Warum wissen wir so viel über Promi-Hochzeiten, aber so wenig über Krisen, in denen Millionen Menschen ums Überleben kämpfen? Welche humanitären Katastrophen 2025 kaum Schlagzeilen machten.
445.342 Artikel erschienen 2025 über den TikTok-Shutdown. 96.927 über Jeff Bezos’ Hochzeit. Und nur 1.532 über die humanitäre Krise in der Zentralafrikanischen Republik. Diese Zahlen wirken wie ein Kommentar zur Gegenwart, stammen aber aus einer Medienanalyse.
Für ihren jährlichen Krisenreport lässt die Hilfsorganisation CARE Millionen Online-Artikel weltweit auswerten. Dabei untersucht die NGO jedes Jahr, welche großen humanitären Krisen in internationalen Medien zwischen 1. Jänner und 30. September kaum vorkommen. Für die aktuelle Ausgabe wurden rund fünf Millionen Online-Artikel aus 345.000 Medien analysiert. Das Ergebnis: 43 Millionen Menschen leben in den zehn am stärksten vernachlässigten Krisen. Die Zahl der Betroffenen entspricht damit in etwa der Bevölkerung Spaniens.
Meisten Krisen in Afrika
Was viele dieser Länder verbindet: Acht der zehn Krisen liegen auf dem afrikanischen Kontinent. Viele kämpfen gleichzeitig mit Klimafolgen, Armut und Konflikten. Gleichzeitig wurden humanitäre Hilfsbudgets in den vergangenen Jahren weltweit gekürzt. Ziel sei laut CARE nicht, Mittel von aufmerksamkeitsstarken Krisen abzuziehen, sondern insgesamt mehr Unterstützung für humanitäre Hilfe bereitzustellen.
Doch es lassen sich auch positive Entwicklungen vermerken, wie der Bericht aufzeigt: „Konstruktiver Journalismus, der Lösungen in den Mittelpunkt stellt und weniger auf Negativberichterstattung setzt, gewinnt an Bedeutung. Durch Social Media sind die Stimmen Betroffener zunehmend direkt zu vernehmen, authentisch und nicht von stellvertretenden Sprecher:innen gefiltert.“ CARE erklärt außerdem klar, was das Ziel des Berichts seit vielen Jahren ist: „Gesehen zu werden, ist eine Frage der Würde – und eine Voraussetzung dafür, dass Menschen in humanitären Krisen die notwendige Unterstützung erhalten.“
Die 10 vergessenen humanitären Krisen
Zentralafrikanische Republik – Platz 1
Nur 1.532 Artikel berichteten über die Krise in der Zentralafrikanischen Republik, über Krieg und Vertreibung, die dort allgegenwärtig sind. Über 80 Prozent der Bevölkerung leben in Armut. Fast die Hälfte der Bevölkerung – rund 2,4 Millionen Menschen – ist auf humanitäre Hilfe angewiesen. Über 442.000 leben als Binnenvertriebene im eigenen Land, zudem fast 665.000 als Geflüchtete in Nachbarstaaten wie Kamerun, Tschad, der Demokratischen Republik Kongo und dem Südsudan. Frauen und Mädchen tragen die Hauptlast der Gewalt.
„Die Zentralafrikanische Republik erscheint zum zehnten Mal in Folge in unserem Krisenreport – eine chronische Krise, die seit über zwölf Jahren anhält. 2,4 Millionen Menschen benötigen humanitäre Hilfe, jede fünfte Person ist auf der Flucht. Dennoch ist die internationale Unterstützung massiv unterfinanziert“, so das offizielle Statement von CARE.
Namibia – Platz 2
In Namibia trifft die Klimakrise ein Land, dessen Bevölkerung stark von Landwirtschaft lebt. Das Land trocknet aus und die Einwohner stellen sich die Frage, wie es in den kommenden Jahren weitergehen wird. Aber es gibt auch Hoffnung: 2025 machte Namibia Schlagzeilen, da erstmals drei Frauen die höchsten Regierungsämter innehatten. Auch an der Basis setzen sich viele namibische Frauen für mehr Gleichberechtigung und weniger Armut in ihren Gemeinden ein. Nur 2.379 Artikel berichteten weltweit über die Krise dort. Die Klimakrise trifft Länder in Afrika besonders stark, während reiche Länder wie die USA deren Existenz verleugnen.
CARE ordnet ein: „In Namibia trifft die schlimmste Dürre seit einem Jahrhundert ein Land, dessen Bevölkerung zu zwei Dritteln von der Landwirtschaft lebt. Über 1,3 Millionen Menschen waren von Ernährungsunsicherheit betroffen, die Weizenernte brach um über 80 Prozent ein. Kleinbäuerinnen und Kleinbauern kämpfen gegen eine Klimakrise, für die sie nicht verantwortlich sind.“
Sambia – Platz 3
Extreme Wetterereignisse prägen den Alltag in dem afrikanischen Land, in dem Millionen Menschen von der Landwirtschaft leben: Dürre, Fluten und Ernteausfälle zerstören die Ernährungsgrundlagen. Immer wieder brechen Dämme aufgrund enormer Regenfälle und überschwemmen Dörfer und Felder. Die Fluten zerstörten Lebensgrundlagen und führten im Wechsel mit Dürren, Schädlingsbefall und steigenden Lebensmittelpreisen zu akuter Ernährungsunsicherheit für mehr als 1,2 Millionen Menschen. Doch nur 2.980 Artikel wurden darüber verfasst.
CARE sagt: „In Sambia sind 5,5 Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen. Die Klimakrise vernichtet die Lebensgrundlagen der Bevölkerung zunehmend. Extremwetterereignisse wechseln sich laufend ab: Verheerende Dürren folgen auf zerstörerische Überflutungen. Landwirtschaft wird so zum Glücksspiel.“
Malawi – Platz 4
Dürren, Wirbelstürme und Überschwemmungen treffen das südostafrikanische Land immer wieder und treiben Millionen Menschen in den Hunger. Im Vorjahr traten vermehrt Zyklone auf, die ganze Ernten zerstörten. Die fortlaufende Abholzung trägt zur Erosion des Bodens bei. Gleichzeitig ist die Brennholzgewinnung überlebenswichtig. Es wird nun versucht, mit Katastrophenfrühwarnsystemen die Auswirkungen der Wetterextreme zu verringern, doch ohne Hilfe von außen ist das nicht möglich. Trotzdem fand die Krise nur in 3.436 Artikeln Beachtung.
CARE sagt: „6,1 Millionen Menschen in Malawi benötigen dringend humanitäre Hilfe. Die Klimakrise trifft das Land mit voller Wucht: Dürren, Wirbelstürme und Überschwemmungen zerstören regelmäßig Ernten und treiben Familien in den Hunger – eine Krise, die Jahr für Jahr in Vergessenheit gerät.“
Honduras – Platz 5
Klimawandel, Hunger und Gewalt prägen den Alltag in dem einzigen lateinamerikanischen Land auf der Liste. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt in Armut – besonders betroffen sind Frauen und Mädchen. Im Jahr 2024 führte CARE Honduras eine Schnellanalyse (Rapid Gender Analysis) durch, die ergab, dass 61 Prozent der befragten Frauen im Vormonat Hunger leiden mussten, aber nur zehn Prozent der Männer. Dürre bedroht die Lebensgrundlage von über einer Million Familien in Honduras. Dennoch wurde 2025 nur in 3.533 Artikeln darüber berichtet.
CARE berichtet: „Honduras steht vor einer dreifachen Krise: Klimawandel, Hunger und massive Geschlechterungleichheit. 1,6 Millionen Menschen brauchen humanitäre Hilfe, doch der internationale Hilfsplan ist 2025 nur zu elf Prozent finanziert. Durch fehlenden Zugang zu Land und Ressourcen leiden Frauen und Mädchen besonders unter Armut.“
Nordkorea – Platz 6
Hinter politischen Schlagzeilen verbirgt sich eine stille humanitäre Krise: Millionen Menschen leiden unter Hunger und mangelnder Versorgung. Berichtet wird aber häufig vor allem über die Politik. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen sind mehr als 40 Prozent der Gesamtbevölkerung in unterschiedlichem Ausmaß von Unterernährung betroffen. Fast jedes fünfte Kind unter fünf Jahren leidet wegen Mangelernährung unter Wachstumsverzögerungen. Über die humanitäre Krise erschienen nur 4.075 Artikel.
CARE erklärt: „Fast elf Millionen Menschen – über 40 Prozent der Bevölkerung – leiden an Unterernährung. Die politische Isolation verhindert dringend benötigte internationale Hilfe.“
Angola – Platz 7
Dürre, Cholera und soziale Unruhen trafen das Land gleichzeitig und brachten Millionen Menschen durch Mehrfachkrisen in Not. Laut UN-Angaben sind fast 2,6 Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen, die Hälfte davon Kinder. Gleichzeitig breitet sich Cholera rasant aus. Dennoch wurde die Krise nur in 4.132 Artikeln aufgegriffen.
CARE sagt: „Die humanitäre Krise in Angola eskalierte 2025 dramatisch: Die Bevölkerung war gleichzeitig mit der schlimmsten Dürre seit Jahrzehnten, einer landesweiten Cholera-Epidemie und sozialen Unruhen konfrontiert.“
Burundi – Platz 8
Trotz anhaltender Ernährungsunsicherheit nimmt das Land weiterhin Geflüchtete aus Nachbarregionen auf – eine enorme Belastung für die Bevölkerung. Im Oktober 2025 befanden sich über 110.000 Geflüchtete und Asylsuchende im Land. Trotzdem erschienen nur 5.879 Artikel über die Krise.
CARE ordnet ein: „Burundi erscheint bereits zum neunten Mal im CARE-Krisenreport. 1,2 Millionen Menschen haben nicht genug zu essen.“
Simbabwe – Platz 9
Die Folgen der schweren El-Niño-Dürre treffen vor allem Kinder und Familien in ländlichen Regionen. 2,7 Millionen Menschen sind dort immer wieder mit Ernährungsunsicherheit konfrontiert. Auch in Städten können 28 Prozent der Bevölkerung ihren Bedarf an Nahrung nicht decken. Trotzdem wurde nur in 5.905 Artikeln darüber berichtet.
CARE sagt: „Fast jedes vierte Kind unter fünf Jahren ist mangelernährt. Familien verkaufen ihre letzten Besitztümer, um zu überleben.“
Madagaskar – Platz 10
Wer an Madagaskar denkt, hat bunte animierte Figuren und beeindruckende Natur vor Augen. Doch die Realität sieht oft anders aus. Dürren, Überschwemmungen, Wirbelstürme und politische Unruhen treffen das Land gleichzeitig. Von Ende Dezember 2024 bis März 2025 waren im Süden mehr als 200.000 Menschen von zerstörten Ackerflächen und Trinkwassermangel betroffen, über 46.000 wurden vertrieben. Dennoch wurde die Krise nur in 6.210 Artikeln erwähnt.
CARE erklärt: „Madagaskar wurde 2025 von einer Serie von Katastrophen heimgesucht. 4,7 Millionen Menschen, darunter 2,3 Millionen Kinder, benötigen humanitäre Hilfe.“
Mehr Infos und Spendenmöglichkeiten finden Sie auf der Website von Care Österreich www.care.at.