Immer mehr Erotikangebote richten sich speziell an Frauen – von Spicy-Romance-Büchern bis zu Pornovideos, von Podcasts bis zu erotischen Manga-Comics. Ein Einblick.
Da heißt es oft, es würden immer weniger Bücher gelesen. Für manche Genres mag das vielleicht gelten, nicht aber für eins, das unter dem Label „Spicy Romance“ läuft: Gemeint sind damit Romantik-Liebesgeschichten mit sexy Würze, heiße Erotikromane fürs weibliche Kopfkino, durchwegs mit Happy End und dichtest durchwoben von Seufzern, Stöhnen und jeder Menge mehr oder weniger explizit ausgeführten Sex- und Liebesszenen. Geschrieben werden sie von einer wachsenden Gruppe von – fast ausschließlich – US-amerikanischen Autorinnen wie Colleen Hoover, Ann Huang, Lauren Asher, Lucy Score oder Jennifer L. Armentrout, die in den letzten Jahren groß herausgekommen sind, weil sie genau die Art von „pikanter“ Literatur erfinden, die – ebenfalls fast ausschließlich – von Leserinnen verschlungen wird. Allen voran von jungen Frauen der Generation Z.
In den USA ist der Verkauf von Romance-Büchern allein im Jahr 2023 um 52 Prozent gestiegen. In den zwei Jahren davor war der Zuwachs fast ebenso gewaltig. Das Personal, das in diesen Geschichten in der Großstadt, am Land oder in Fantasy-Welten Abenteuer erlebt und dabei liebt und sehnt, streitet und flirtet, weint und küsst, entspricht dem althergebrachten Repertoire der romantischen Trivialliteratur: wunderschöne Fremde, einsame Gräfinnen, verführte Priester, auserwählte Fantasy- Anführerinnen, verliebte Vampire, Chef und Mitarbeiterin, Schwester und bester Freund des Bruders. Anfangs mag man einander häufig nicht, doch die erotische Anziehungskraft ist allzu groß. Buchtitel wie „Flammengeküsst“, „Verlockende Angst“ oder „Zurück ins Leben geliebt“ sprechen für sich.
Vom hinteren Eck ins Schaufenster
Fand man diese Art von Literatur früher in Form von Romanheftreihen auf den Drehständern der Bahnhofstrafiken, findet die aktuelle chilischarfe Herztrost-Literatur, die deutlich unverblümter als ehemals zur Sache geht, ihr Publikum vor allem via #BookTok. Chilischotenförmige Wertungssymbole für heiß, heißer, am heißesten inklusive! Die globale weibliche Fangemeinde, die sich auf Social Media austauscht, ist riesig. US-Romance- Autorin Ann Huang etwa, die ihren ersten Spicy-Liebesroman erst 2020 während der Lockdowns geschrieben hat, kommt allein auf TikTok auf über 800 Millionen Videoviews. „Vor dem jüngsten Boom lagen Liebesromane in den verstaubten hinteren Ecken der Buchläden. Es galt als peinlich, sie zu lesen“, sagte Ann Huang kürzlich in einem Interview.
Das hat sich geändert. Die Spicy-Romance-Buchreihen stürmen inzwischen die Bestsellerlisten von „Spiegel“ und „New York Times“ und erscheinen in renommierten Buchverlagen, die solche Stoffe früher wohl nicht einmal mit einer Zwickzange angegriffen hätten. „Yes, it’s capitalism, stupid“, spottete der Schweizer „ Tagesanzeiger“ kürzlich darüber, dass sich „die Interessen der Konsumentinnen einfach nicht mehr ignorieren lassen“. Und zwar nicht nur auf dem Buchmarkt.
Überhaupt sind Angebote, die sich speziell an das erotische Begehren und das Lust-Erleben von Frauen richten, deutlich im Aufwind – von Videospielen bis zu Pornofilmen, von Podcasts bis zu erotisch-pornografischen japanischen Frauen-Comics, sogenannten Josei-Mangas. Die Angebote richten sich nicht nur dezidiert an Frauen, sondern werden sehr häufig auch von Frauen gemacht. Viele wissen das zu schätzen. So antwortete eine vom „Tagesanzeiger“ befragte amerikanische Spicy-Romance-Leserin auf die Frage, was ihr an den Erotikromanen so gefalle: „Die Männer, sie sind nicht wie die Männer im echten Leben. Frauen haben sie geschrieben, das ist das Fantastische.“
Wie kommt es zu diesem Boom und wie ist er einzuschätzen? Es handle sich nicht um ein plötzlich auftretendes Phänomen, sagt dazu die Berliner Kulturwissenschaftlerin und Pornografie-Expertin Madita Oeming, die im Vorjahr ihr exzellentes Buch „Porno. Eine unverschämte Analyse“ vorgelegt hat. Einige Angebote, etwa die „Naughty Fan Fiction“ (freche Fan-Fiktion) für Frauen, hätten schon seit Längerem abseits des Mainstreams Hochkonjunktur, würden nur jetzt „vermehrt sichtbar“. Denn „im Kontext von offensiverem Sextoy-Marketing, dem Label ‚Feministischer Porno‘ und Sex Positivity als Trenderscheinung bekommen auch andere Produkte Aufwind“. Anders gesprochen, oder wie es im TV-Werbespot eines sehr präsenten deutschen Erotikversands heißt: „Es rappelt im Karton.“ Und zwar kräftig.
Die Ethik muss stimmen
Da sind Apps wie „Dipsea“ aus San Francisco, die Hunderte sexy Audiostorys von fünf bis 15 Minuten Länge anbieten, die Sexual-Selfcare-App „Ferly“ oder Streaming-Dienste für Audiopornos wie die 2018 gegründete Plattform „Femtasy“. Letztere wirbt nicht nur damit, die „weltweit größte Auswahl an stimulierender Audioerotik“ anzubieten, sondern vor allem auch damit, die sexuellen Fantasien und Bedürfnisse von Frauen ins Zentrum zu stellen, „weil sich die Welt schon viel zu lange nur um Männer dreht“. Slogan: „Für Frauen gemacht, 100 % ethisch produziert und verdammt heiß.“
Die Betonung der ethisch achtsamen Produktionsweise kommt nicht von ungefähr. Auch Madita Oeming betont in ihrer kultur- und gesellschaftsgeschichtlichen Analyse des Phänomens Porno, dass für feministische Pornofilme das wichtigste Kriterium „weniger auf dem Bildschirm als hinter der Kamera zu finden“ sei, nämlich, „dass sie fair produziert werden, dass Wert auf Consent (Einvernehmlichkeit), Hygiene und Sicherheit am Set gelegt wird, (…) dass Praktiken vor dem Dreh abgesprochen und vertraglich festgehalten werden“.
Feministische Pornografie, meint auch Paulita Pappel, Berliner Pornoproduzentin, Sex-Positive-Aktivistin und Autorin des Buches „Porno Positiv“, in einem „taz“-Interview, sei für sie, „Sexualität zu zelebrieren und dabei kritisch mit gesellschaftlichen Rollenzuschreibungen und Machtverhältnissen umzugehen“. Machtmissbrauch und Ausbeutung fänden in der Pornoindustrie genauso statt wie in anderen Branchen. Umso mehr müsste das Augenmerk auf die Arbeitsbedingungen gelenkt werden,
unter denen Pornofilme entstehen. Sexuelle Einvernehmlichkeit, sagt Pappel, sei wie ein Muskel. „Den muss man trainieren. Am besten von klein auf.“ Vor acht Jahren hat Pappel „Lustery – Homemade Porn“ gegründet, eine Plattform für Paare aus aller Welt, die ihr Sexleben selbst filmen und per Videos teilen.
Ein Nischenphänomen ist Pornografie bei Weitem nicht. In jeder Minute besuchen weltweit mehr als 100.000 Menschen die Online-Pornoplattform „Pornhub“. Knapp ein Drittel davon sind Frauen, Tendenz steigend. Wonach sie suchen, sei sehr unterschiedlich, sagt Porno-Forscherin Madita Oeming: „Grundsätzlich sind in Sachen sexuelle Fantasien individuelle Unterschiede viel größer als geschlechterspezifische.“
Umso interessanter ist, welches Frauenbild und welche Art von weiblichem Begehren jene Sexangebote zeigen, die sich speziell an Frauen richten. „Selbsterkorene ‚Frauenpornos‘ fokussieren oft auf eine Geschichte, viel Augenkontakt, Zärtlichkeit. Oder auf besonders künstlerische Elemente“, erklärt Madita Oeming. Mit den tatsächlichen Vorlieben von Frauen „habe das nur wenig zu tun“, weil diese „nicht seltener nach heftigen Hardcore-Inhalten“ suchten als Männer. Die Filmversion der legendären, viel diskutierten erotischen Romantrilogie „Fifty Shades of Grey“ hält die Expertin allerdings für ein ganz schlechtes Beispiel, weil diese „von Grund auf sexistisch und reaktionär“ sei,„ein klassischer Prinzessinnenfilm, nur halt mit Spanking (Hinternversohlen)“.
Aber auch wenn vieles aus der erotischen Produktpalette für Frauen eher Sexismen aus dem „Frauen sind so“- und „Frauen wollen jenes“-Repertoire verfestigt, stößt der wachsende Trend doch etwas Wichtiges an. Madita Oeming: „Die Lust von Frauen wird in westlichen Gesellschaften seit mindestens 200 Jahren systematisch unterdrückt und unsichtbar gemacht. Alles, was diese in den Mittelpunkt stellt und Frauen dazu einlädt, sich als sexuelle Subjekte zu fühlen, finde ich erst mal begrüßenswert.“
