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Heile, heile Segen!

Unlängst hat ein großgewachsener Herr mit einem Stapel Bücher unterm Arm den Buchladen betreten: Er hätte ein Kinderbuch geschrieben, über ein krankes Wolfskind und den Heilungsprozess, im Eigenverlag veröffentlicht, und würde es gern in allen regionalen Buchhandlungen auflegen. Bei mir schrillen die Alarmglocken, wie immer in solchen Situationen. Eigenverlagstitel ohne unterstützendes Lektorat und Pressearbeit enden bedauerlicherweise oft als Ladenhüter, die dann nicht einmal die Verfasserin oder der Verfasser selbst gern wieder abholen.

Meine Bedenken waren in diesem Fall schnell zerstreut, und schuld daran waren nicht die wachen Augen des Autors, auch nicht sein lausbubenhaft ungezähmter, dunkler Haarschopf. Beim Durchblättern wurde mir rasch klar, wie fein hier vieles zusammenspielt. Die Linzer Künstlerin Koni Oberhauser verleiht dem Text mit ihren zarten und doch rauen Pastell- und Federzeichnungen eine zusätzliche Leichtigkeit, einen Witz und eine Dynamik, was dem Thema guttut.

Leichtfüßig und manchmal unbekümmert stolpernd kommen die Verse daher. Sie lassen sich nicht brav in einen gleichbleibenden Rhythmus zwingen, sind unfolgsam wie ein hopsendes Kind und fügen unerwartet einen Wechselschritt ein – das macht ihren eigenen Charme aus. Autor Christoph Reisner ist Physiotherapeut und Osteopath. Er reimt spielerisch einfach so zum Spaß, auch zwischendurch im Alltag. Das Vergnügen, das er dabei hat, ist deutlich spürbar.

In seiner Praxis behandelt er regelmäßig auch sehr kleine Patientinnen und Patienten und weiß, wie wichtig die Balance zwischen Festigkeit und Sanftheit in der Therapie ist. Dasselbe gilt für den Umgang von Eltern mit ihren Kindern, gerade wenn die Kleinen krank sind. Christoph Reisner ist es ein Herzensanliegen, neben den Kindern auch die begleitenden Erwachsenen, meist die Mütter, zu stärken.

 

Der kleine Wolf schläft nach einem idyllisch mit Spiel und Spaß im Sonnenschein verbrachten Tag friedlich neben seiner Mutter ein. Doch nachts zwickt ihn ein gemeiner Angstfloh und große Furcht bricht über ihn herein. Nur dicht an Mutter Wolf geschmiegt findet er wieder zurück in den Schlaf. Für sie ist die entspannte Nachtruhe dahin. Im Traum erscheint ihr eine weise Urahnin, ein mächtiges, mystisches Wolfsgesicht, mit der Botschaft „Du bist ein wildes Tier, bleib gut bei dir!“ Was für die Wolfsfrau gilt, ist für jede Mutter hilfreich. Das Vertrauen sowohl in die eigenen inneren Kraftquellen wie auch in stärkende Energien von außen löst letztendlich den Schmerz und die Angst auf: „… der Himmel macht den Rest“. Die Wolfsmutter versorgt das Wölfchen mit einer sanften und zugleich festen Herz- oder Bauchmassage und endlich können die Selbstheilungskräfte wirken. „Am Tag darauf ist´s Fieber weg, weg ist auch des Herzens Schreck.“

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Gebrauchsliteratur, die über Trostreime und Schlaflieder hinausgeht, die eindeutig ein pädagogisches Ziel verfolgt, erfüllt mich mit Skepsis. Als Mensch und Mutter könnte ich auf all diese Töpfchen-Schnuller-Kinderärztin-Pipi-Bücher gerne verzichten. Als Buchhändlerin nicht, die Nachfrage ist da. Und die empfehlenswerten darunter zu finden, ist eine lohnende Aufgabe. Doch wenn Bilderbücher alleinig zum Zweck der Erziehungsarbeit produziert und dann dazu benutzt werden, Kindern eine elterliche Absicht unterzujubeln, kann das der unbeschwert kindlichen Beziehung zu Literatur nicht förderlich sein. Bücher sollten für Kinder nicht vorrangig den Anschein erwecken, dass nun etwas von ihnen erwartet oder gefordert wird: die bequeme Windel ablegen, den geliebten Nucki loslassen, sich gefälligst während des Krankseins oder beim Doktor nicht fürchten. Klar, ich übertreibe, doch wünsche ich mir, dass gemeinsame Bilderbuch-Lektüre in der erziehungsfreien Genusszone, stattfinden darf, neugierig forschend.

Der kleine Wolf und die Angstflöhe ermöglicht das, auch wenn es bei uns im Buchladen in Zukunft ganz sicher im Regal mit den „Zweckbüchern“ stehen wird: ein Lichtblick unter all den anderen!

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Das Buch ist um 20,00 Euro im ausgewählten Buchhandel in Freistadt, Gallneukirchen, Ottensheim und Linz erhältlich. Bestellungen auch portofrei über www.praxis-reisner.com

 

 

Christoph Reisner (Text) und Koni Oberhauser (Bild)

Der Kleine Wolf und die Angstflöhe

Erschienen im Eigenverlag

Veronika Mayer-Miedl

wurde 1971 geboren, ist Buchhändlerin, Mutter von 3 Kindern und lebt in Ottensheim, wo sie 17 Jahre im Kleinen Buchladen tätig war. Ein Fernkurs für Kinderliteratur an der „STUBE Wien“ war wegweisend. Glückliche Begegnungen bei Seminaren im „Kinderbuchhaus im Schneiderhäusl“ inspirierten zu Bilderbuch-Stunden für Eltern-Kind-Gruppen, zu Literaturvermittlung für Vorschulkinder und zu Referententätigkeit für Kindergartenpädagogik. Aktuell rollt sie mit Eisenbahn oder Fahrrad die Donau entlang nach Linz, wo sie als Mitarbeiterin der Buchhandlung ALEX am Hauptplatz Bücher empfiehlt, die auf den zweiten Blick noch Überraschendes bereithalten. Mit ihrer Freundin vom Figurentheater [isipisi] teilt sie die Leidenschaft für das japanische Erzähltheater „Kamishibai“ und gibt Vorführungen in Bibliotheken, Kindergärten und Schulen. Fallweise tritt sie als Grille, rebellische Juliane oder sogar Meerjungfrau auf.

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