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Große Frauen der Weltliteratur

Fünf grandiose Autorinnen, fünf grandiose Bücher: eine Runde der besten zeitgenössischen Schriftstellerinnen der alten Generation, jeweils porträtiert mit einem ihrer Erzählwerke.

Es gibt so viel mehr herausragende Autorinnen der Weltliteratur, als hier vorgestellt werden können: Von Anna Achmatova bis Virginia Woolf, von Marguerite Duras bis Christa Wolf, von A. L. Kennedy bis Herta Müller. Eine Auswahl ist natürlich immer subjektiv. So auch diese. Trotzdem lässt sich gut erklären, was den fünf international bekannten Schriftstellerinnen, die auf den nächsten Seiten mit je einem ihrer erzählerischen Werke porträtiert sind, gemeinsam ist.

Sie alle überblicken ein langes Leben – Ljudmila Ulitzkaja ist mit 75 die Jüngste, gefolgt von Margaret Atwood mit 78 und Joyce Carol Oates, die im Juni ihren 80. Geburtstag gefeiert hat. Die beiden Ältesten, Toni Morrison und Alice Munro, haben nicht nur ihr Geburtsjahr 1931 gemeinsam, sondern auch, dass sie zu dem sehr kleinen Kreis schreibender Frauen gehören, die mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurden: Morrison erhielt ihn 1993 als erste afroamerikanische Autorin, die Kanadierin Munro 2013. Damit ist übrigens aller Voraussicht nach auch die Frage beantwortet, ob Margaret Atwood, ebenfalls Kanadierin (und wie J. C. Oates seit Jahren als Anwärterin gehandelt), den Preis ihrerseits noch bekommen wird – eher nicht. Natürlich hätte sie ihn genauso verdient. Diese fünf alten Meisterinnen der Erzählkunst gehen alle seit Jahrzehnten unverändert ihrer Arbeit nach, sie sind literarische Klassikerinnen der Gegenwart und als solche Zeitgenossinnen ihrer LeserInnen. Völlige Einigkeit herrscht längst darüber, dass jede von ihnen Bücher geschaffen hat, die als Teil des großen Kanons der Weltliteratur überdauern werden.

Man will es nicht zur Nachahmung empfehlen, aber es gibt noch eine weitere Gemeinsamkeit: Sie alle kennen Ausgrenzungs- und Außenseitererfahrungen aus eigener Anschauung – aufgrund ihrer sozialen Herkunft, ihres Geschlechts, ihrer Hautfarbe und/oder aufgrund eines politischen Systems, das sie einschränkte. Und sie kennen zweifellos die Erschütterungen, aber auch die Entwicklungsmöglichkeiten, die im Umgang mit solchen Erfahrungen stecken. All das spielt für ihr Schreiben und die Geschichten, die sie erzählen, eine wesentliche Rolle.

Margaret Atwood

Die Kanadierin schuf in ihrem Kultbuch „Der Report der Magd“ utopische Szenen, die ihr auch den Ruf einer Visionärin einbrachten.

Mitte der 1980er-Jahre lebte Margaret Atwood eine Zeit lang in Westberlin. Die Reisen, die die kanadische Schriftstellerin von dort aus hinter den Eisernen Vorhang unternahm, beeinflussten ihr Schreiben. „Ich erlebte die Vorsicht, das Gefühl beobachtet zu werden, die Stille, die abrupten Themenwechsel, die schräge Art, in der Leute Informationen austauschten“, erinnerte sie sich im Vorjahr in einem „New York Times“-Essay. Unter diesen Eindrücken schrieb Atwood ihren Roman „Der Report der Magd“, der 1985 erschien und – wie George Orwells „1984“, mit dem er oft verglichen wird – als Kultbuch einer Generation gilt. Darin beschreibt Atwood, Jahrgang 1939, ein Amerika, das sich gerade zu einem autoritären Gottesstaat gewandelt hat. Alle demokratischen Regeln sind außer Kraft. Unter dem Deckmantel der „Rückkehr zu traditionellen Werten“ hat eine kleine Elite nicht nur, aber vor allem die Frauen entrechtet und in anonymisierte Gruppen von Ehefrauen, Dienerinnen und Mägden eingeteilt. Atwoods Heldin Desfred gehört zu den versklavten Mägden, die auf ihre Rolle als Gebärerinnen reduziert sind. Es ist ein Science-Fiction-Roman, der sein utopisches Szenario – nach Atwoods klugem Plan – aus lauter historischen Zutaten entwickelt: Die NS-Bücherverbrennungen, das NS-Lebensborn-Projekt oder die Kindesentführungen südamerikanischer Militärdiktaturen standen ebenso dafür Pate wie die Geschichte der Sklaverei oder polygamer US-Sekten. Das Ergebnis ist von beklemmend zeitloser Aktualität. 1990 wurde der Roman für das Kino, 2017 auch als TV-Serie verfilmt und mit mehreren „Emmys“ und „Golden ­Globe Awards“ ausgezeichnet. Margaret Atwood, eine der ganz großen Erzählerinnen der Gegenwart, verbrachte die ersten sieben Jahre ihres Lebens fernab jeder Zivilisation auf einer Waldforschungsstation im nördlichen Quebec. Die Rückkehr nach Toronto, wo sie bis heute – unterbrochen von Aufenthalten in einer Blockhütte in der Wildnis – lebt, war ein Schock. Sie zweifelte nie daran, „dass etablierte Ordnungen über Nacht verschwinden können“. So kommt es wohl, dass ihr feines, seismografisches Gespür für gesellschaftliche Stimmungen, für sich ankündigenden Wandel, für brisante Themen – Umweltverschmutzung, Kolonialismus, Frauenrechte, globale Wirtschaftssysteme – zu Atwoods Markenzeichen geworden sind. Diese „gut gelaunte Kassandra“ sieht die Katastrophen heraufdräuen und hofft, sie mit vielschichtigen ­Romangeschichten zu bannen.

Margaret Atwood: Der Report der Magd.
Piper Taschenbuch, 12,40 Euro

Weitere Leseempfehlungen:

Das Herz kommt zuletzt. Berlin Verlag, 22,70 Euro
Aus Neugier und Leidenschaft. Berlin Verlag, 28,80 Euro

Ljudmila Ulitzkaja

Im Generationenroman „Jakobsleiter“ macht die russische Erzählerin die Geschichte ihrer Heimat lebendig.

Ljudmila Ulitzkaja, die 1943 als Kind einer in den Ural evakuierten jüdisch-russischen Familie geboren wurde und vor ihrer Literaturkarriere als Genetikerin und Dramaturgin arbeitete, ist eine der bedeutendsten Erzählstimmen Russlands. Putin-Kritikerin ist sie auch. Ihr jüngster 600-seitiger Roman heißt „Jakobsleiter“. Diese, so Ulitzkaja, „ist eine Leiter der Erkenntnis … hinter uns stehen unsere Vorfahren, vor uns unsere Nachkommen“. Das Buch trägt stark autobiografische Züge, weil es – vor allem in seinem historischen Erzählstrang – auf Briefen von Ulitzkajas Großeltern aus einer geerbten Truhe basiert. Die Generationensaga mit überbordend buntem Personal und unzähligen Nebenerzählungen läuft parallel zur Geschichte Russlands, die sich in den Schicksalen, Reaktionen und Denkweisen der Figuren spiegelt. Ulitzkajas Heldin Nora, eine Moskauer Dramaturgin, die vor der Wende aufwächst, ist eine wunderbare Frauengestalt: Selbstbewusst, kreativ, unkonventionell und verstrickt in die klassisch-russischen Provisorien eines geldknappen, kunstaffinen Alltags mit sporadisch auftretendem georgischem Theaterregisseur-Liebhaber, schwierigem Alleinerzieherinnenschicksal und kompliziertem Patchwork-Familienverband.
Noras Lebensweg verknüpft ­Ulitzkaja mit dem von Noras Großeltern, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die volle Härte von Revolution, Stalinismus, Sowjetstaat, institutionellem Antisemitismus, Verbannung und erzwungenem Zusammenleben mit Fremden in Gemeinschaftswohnungen durchlaufen. „Jakobs­leiter“ ist ein großer Roman, der hilft, Russlands Heute und Gestern als Welt galoppierender Dauerveränderung zu begreifen, in die sich das Individuum stets aufs Neue einfinden muss.

Ljudmila Ulitzkaja: Jakobsleiter.
Hanser Verlag, 26,80 Euro

Weitere Leseempfehlungen:

Das grüne Zelt. dtv Tb., 14,30 Euro
Die Kehrseite des Himmels. dtv Tb., 11,20 Euro

Weitere große Frauen der Weltliteratur wie Joyce Carol Oates, Toni Morrison und Alice Munro lesen Sie in der Printausgabe.

Fotos: Jean Malek/PIPER Verlag, Peter Andreas Hassiepe/HanserVerlag

Erschienen in „Welt der Frauen“ 0708/18