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12/22

Hilfe, ich blute!

Hilfe, ich blute!

Wann ist der richtige Zeitpunkt, um über die Periode zu sprechen? Wie kann ich mein Kind vorbereiten?

Das Thema Menstruation ist immer noch ein Tabu. In der Binden-Werbung ist das Blut blau dargestellt, auch in der Sprache gibt es viele Umschreibungen, von „Ich habe meine Tage“ bis zu „Besuch von Tante Rosa“. ­Welche Gründe gibt es dafür?

Bettina Steinbrugger: Die Werbung trägt sicher zum Tabu bei, aber mittlerweile setzen immer mehr Unternehmen rote Flüssigkeit in ihren Werbespots ein. Ein weiterer Grund ist, wie mit jungen Menschen gesprochen wird. Die Einstellung der Mutter überträgt sich auf die Tochter. So wird, oft unbewusst, über Generationen ein negatives Bild weitergegeben. Der dritte Grund ist fehlende schulische Aufklärung.

Sina Oberle: Wir haben eine große Lücke, was die Aufklärung betrifft. Wie ich als Mutter mit meiner Weiblichkeit umgehe und wie mein Partner auf die Periode reagiert, ist essenziell. Wenn mein Partner zu mir sagt: „Bist du ­wieder zickig, weil du deine Periode bekommst“, prägt sich das natürlich bei der Tochter ein. Man sollte den ganzen Zyklus anschauen: Welche Eigenschaften bringen die jeweiligen Zyklusphasen mit sich und wie kann ich sie im Alltag nutzen? Man sollte nicht nur denken: „Oje, jetzt habe ich meine Periode, ich kann nicht schwimmen gehen.“ Wenn wir offen wären, auch die Vorteile zu sehen, hätten wir weniger Beschwerden.

Wie sollten denn Frauen mit ihrer Periode umgehen?

Oberle: Es beginnt damit, dass ich meine Tochter an meiner Weiblichkeit teilhaben lasse. Sie ist zwei Jahre alt und wenn sie mit mir auf die Toilette geht und sieht, dass ich meine Periode habe, erkläre ich ihr, was da passiert. Sie sieht, welche positive Verbindung ich dazu habe. Wichtig ist auch, wie ich mit meinem Partner spreche: „Ich brauche mal eine halbe Stunde Pause, weil ich meine Periode habe.“ Und mein Partner sagt zu meiner Tochter: „Komm, lass uns spielen! Mama ruht sich gerade aus.“ Wenn ich es schaffe, offen zu kommunizieren, wird meine Tochter später mit Fragen oder Problemen auf mich zukommen. Es ist wichtig, dem Kind zu signalisieren: „Ich bin da. Du kannst mit mir über alles sprechen.“

Wie geht man so ein Gespräch an?

Steinbrugger: Es sollte in einer ruhigen Minute zwischen Mutter und Tochter stattfinden. Wenn eine Packung Tampons oder Binden im Badezimmer platziert ist, weckt das die Neugier. Die meisten Mädchen bekommen ihre Periode zwischen zehn und 15 Jahren. Viele fürchten sich davor, ihre erste Periode in einer ungünstigen Situation zu bekommen und sich zu blamieren. Wer typische Signale kennt, die eine Menstruation ankündigen, fühlt sich wohler. Daher ist Aufklärung so wichtig.

Oberle: Gut ist, wenn man dem Kind auch „Werkzeuge“ in die Hand gibt, die hilfreich sein können: ein Zyklustagebuch führen, aufschreiben, wie es einem geht. Rund um die Periode brauchen manche mehr Nähe, möchten von Mama in den Arm genommen werden. Das muss man kommunizieren lernen.

Stichwort Aufklärung: Frau Steinbrugger, Sie haben mit „ready for red“ eine Lernplattform zum Thema Zyklus und Menstruation gestartet. Worum geht es genau?

Steinbrugger: Mädchen trauen sich oft nicht, im engsten Familienkreis solche Themen anzusprechen, sie googlen dann. Wir wollten die Mädchen über ihr Medium ansprechen, so ist die Idee zur digitalen Lernplattform entstanden, die auch im Unterricht eingesetzt werden kann: Was heißt es, wenn die Menstruation kommt? Wie fühlt man sich? Wie funktionieren Periodenprodukte?

Sie sprechen von Mädchen – geht das Thema die Burschen nichts an?

Steinbrugger: Die Aufklärung beider Geschlechter ist wichtig! Burschen haben oft ein großes Interesse an dem Thema. Wenn man sie daran teilhaben lässt, entwickeln sie auch einen entspannten Umgang damit.

Julia Langeneder

Julia Langeneder, Familienredakteurin, fragt sich, warum das Thema Menstruation für viele immer noch ein Tabu ist.

Frau Oberle, Sie haben eingangs die positiven Seiten der Zyklusphasen erwähnt. Welche sind das?

Oberle: In der ersten Zyklusphase sind wir mehr im Außen, wir sind aktiver, möchten Sport treiben, Freunde treffen. Diese Phase ist vergleichbar mit dem Frühling. Die Zeit des Eisprungs ist der Sommer. Wir blühen auf, fühlen uns in unserem Körper besonders wohl. In der zweiten Zyklusphase sollten wir wie die Natur im Herbst zur Ruhe kommen. Manche leiden unter Beschwerden wie unreiner Haut, Stimmungsschwankungen, Müdigkeit. Da tut es gut, sich zurückzuziehen mit einem Kräutertee und einer Wärmeflasche.

Steinbrugger: Zyklusbewusstsein ist wichtig, aber es ist individuell. Es geht nicht um einen zwanghaft positiven, sondern um einen entspannten Zugang. Wir haben in einer Umfrage festgestellt, dass 98 Prozent der Frauen unter Menstruationsbeschwerden leiden. Manchmal stehen organische Ursachen dahinter. Starke Schmerzen sollte man unbedingt ärztlich abklären lassen. Wichtig ist daher, eine aufgeklärte Gesellschaft zu schaffen, in der Mädchen und Frauen keine Angst haben, sich Hilfe zu suchen und über Probleme zu sprechen.

Oberle: Wir sollten Frauen und jungen Mädchen auf jeden Fall aufzeigen, dass es verschiedene Lösungen gibt, nicht nur ignorieren und eine Schmerztablette einwerfen. Wir sollten Frauen Mut machen und Lösungswege aufzeigen: Du kannst dich aufklären lassen und nach der Ursache schauen lassen. In meiner Jugend ging man gleich zum Frauenarzt und bekam ein Rezept in die Hand. In der Medizin ist die Pille immer noch das Wundermittel für jegliche Zyklusthemen.

Sehen Sie das auch so, Frau Steinbrugger?

Steinbrugger: Die Pille wird viel zu schnell verschrieben. Es hapert aber schon im Bereich der Forschung. Die Ursachen von Regelschmerzen sind noch viel zu wenig erforscht. Auch dass Menstruationsbeschwerden so individuell sind. Was der einen hilft, muss der anderen nicht helfen. Daher ist der breite Zugang zu Therapien und Therapiemöglichkeiten so wichtig, und darum ist das Tabu auch so problematisch. Wenn ich mit der Mutter oder der Schwester, die ähnliche genetische Voraussetzungen haben, nicht darüber sprechen kann, werde ich auch selbst Schwierigkeiten haben, Lösungen zu finden.

Julias Gäste

Bettina Steinbrugger, Mitgründerin und Geschäftsführerin der Erdbeerwoche und der digitalen Lernplattform „ready for red“ zum Thema Zyklus und Menstruation (ready-for-red.at)


Sina Oberle, Female Coach, Autorin (Mädchensache. Alles über deinen Zyklus, deine Periode und deine Sexualität, Komplett Media Verlag, 18,50 Euro), Mutter einer Tochter

Stichwort Monatshygiene: Wie finden Mädchen und Frauen das Produkt, das am besten für sie geeignet ist?

Steinbrugger: Indem sie sich einmal mehr umfassend darüber informieren: Was sind meine Bedürfnisse, und wie funktionieren die jeweiligen Produkte? Teil unseres Projektes „ready for red“ ist eine physische Anschauungsbox, in der jeweils ein Exemplar jedes gängigen Menstruationsprodukts enthalten ist. Wir stellen auch verschiedene Testfragen, ob man gerne Sport macht oder ob man es lieber bequem mag, ob es unangenehm ist, etwas in sich einzuführen. Oft starten junge Mädchen mit Binden und dann tasten sie sich vor.

Oberle: Ich glaube auch, dass die Binde das erste ist, mit dem sich viele anfreunden können, weil das Einführen am Anfang ungewohnt ist. Da ist es wichtig, ohne Druck etwas auszuprobieren. Im Bekanntenkreis erlebe ich, dass das Alter der Periode stark schwankt. Eine 13-Jährige geht anders damit um als eine Neunjährige.

Bekommen Mädchen heutzutage generell früher ihre erste Periode als noch vor 50 Jahren, und warum ist das so?

Steinbrugger: Ja, den Eindruck habe ich schon. Es gibt aber noch keine umfassende Studie dazu. Wir bekommen auch immer mehr Anfragen von VolksschullehrerInnen, die sagen: Mehr als die Hälfte der Zehnjährigen hat schon die Periode. Es gibt eine kleine Untersuchung zum Zusammenhang zwischen Übergewicht und dem Beginn der Periode, und da hat man gesehen: Leicht übergewichtige Mädchen bekommen teilweise früher die Periode als andere, sie haben aber auch ein größeres Risiko Diabetes zu entwickeln.

Noch eine Frage zur Begrifflichkeit: Soll man von Periode sprechen, von Monatsblutung oder Menstruation?

Steinbrugger: Ich finde wichtig, dass junge Mädchen den Begriff verwenden, mit dem sie sich wohlfühlen. Synonyme können auch helfen, das Tabu zu brechen. Wenn ich von „Tante Rosa“ erzähle und man lacht darüber, ist das Eis gebrochen und dann ist es vielleicht einfacher, darüber zu sprechen als wenn ich mich zwinge, „Menstruation“ zu sagen, was man vielleicht gar nicht so leicht aussprechen kann. Wichtig ist, darüber zu reden!

Oberle: In der Beschäftigung mit der Periode habe ich gemerkt, wie stark es verloren gegangen ist, dass wir uns im Frauenkreis austauschen. Viele Frauen haben das Gefühl, sie müssen das mit sich selber ausmachen. Vieles wird auch innerhalb der Partnerschaft geregelt. Der Partner ist der beste Freund, und mit ihm wird alles besprochen. Es sind aber unterschiedliche Ausgangssituationen: Ein Mann kann sich einfühlen und die Frau unterstützen, aber er kann nicht zu 100 Prozent nachempfinden wie es ist, eine Periode zu haben, wie es ist, ein Kind zu bekommen. Ich finde es am hilfreichsten, mich mit Frauen auszutauschen. Früher waren bei Geburten viele Frauen dabei. Diese weibliche Kraft ist in unserer Kultur verloren gegangen, Frauen sind viel zu sehr in Konkurrenz gegangen. Wir dürfen wieder lernen und zulassen, dass wir Frauen uns gegenseitig unterstützen.

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julia.langeneder@welt-der-frauen.at

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