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Halbzeitansprache

Endlich Halbzeit, kurze Pause zwischen den Spielhälften, Zeit zum Innehalten und um die bisherigen 20 Wochen Revue passieren zu lassen. Von Rechts wegen sollte ich jetzt eine flammende Halbzeitansprache halten. Ich sollte meine Dankbarkeit für alles, was gut gelaufen ist, zum Ausdruck bringen. Ich sollte außerdem noch eine lange Liste schreiben mit Dingen, die ich in der Schwangerschaft noch erleben und erledigen möchte, die Zeit rinnt und in wenigen Tagen wird sich unser Leben ein zweites Mal vollkommen auf den Kopf stellen und es wird Tage geben, an denen ich mir gar nicht mehr denken kann, wie es ohne unseren zweiten Schatz war. Warum fühlt sich die Halbzeit wie ein Neubeginn, ein Neustart, und eine Chance das Schlechte und Alte hinter sich zu lassen an? Ist das der Zauber der 20. Woche? Sogar der Flieder im Garten ist mit einer lila Farb- und Duftexplosion aufgeblüht, was für ein Hochgefühl!

Ausgiebig feiern werde ich heute nach meiner Fahrstunde. Jawohl, richtig gelesen, mit meinen 35 Jahren und meinem halbe-halbe Kugelbauch werde ich mich heute neben dem  eselsgeduldigen Fahrlehrer wieder hinters Steuer schwingen um an zahllosen Kreuzungen links abzubiegen, mich nicht von sich annähernden Straßenbahnen aus dem Konzept bringen zu lassen und um die Sicherheit zu gewinnen, die ich brauche um nach 10 Jahren Automobilabsolvenz wieder einzusteigen. Viele Jahre geistert der Gedanke schon in meinem Kopf herum, dass es wohl Zeit wäre wieder unabhängiger zu sein, gerade, da wir jetzt auch ein gemütliches Familienauto besitzen. Irgendwie war nie der richtige Moment. Was der Auslöser war für die allererste Fahrstunde letzte Woche weiß ich ganz genau – der Impuls kam durch die Torschlusspanik es vor Ende der 40 Wochen nicht zu schaffen und dann mit Baby und Michi sicher nicht mehr die Geduld zu haben für solche Lumpereien. Es darf so lange dauern, wie es braucht. Bald werde ich mit unserer Kutsche zum Eins-a-Mamataxi. Zauber, Zauber der 20. Woche, ich bin gespannt, was du mir noch an Neustarts und Ideen bescherst.

Susi Nagele-Krautgartner

wurde 1982 geboren und lebt mit Mann und Sohn in München. Die promovierte Kunstpädagogin und Künstlerin realisiert Kunst- und Kunstvermittlungsprojekte verschiedener Sparten im In- und Ausland. Dafür wurde die gebürtige Innviertlerin bereits mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnet. Themen wie Gleichstellung, Gender und deren lebenspraktische Umsetzung beschäftigen sie in all ihren Texten und Bildern. Der Blog ist die Fortsetzung von “Susis Babyzeit” (2014-2016). www.susikrautgartner.com