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Großartig Großformatiges<br>ab 7 und 9 Jahren

Ein Familienbuch zu Weihnachten als Geschenk für alle – diese Tradition begleitet uns seit Jahren. Das soll eines sein, bei dem mindestens ein Mund offen stehen bleibt vor Begeisterung. Opulente detailreiche Sachbücher, in die mehrere Neugierdsnasen gleichzeitig augenschmausend versinken, sind dafür ideal. „Unter der Erde. Tief im Wasser“ ist solch ein Buch: ein Fest für die Augen und randvoll mit Wissen aus breit gefächerten Gebieten. Fast undenkbar, dass ein Grundschulkind davon nicht gepackt wird.

Auch „Die unsichtbaren Welten mikroskopisch kleiner Tiere“ begeistert durch grandiose Bilder und Aufklappseiten, die ausführliche Informationen bereitstellen. Spannend wie in einem Thriller geht es darin zu. Das Genre Kindersachbuch hat sich in den letzten Jahren gemausert und die Ecke der reinen Wissensvermittlung längst verlassen.

Unter der Erde. Tief im Wasser“ ist ein Wendebuch und funktioniert von vorne und hinten gleichermaßen. Es kann quasi als Folgeband betrachtet werden nach dem wortwörtlich Maßstäbe setzenden Landkartenbuch Alle Welt, das bereits als Klassiker unter den Kinderatlanten gilt. Darin wurde die Erdoberfläche mit ihren zahlreichen Nationen beschrieben. Im neuen widmen sich Aleksandra Mizielinska und Daniel Mizielinski nun dem Erdinneren, also eigentlich fast allem, was die Weltkugel „beinhaltet“:

Seite für Seite wird tiefer getaucht bzw. gebohrt. In der Mitte des Buchs treffen die beiden Reisen zum Mittelpunkt aufeinander. Vulkan grüßt Geysir. Das Innerste der Erde bildet mit der Doppelseite über den Erdkern das Zentrum des Buches. Eine plastisch-eindrucksvolle Zeichnung zeigt den Aufbau des Erdballs.

Zu Beginn stellt das Buch „Unter der Erde“ alles Organische dar: Pflanzen, die in der Erde wurzeln, und Tiere, die im Erdreich leben – Würmer und Wimmeltiere, Ameisen, diverse Höhlenbewohner. Darauf folgt Schritt für Schritt während des Tiefergehens zunehmend mehr Anorganisches: Technisches wie Kabel und Leitungen, Strom und Leitungswasser, U-Bahn-Tunnel und Höhlensysteme, Bergwerke und Bodenschätze. Auch Historisches wie Fossilien und markante archäologische Funde werden anschaulich präsentiert. Die vielen Querschnittsdarstellungen verführen zum ausgiebigen Schwelgen in den kleinteiligen Bilderwelten. Das Bedürfnis nach Sensationen, Rekorden, Superlativen wird mehr als ausreichend gestillt: Das tiefste Loch der Welt, der am tiefsten wurzelnde Baum, das tiefste Bergwerk der Welt …

Von der Rückseite des Buchs „Tief im Wasser“ geht die Reise ähnlich in Etappen zuerst durch noch vertraute Seen und Meere. Nach und nach wird tiefer getaucht, mit Unterseebooten und historischen Tauchausrüstungen wird dem Wasserdruck getrotzt, anfangs zwischen Korallenriffen hindurch. Seiten über Bohrinseln und Rekordtaucher, Ozeanriesen wie Blauwal und Koloss-Kalmar und die gesunkene Titanic illustrieren Unterwasserwelten in bunten Facetten.

Mit dem 28 x 38 cm großen Buch, das im Kurier als „bestes Kindersachbuch des Jahres“ bezeichnet wurde, ist für etliche Stunden Lesefutter gesorgt. Vermutlich hält der Appetit auf lehrreich-unterhaltsame Wimmelbilder länger an. Dafür gibt es exquisiten Nachschlag für etwas reifere Grundschulkinder.

 

Hautnah herangezoomt sehen „Die unsichtbaren Welten mikroskopisch kleiner Tiere“ aus wie fantastische Landschaftspanoramen, in denen riesenhafte Monster zwischen Felsbrocken und urzeitlichen Gewächsen ihr Dasein fristen. Zarte Gemüter dürften vor Blutsaugern und Hautfressern in Übergröße eventuell irritiert zurückschrecken. Wissbegierige Nachwuchsforscher wie alle Kinder, die sich den Forscherdrang bewahren durften, werden aber gebannt sein von den ästhetischen Bildern, die hinter den Aufklappseiten erscheinen. Futuristisch anmutende Welten sind in Realität verborgen in Flüssen, Tümpeln, im Waldboden, am Strand oder Meeresgrund. Grazil und voll Poesie scheinen sich darin die Mikro-Organismen nach einer geheimen Choreografie zu bewegen.

Auch zwischen unseren Bettdecken und Matratzen tummelt sich wie im Dschungel allerhand Getier. Das würden wir lieber nicht so genau wissen. Dieser Einblick schärft aber das Verständnis beispielsweise für günstige Lebensbedingungen der Hausstaubmilbe. Für Allergiker ist es von Nutzen zu wissen, wie man ihnen das Leben erschweren kann. In der Küche werden Brotkrümel, Zuckerkristalle und Marmeladereste zu reichen Nahrungsquellen für diverse Milben, Käfer und Läuse. Die Rückseite von Tapeten ist ein ideales Versteck. Und – Achtung – jetzt kommt es: Die Bücherlaus ist unter den Staubläusen bei Bibliothekaren und Liebhabern alter Bücher gefürchtet. Horror pur! Zum harmonischen Abschluss sehe ich mir das elegante Wasserballett des Planktons an. Fast wie ein Blick in den winterlichen Sternenhimmel!

Hier ist die Welt wieder in Ordnung: alles im Gleichgewicht, genug zu fressen und Platz für alle.

Danke, liebe Hélène Rajcak und lieber Damien Laverdunt für dieses abwechslungsreiche und spannende Programm. Selten hab ich mich in einem Kindersachbuch so fasziniert festgelesen wie in diesem Band.

P.S.: Der Anhang enthält ein Lexikon, einen historischen Abriss über die Geschichte der Mikroskopie und zwei Bildtafeln mit Milben und Krebstieren, die in ihrer Anordnung und Eleganz an Ernst Haeckel und seine „Kunstformen der Natur“ erinnern. Wissenschaftliche Berater für die Herausgabe des Sachbuchs waren zwei Mitarbeiter des Naturkundemuseums in Paris. Als Familie dorthin zu reisen wäre doch ein guter Vorsatz für das neue Jahr, oder? Ob es wohl mit unserem Wiener Naturhistorischen Museum mithalten kann?

Aleksandra Mizielinska und Daniel Mizielinski:

Unter der Erde. Tief im Wasser

Moritz Verlag 2016

Ab 7 Jahren

 

Hélène Rajcak und Damien Laverdunt:

Die unsichtbaren Welten mikroskopisch kleiner Tiere

Jacoby & Stuart 2017

Ab 9 Jahren

Veronika Mayer-Miedl

wurde 1971 geboren und lebt als Buchhändlerin in Ottensheim (OÖ). Als Mitarbeiterin des „Kleinen Buchladens“ sieht sie sich als Vermittlerin – als Leseanimateurin für Kinder besucht sie Bibliotheken und Kindergärten. Ein Fernkurs für Kinderliteratur an der „STUBE Wien“ während ihrer dritten Karenz war ein Glücksfall. Begegnungen bei Seminaren im „Kinderbuchhaus“ gaben neue Ausrichtung und inspirierten zu Referententätigkeit übers Bilderbuch. Mit ihrer schauspielenden Freundin teilt sie neuerdings die Leidenschaft für das japanische Erzähltheater „Kamishibai“ und tritt fallweise als Grille oder sogar Meerjungfrau auf.