Seidig und geschmeidig: Die besten Lehrmeisterinnen in Sachen Entspannung sind zweifellos Katzen.
Wenn es um die besten Boxtechniken geht, ist man sicher gut beraten, sich an die ikonische Formulierung zu halten, mit der Muhammad Ali seinen eigenen Boxstil beschrieb: Float like a butterfly, sting like a bee. Herumflattern wie ein Schmetterling und dann zustechen wie eine Biene: Das ist zweifellos eine Strategie, mit der man jede:n Gegner:in überlisten kann. Wenn es sich aber nicht ums Wettkämpfen handelt, sondern – ganz im Gegenteil – ums Entspannen, sucht man besser bei felligen, weichen, geschmeidigen und seidigen Lebewesen nach Inspiration. Sie wissen, worauf ich hinauswill? Auf Katzen natürlich. Oder kennen Sie noch ein anderes Tier, das gleichzeitig seidig und geschmeidig ist und sich jederzeit bereitwillig streicheln lässt? Das sich genüsslich windet wie ein Aal, wenn man ihm den Bauch krault? Das schon zu schnurren beginnt, wenn man es nur mit sanfter Stimme anspricht und noch gar nicht berührt hat. Vorauseilendes Schnurren sozusagen. Sicher besitzen nicht alle Katzentiere ein derart gemütliches Temperament. Unsere beiden tun es. Wenn es eine Gelegenheit gibt, sich irgendwo wohlig auszustrecken, nützen sie sie. Manchmal sind sie so entspannt, dass sie halb schlafend in extremer Zeitlupe vom Sofa hinuntergleiten, ohne es zu bemerken oder aufzuwachen. Sie wirken dann, als hätten sie keinerlei störende Knochen im Leib. Als wären sie aus einer dickflüssigen Substanz gemacht, deren natürlicher Bewegungsmodus das Rinnen ist.
Kürzlich verteilte sich eine von ihnen dieserart über einen Heizkörper: Sie legte sich oben drauf. Von unten dampfte die Gasetagenheizungshitze in ihr Fell. Als würde sie als Ganzes langsam schmelzen, breitete sie sich anmutig aus, wurde dabei immer länger, ließ Pfoten, Schwanz und den halben Bauch seitlich am Heizkörper hinunterlaufen und schloss schließlich die Augen in absolutem Entspannungsgenuss. Man kann dann nicht anders, als sie um ihre Biegsamkeit und ihre Sorgenfreiheit, um ihr riesiges Talent zur Versenkung in den Moment zu beneiden.
Ich hoffe, dass jemand diese Katzenbegabung in eine Übungsabfolge zur Förderung der menschlichen Körper- und Geistentspannung übersetzt. Es beruhigt ja schon schlagartig, ihnen nur zuzusehen. Gerade in diesem Moment liegt die eine auf meinem Schreibtisch. Natürlich direkt zwischen mir und der Laptoptastatur. Dass mich das am Schreiben hindert, raubt ihr nicht die Ruhe. Sie findet diesen Platz nachgerade ideal. Die andere hat sich im Teenagerzimmer inmitten des dort herrschenden Chaos platziert und liegt auf einem Riesenhaufen zerknüllter Kleidungsstücke. Der Sauhaufen in diesem Zimmer, der mich Tag für Tag zur Weißglut treibt, kratzt sie nicht eine Sekunde. Sie findet es urgemütlich. Ich schaue sie an. Sie blinzelt wohlig zurück, kugelig eingerollt wie eine Schnecke. So kommt es, dass auch ich vollends versöhnt bin mit der Welt und alles genau so hinnehme, wie es nun einmal ist.
