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Guten Abend, schlechte Nacht

Es gibt moderne Märchen von Babys, die sofort durchschlafen, keine Nähe in der Nacht brauchen und lieber im eigenen Zimmer schlafen wollen und zwar ohne diese abscheulichen Schlaftrainings. Dann gibt es auch noch Märchen über Vierjährige, die selber schlafen gehen, sich wohlmöglich noch artig bedanken für die viele Mühe und das schmackhafte Essen und die auch nicht mitten in der Nacht ins Bett gekrochen kommen auf der Suche nach Nähe und auf der Flucht vor Monstern. Immer wieder gehen Eltern diesen Mythen auf den Leim und empfinden das innerfamiliäre Schlafverhalten im Vergleich als besonders schlecht oder anstrengend. Dabei sind die paar kurzen Jahre mit kleinen Kindern einfach in allen Familien, die ich kenne, eine schlaftechnische Vollkatastrophe. Kaum scheint ein Perspektivenwechsel jemals so angebracht wie hier: Anstatt den vermissten Schlafstunden hinterher zu trauern ist es weitaus zweckmäßiger, jede Stunde Schlaf, jedes noch so kurze Ausschlafen, jede gesund und munter überstandene Nacht zu loben und sich zu denken, dass Kinder auch erst in der Schule Lesen und Schreiben lernen müssen. Das Ideal des Durch- und Alleineschlafens ist schließlich ebenso kulturelle Prägung wie Errungenschaft. Jenes von – evolutionär gesehen – Steinzeitbabys zu verlangen wäre wie eine Führerscheinprüfung mit sieben Jahren: einfach zu viel verlangt. So tröste ich mich, wenn mir morgens meine espressountertellergroßen Augenringe verhöhnend entgegenlachen, während mein inneres, schlafverwöhntes, altes Ich glaubt, es kann doch höchstens Mitternacht sein.

Susi Nagele-Krautgartner

wurde 1982 geboren und lebt mit Mann und Sohn in München. Die promovierte Kunstpädagogin und Künstlerin realisiert Kunst- und Kunstvermittlungsprojekte verschiedener Sparten im In- und Ausland. Dafür wurde die gebürtige Innviertlerin bereits mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnet. Themen wie Gleichstellung, Gender und deren lebenspraktische Umsetzung beschäftigen sie in all ihren Texten und Bildern. Der Blog ist die Fortsetzung von “Susis Babyzeit” (2014-2016). www.susikrautgartner.com