Hebammen sind rar – und für viele Frauen unerlässlich. Warum sie mit Ärzt:innen nicht immer einer Meinung ist und was sie Frauen sagt, die mit dem Kaiserschnitt hadern, erzählt Hebamme Maria Guldner.
Eine Geburt ist eines der prägendsten Erlebnisse im Leben einer Mutter und ist mit vielen Ängsten und Sorgen verbunden. Hebammen sind in dieser Phase wichtige Begleiter:innen. Mehr noch, während der Schwangerschaft, der Geburt und im Wochenbett seien sie die Anwält:innen der Frauen, erklärt die erfahrene Hebamme Maria Guldner im Gespräch mit „Welt der Frauen“. Wie Hebammen werdende Mütter stärken können und welche Faktoren den Geburtsprozess beeinflussen, erzählt die Expertin im Interview.
Sie arbeiten als Wahlhebamme in Ihrer Hebammenordination sowie auf der hebammengeleiteten Geburtenstation im Kepler Uniklinikum Linz. Was kann man sich unter einer solchen Station vorstellen?
Maria Guldner: Hebammengeleitet heißt, dass bei einer physiologischen, also unauffälligen Geburt kein Arzt dabei ist. Eine Ärztin oder ein Arzt wird nur dann einbezogen, wenn es das Wohl von Mutter und Kind erfordert, wenn es zum Beispiel eine Saugglocke braucht. Die darf nur der Arzt oder die Ärztin anwenden. Meist ist es so, dass die Ärztin oder der Arzt wie bei einer Visite kurz einmal vorbeischaut und sich vorstellt, damit die Frau ein Gesicht hat, sollte ärztliche Hilfe nötig sein.
Widersprechen Sie den Ärzt:innen auch?
Die Zusammenarbeit mit den Ärzt:innen ist sehr gut, das gegenseitige Vertrauen ist wichtig. Manchmal ist es aber auch erforderlich, meine Hebammenmeinung gegenüber einem Arzt oder einer Ärztin zu vertreten. Wir alle wollen das Beste für Mutter und Kind. Sinnvolle Zusammenarbeit im Sinne einer guten Geburtshilfe heißt auch, verschiedene Sichtweisen und Kompetenzen zuzulassen. Meine Aufgabe als Hebamme ist es, die physiologisch verlaufende Geburt so weit wie möglich zu leiten. Im Idealfall auch bis zum Schluss. Andererseits bin ich aber auch gefordert, meine Grenzen als Hebamme zu erkennen und darauffolgend die Unterstützung unserer Ärzt:innen zu suchen.
Was gehört alles zur Aufgabe einer Hebamme?
Die natürliche Geburt ist ein Vorgang, der seit Millionen von Jahren passiert. Diesen versuchen wir Hebammen, mit sanften Methoden zu unterstützen. Die Vorbereitung beginnt schon in der Schwangerschaft: Das Üben der Atmung gehört wesentlich dazu. Zu den Frauen, die ich betreue, sage ich immer: Zwei Drittel können wir beeinflussen, ein Drittel nicht. Die Hebamme ist sozusagen Anwält:in der Frau während einer Schwangerschaft, der Geburt und während des Wochenbetts. Es geht viel um Frauengesundheit und Frauenrechte. Wir sind nicht nur mit dem Körper und dem Stillen befasst, sondern reden in der Nachsorge bei den Hausbesuchen auch viel darüber, wie der Alltag geschafft werden kann.
„Manchmal müssen wir eine Handlung setzen, die vielleicht als Gewalt empfunden wird. Dieselbe Handlung muss aber nicht als gewaltvoll empfunden werden.“
Welche Rolle sollten Väter bei der Geburt spielen?
Väter sollten bei der Geburt eine unterstützende Rolle spielen und bei der Geburtsvorbereitung dabei sein. Je besser informiert sie sind, desto besser können sie unterstützen. Auch im Wochenbett spielen sie eine wichtige Rolle, indem sie sicherstellen, dass sich die Frau ausruhen kann.
Manche Frauen berichten von gewaltvollen Erfahrungen im Kreißsaal. Wie kommt es dazu?
Manchmal müssen wir eine Handlung setzen, die vielleicht als Gewalt empfunden wird. Dieselbe Handlung muss aber nicht als gewaltvoll empfunden werden. Es hängt davon ab, wie ich sie kommuniziere. Ich muss gut kommunizieren und in den Ansagen sehr klar sein. Bei bestimmten notwendigen Handlungen versuche ich, die Frau mit ins Boot zu holen: „Wir brauchen jetzt deine volle Unterstützung und wir machen das jetzt gemeinsam. Du schaffst das!“ Diese minimale Kommunikation muss sein, auch wenn es schnell gehen muss.
„Einmal Kaiserschnitt heißt nicht immer Kaiserschnitt.“
Etliche Frauen hadern mit einem Kaiserschnitt. Sie fühlen sich um das Geburtserlebnis betrogen. Was sagen Sie ihnen?
Ich sage ihnen, was sie alles geschafft haben, dass das Kind eine gute Vorbereitung hatte und dass sie in der glücklichen Lage sind, jetzt und hier in Österreich zu sein, wo man einen Kaiserschnitt zur Verfügung hat. Dann konzentrieren wir uns auf die Nachbetreuung, dass wir die Narbe, so gut es geht, pflegen, sie auch massieren und streicheln, das tut auch der Psyche gut. Einmal Kaiserschnitt heißt nicht immer Kaiserschnitt. Beim nächsten Mal kann die Frau eine normale Geburt anstreben.
Welche Veränderungen würden Sie sich in der Geburtshilfe wünschen?
Ich wünsche mir, dass wir uns wieder besser mit der eigenen Frauenkraft verbinden, vielleicht sogar weniger untersuchen als mehr, weil dadurch auch Ängste geschürt werden und viele Kaiserschnitte und Interventionen aufgrund von Ängsten passieren. Die Personalsituation hat sich in den vergangenen Jahren verbessert, weil durch das Fachhochschulstudium mehr Hebammen ausgebildet wurden und es auch weniger Geburten gibt. Von einer Eins-zu-eins-Betreuung sind wir nicht mehr weit entfernt. Ich fände es wichtig, dass Wochenbettstationen, Schwangerenambulanzen oder auch Pränatalstationen zukünftig wieder überwiegend mit Hebammen besetzt werden, da diese durch die Ausbildungsoffensive wieder verfügbar sind. Hebammen haben eine Spezialausbildung, die sich ausschließlich mit Schwangerschaft, Geburt, Wochenbettpflege, Rückbildung, Stillen sowie mit Neugeborenen bis Ende des ersten Lebensjahres beschäftigt, und sind daher in diesem Bereich Expertinnen.
Maria Guldner ist seit 26 Jahren Hebamme und hat schon mehr als 1.500 Geburten begleitet: „Es ist ein Privileg, bei einem so zauberhaften Ereignis dabei sein zu dürfen.“
