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Hopp, Mutti, hopp!

Aus dem Münchner Stadtbild sind Lastenfahrräder und Fahrräder mit Kinderanhängern nicht mehr wegzudenken. Bewundernd habe ich den meist weiblichen Fahrerinnen bis dato hinterhergesehen, wie sie scheinbar mühelos mit wehenden Haaren und ohne jedweden Schweißfleck ihre Schätze von A nach B, vom Kinderturnen zur Krippe, vom Biergarten zur Schwiegermutti schippern. Irgendwie war für mich klar, dass ich auf magische Weise beim zweiten Kind von der Fahrradabstinenzlerin aus Hasenfuß- und Bequemlichkeitsgründen zur rollenden Sport-Mami werden würde, so wie bekannterweise mit der Geburt der Kinder wie durch Magie alle eigenen Ambitionen und Bedürfnisse verschwinden, oder wie war das? Jedenfalls habe ich mich schon vor einigen Wochen aufgerafft mit einer Co-Schwangeren ein hippes Lastenfahrradgeschäft aufzusuchen. Bei der kurzen technischen Einführung haben meine Augen noch geleuchtet und mit einer gewissen Neugier gepaart mit der Haltung, dass das bestimmt auch bei mir gut klappen würde, war ich ganz scharf so ein Teil auszuprobieren. Sie können sich gar nicht vorstellen, was ich dort für alle Anwesenden für eine Show geliefert habe. Wie der sprichwörtliche Affe auf dem Schleifstein – mit Buckel und angstverzerrtem Gesicht wackelte ich also ein paar mühevolle Meter auf dem Gehsteig hin und her. Dabei hatte ich das Gefühl an ein Spaßfahrrad aus dem Zirkus geraten zu sein, jede, die nach links fahren, wenn man nach rechts lenkt. Die Verkäufer konnten ein abfälliges, hysterisches Kichern kaum verbergen. Nicht einmal Mitleid brachten sie mir mit meinem unförmigen Leib und der ganz offensichtlichen Schwerstanstrengung entgegen. Und dann ließ sich einer davon auch noch hinreißen dazu etwas zu murmeln wie: „Na, so ganz smooth sah das halt nicht aus.“ Als meine körperlich eigentlich noch betagtere Freundin dann wie eine elegante Gazelle schnurstracks und ohne Wackelei das selbe Fahrrad fuhr gab mir das den Rest. Zuhause brauchte es dann noch ein ehrliches Gespräch mit Mutti, die mir in gewohnter Direktheit den Kopf zurechtrückte und meine Intuition bestärkte, dass aus mir wohl kein rollendes Fahrradkindertaxi werden würde. Ich habe mir, Klimawandel hin oder her – und auf diesen Teil bin ich wirklich nicht sonderlich stolz, eingestanden, dass ich um hier im Münchner Umland mit zwei kleinen Kinder effizient, trocken und sicher Arztbesuche, Einkäufe und Kindergartentransporte absolvieren zu können um die Anschaffung eines Autos nicht umher komme. Seit drei Tagen steht also meine neues, kompaktes Familientaxi in der Garage und steht für notwenige Ausfahren bereit. Mit der Ankunft des kleinen, silbernen Automobils habe ich meine Träume eine Lastenfahrradmutti zu werden endgültig begraben – der Beginn einer neuen Ära für mich, mal sehen wie schnell mir die Transformation zur routinierten Autofahrerin gelingt.

Susi Nagele-Krautgartner

wurde 1982 geboren und lebt mit Mann und Sohn in München. Die promovierte Kunstpädagogin und Künstlerin realisiert Kunst- und Kunstvermittlungsprojekte verschiedener Sparten im In- und Ausland. Dafür wurde die gebürtige Innviertlerin bereits mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnet. Themen wie Gleichstellung, Gender und deren lebenspraktische Umsetzung beschäftigen sie in all ihren Texten und Bildern. Der Blog ist die Fortsetzung von “Susis Babyzeit” (2014-2016). www.susikrautgartner.com