnig fasziniert. Die generelle Einstellung ist: „Ich bin bereit zu gehen, aber bitte nicht morgen, da habe ich noch was vor.“

Was kann unsere Gesellschaft über das Altern noch lernen?  

Es gab in den letzten Jahren eine starke Zunahme an sehr alten Personen. Das ist eine Tatsache, die leider in der Politik noch nicht angekommen ist. Ab 65 Jahren wird von „alten Menschen“ gesprochen, es wird aber kein Unterschied zwischen den Altersgruppen gemacht. Dabei gibt es das dritte Alter, das mit der Rente beginnt und ungefähr bis zum 80. Lebensjahr dauert. Das vierte Alter bezeichnet die Phase danach, die Hochaltrigkeit. Von extrem Langlebigen spricht man dann ab 100 Jahren oder älter. 

Warum braucht es diese Unterscheidung?

Diese Personen haben verschiedene Ressourcen und Bedürfnisse. Im dritten Alter hat man Zeit und die finanziellen Mittel, die Dinge umzusetzen, die man immer schon machen wollte. Viele haben auch noch einen Partner und haben intakte soziale Netzwerke. Zu diesem Zeitpunkt gibt es wenige gesundheitliche Einschränkungen und es ist für viele ein Ziel, diesen Lebensabschnitt aktiv anzugehen. 

Das vierte Alter ist hingegen deutlich von gesundheitlichen Problemen geprägt, vor allem chronische Erkrankungen häufen sich. Dies kann dazu führen, dass ein Leben ohne Hilfe im eigenen Haushalt schwierig wird. In dieser Lebensphase werden auch die Verluste im sozialen Umfeld immer deutlicher, in vielen Fällen stirbt beispielsweise der Partner oder die Partnerin, Freunde oder Familienmitglieder. Bei den Hundertjährigen kann es auch zum Verlust der eigenen Kinder kommen, was eine besonders schwierige Situation darstellt. 

Das dritte und das vierte Alter unterscheiden sich somit mitunter erheblich voneinander. Welche Konsequenzen ergeben sich daraus?

Da zwischen dem dritten und vierten Alter starke Unterschiede in Bezug auf die vorhandenen Ressourcen, Bedürfnisse und den Pflegebedarf bestehen, muss man überlegen, wie man diese Menschen in den entsprechenden Lebensphasen am besten unterstützen kann. Zudem ist wichtig, genau hinzuschauen, weil Altern auch stark individuell ist. Es gibt eine unglaublich hohe Varianz: Menschen des gleichen, chronologischen Alters können in ihrer Gesundheit und kognitiven Leistungsfähigkeit sehr verschieden sein.

„Je besser wir über das Altern auch in seinen Grautönen Bescheid wissen, desto besser können wir altern, weil wir uns angstfreier vorbereiten und unser sehr langes Leben gestalten können.“

Bereits jetzt herrscht in Österreich ein Mangel an Pflegepersonal – wie können wir die längere Lebenserwartung Ihrer Meinung nach gesellschaftlich stemmen? 

Wichtig ist, dass wir uns an den Ressourcen der Menschen und ihrem Umfeld orientieren: Wie geht es den alten Menschen, was wollen sie, was können sie noch alleine, wo können Familie oder Freunde oder auch Ehrenamtliche helfen? Die personenzentrierte Pflege ist ein maßgebliches Schlagwort, um passgenaue Unterstützung anbieten zu können. Dazu gehört zum Beispiel auch das Ermöglichen von Aktivitäten, auch in Pflegekontexten. Wir haben festgestellt, dass das Verfolgen von sinngebenden Dingen sehr gut für die Lebensqualität ist. Beispielsweise jemanden zu haben, der für eine nähende Person Stoff einkaufen geht, sie in die Bibliothek begleitet, wenn die Mobilität eingeschränkt ist, oder der da ist, um sich auszutauschen, spazieren zu gehen oder die Geschichten anzuhören, die sie zu erzählen hat. Als Gesellschaft müssen wir uns Angebote überlegen, die ein Weiterführen dieser Tätigkeiten und Teilhabe ermöglichen.

Das Altern ist ein natürlicher Prozess, dem wir alle unterliegen. Warum fürchten sich viele Menschen dennoch davor?

Mich erschreckt immer sehr, wie in der Presse über sehr alte Menschen berichtet wird: Auf der einen Seite feiert man die Hundertjährigen, die noch sehr fit sind. Auf der anderen Seite wird der Tsunami aus Demenzkranken heraufbeschworen, der unsere Gesellschaft überrollt. Es gibt wenig Berichte über all die Menschen zwischen diesen beiden Extremen, wodurch viel Angst aufgebaut wird. Je besser wir über das Altern auch in seinen Grautönen Bescheid wissen, desto besser können wir altern, weil wir uns angstfreier vorbereiten und unser sehr langes Leben gestalten können. Dazu gehört auch, dass wir negative Stereotype abbauen und positive Bilder des Alterns entwickeln. 

Wie unterscheiden sich hundertjährige Männer und Frauen in ihrer Sicht auf das Leben?

Das ist schwierig zu sagen, weil wir durch die höhere Lebenserwartung sehr viel mehr Frauen als Männer in unseren Studien haben. Man muss aber festhalten, dass diese Männer häufig fitter sind als die Frauen, weil eben nur sehr wenige Männern überhaupt so alt werden. 

Spielt Gläubigkeit bei den Hundertjährigen eine Rolle, um im Alter eine positive Grundstimmung zu bewahren?

In den USA haben wir einen Zusammenhang zwischen religiösen Einstellungen und Wohlbefinden gefunden. In den europäischen Stichproben sind die Beziehungen weniger stark, aber bei den portugiesischen Hundertjährigen spielt Religiosität eine sehr wichtige Rolle. Dieses Land war lange Zeit eine Diktatur, in der die katholische Religion auch sehr stark instrumentalisiert wurde. 

Im Vergleich zu den deutschen Hundertjährigen haben die portugiesischen deutlich mehr Angst vorm Sterben. Das führen wir auf die stärkere Präsenz der Religion zurück sowie auf den Katholizismus, in dem ein strafender Gott und die Hölle eine wichtige Rolle spielen. In Deutschland haben uns viele Hundertjährige gesagt, dass sie in den Weltkriegen zu viele Menschen hätten sterben sehen, weshalb sie ihren Glauben verloren hätten. Diese Prägung durch die persönliche Lebensgeschichte und historische Ereignisse ist sehr spannend – nicht nur die Nähe zum Tod oder das Alter hat Einfluss auf die Einstellung der Menschen. 

Was konnten Sie sich persönlich schon von den hundertjährigen Menschen mitnehmen?

Mich fasziniert, wie stark die Persönlichkeiten sind, und wie offen und neugierig manche noch sind. Dass der menschliche Geist in der Lage ist, mit massiven Einschränkungen umzugehen. Als jüngere Personen wollen wir so viel machen und glauben, wenn das einmal nicht mehr möglich ist, dann sei das Leben nicht mehr lebenswert. Aber es gibt ein großes Resilienzpotential, das aktiviert wird, wenn Schwierigkeiten auf uns zukommen. Das ist die schöne Nachricht: Wir können darauf vertrauen, dass wir mit dem, was uns im Alter begegnet, klarkommen werden. 

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  • Veröffentlicht: 29.06.2023
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