Mit Beharrlichkeit und Willenskraft bearbeitet Ilse Krüger ihr Waldstück im Südburgenland. Die 86-Jährige denkt dabei an ihre Enkel und Urenkel.
Bevor Ilse Krüger frühmorgens in den Wald aufbricht, belädt sie ihre Scheibtruhe mit 20 Plastikflaschen Wasser. Je zwei Bäume müssen sich den Inhalt einer Eineinhalbliterflasche teilen. Die Trockenheit setzt besonders den Jungbäumen zu, und durch regelmäßiges Gießen hat die Waldbesitzerin und Autorin 80 Prozent der 150 jungen Eichen und Buchen durchgebracht. Ihre Mission: einen Monofichtenwald in einen gesunden Mischwald zu verwandeln, dem der Klimawandel nichts anhaben kann.
Viele Jahre davor führte Krüger ein völlig anderes Leben. Gemeinsam mit ihrem Mann leitete sie einen kleinen Textilbetrieb und zog vier Kinder groß. In der Pension erwarb das Ehepaar ein altes Bauernhaus im Südburgenland. Es sollte für Ilse Krüger ein Ort des Schreibens werden und für ihren Mann eine Betätigung im Alter. Schon als 17-Jährige war Krüger mit ihren Gedichten aufgefallen, mit 19 wurde sie zum ersten Mal Mutter. Das Schreiben stellte sie wegen Familie und Firma hintan. Erst mit 55 Jahren und einem späten Studium der Psychologie begann sie wieder, ihre Texte zu veröffentlichen.
Anfangs war es nur ein altes Haus mit großer Wiese, den Wald erwarb das Ehepaar erst später Parzelle für Parzelle. Inzwischen sind es drei Hektar.
„Ich habe dem Wald mehr zu verdanken, als er von mir bekommt.“
2019 verstarb Krügers Ehemann nach langer Krebserkrankung. Seither führt die 86-Jährige das Waldprojekt alleine weiter. „Ich habe eine gewisse Sturheit in mir, sodass ich mich mit gewissen Dingen arrangiere“, sagt sie. „Willenskraft ist wichtiger als Alter.“ Ihr Wald ist für sie nicht nur eine Quelle der Inspiration, sondern auch ein Ort, an dem sie ihren Gedanken und Gefühlen freien Lauf lassen kann. Darüber hinaus ist er sinnerfüllte Aufgabe, Fitnesstraining und Therapie. „Ich habe dem Wald mehr zu verdanken, als er von mir bekommt.“ Die gesundheitlichen Beschwerden, die das Alter mit sich bringt, machen ihr in der Natur weniger zu schaffen. „Der Wald kann nicht heilen, aber er kann Krankheiten zum Stillstand bringen“, ist Krüger überzeugt. Sie leidet an einer Lungenerkrankung, die seit Jahren stabil ist, was selbst ihre Ärztin überrascht.
Obwohl sie es längst nicht mehr müsste, stellt sich Krüger täglich den Wecker. Disziplin und gute Organisation waren ihr ganzes Leben lang gefragt: „In den Tag hineinleben, das könnte ich nicht.“ An heißen Tagen bricht sie oft schon um 6 Uhr morgens in den Wald auf, schneidet Brombeerranken mit der Sichel und kleinere Bäume sowie Äste mit der Motorsäge. Für gröbere Arbeiten holt sie einen Nachbarn zur Hilfe.
Naturverbunden war Ilse Krüger schon immer, gemeinsam mit ihrem Mann hat sie fast alle Weitwanderwege in Österreich absolviert. Das Fachwissen der Waldbewirtschaftung eignete sie sich während der Autofahrten von ihrem Haus in Wien zu ihrem Domizil im Südburgenland an, als sie ihren Mann abprüfte, der die Ausbildung zum Forstfacharbeiter absolvierte. Ihre Trauer und ihre Erfahrungen mit der Waldarbeit verarbeitete sie in ihrem Buch „Mein Jahr im Wald“.
Ein Stück Wald zukunftsfähig zu machen, heißt nicht nur, Bäume anzupflanzen, sondern auch, ihn von eingeschleppten Pflanzen wie der Kermesbeere zu befreien, die Jungbäume am Wachsen hindert. Für Ilse Krüger ist diese Aufgabe nicht nur eine private Beschäftigung, sondern auch ein gesellschaftspolitisches Statement: Jede:r kann seinen Beitrag zum Klimaschutz leisten.
Dass sie die Bäume, die sie jetzt anpflanzt, nicht mehr erleben wird, sieht sie nüchtern: „Wir leben viel zu sehr im Jetzt, denken zu wenig an die nachfolgenden Generationen“, sagt die mehrfache Groß- und Urgroßmutter. Das Waldprojekt möchte Ilse Krüger fortführen, solange es ihr möglich ist. Mit dem Wort Ruhestand kann sie nichts anfangen: „Da baut man nur geistig und körperlich ab.“ Jeder junge Baum ist für sie ein Stück Verantwortung für ein Geschöpf, das man hegt und pflegt. Vor allem ist der Wald für sie aber auch ein Ort des Wohlfühlens und der Freude: „Ich freue mich jeden Tag über die Lichtspiele und das Vogelgezwitscher. Mehr brauche ich nicht.“
Grüne Leidenschaften: Über drei Frauen, die eine besondere Beziehung zum Wald haben. Hier finden Sie weitere Porträts:
