Alt werden wollen wir alle – am besten gesund und glücklich. Dass das nicht immer selbstverständlich ist, weiß Autorin Swaantje Taube. Ein Gespräch über strukturelle Hürden und individuelle Hoffnungen.
Ein glückliches und langes Leben steht wohl auf vielen Wunschlisten. Was die Lebensdauer betrifft, haben Frauen etwas bessere Aussichten als Männer. Während die durchschnittliche Lebenserwartung von Männern im deutschsprachigen Raum bei 79 Jahren liegt, werden Frauen im Schnitt 84 Jahre alt. Aber ein langes Leben ist nicht automatisch ein glückliches. Denn Lebenszufriedenheit hängt von vielen Faktoren ab. Neben gesellschaftlichen Strukturen und finanziellen Möglichkeiten haben wir einen großen Teil selbst in der Hand, weiß Swaantje Taube.
Und sie muss es wissen, denn sie hat am eigenen Leib erfahren, welche Schicksalsschläge das Altern bereithalten kann. Die studierte Rechtsanwältin bekam in der Menopause die Diagnose Brustkrebs. Während ihres erfolgreichen Kampfes gegen die Erkrankung wurde zusätzlich die Stoffwechselerkrankung Mukoviszidose festgestellt. Eine Erfahrung, die ihren Blick auf Gesundheit und Glück maßgeblich verändert hat. Heute tritt sie als Speakerin auf und unterstützt Frauen mit ihren Inhalten beim gesunden und zufriedenen Altern. Aber worauf kommt es dabei an? Was können junge Frauen tun, um es später einfacher zu haben? Und was ist das Geheimnis des Glücks? Swaantje Taube gibt spannende Einblicke.
„Longevity heißt für mich nicht nur lange leben, sondern lange selbstbestimmt, beweglich und geistig wach bleiben.“
Ihr Buch verbindet zwei große Sehnsüchte unserer Zeit: glücklich sein und lange gesund leben. Warum brauchen Frauen eine eigene Perspektive auf Happiness und Longevity?
Weil wir keine kleinen Männer sind. Unser Körper funktioniert und reagiert anders und verändert sich im Laufe des Lebens mehrfach grundlegend. Pubertät, Schwangerschaft, Perimenopause, Menopause und dann Postmenopause: Das sind reale körperliche Übergänge, die Schlaf, Stoffwechsel, Muskelmasse und Stimmung beeinflussen. Gleichzeitig leben viele Frauen jahrzehntelang im Dauerzustand von Verantwortung: für Familie, Beruf, Organisation, emotionale Stabilität.
Wie haben Sie diese Umbrüche selbst erlebt?
Ich bin 55 und heute in der Postmenopause. Und ich merke deutlich, dass mein Körper anders tickt als mit 35 oder 45. Regeneration dauert länger, Muskelabbau passiert schneller, Stress wirkt unmittelbarer. Glück ist für mich deshalb kein Gefühl, das man sich einredet, sondern ein Zustand von innerer und körperlicher Stabilität. Wenn ich mich kraftvoll fühle, gut schlafe und mental klar bin, fühlt sich mein Leben leichter an. Longevity heißt für mich deshalb nicht nur lange leben, sondern lange selbstbestimmt, beweglich und geistig wach bleiben. Und das gelingt nur, wenn wir die weibliche Realität ernst nehmen.
„Wenn Frauen in dieser Phase emotionaler oder gereizter wirken, ist schnell von ,zickig' die Rede. Dabei reagieren Körper und Nervensystem auf echte Veränderungen. “
Viele Gesundheits- und Glücksmodelle orientieren sich historisch bedingt an männlichen Lebensrealitäten. Wo werden Frauen Ihrer Meinung nach bis heute übersehen oder missverstanden?
Am deutlichsten sehe ich das beim Thema Wechseljahre. Die Perimenopause wird oft nicht erkannt oder ernst genommen. Die Menopause selbst ist streng genommen nur der Zeitpunkt, wenn zwölf Monate keine Blutung mehr da war. Und danach beginnt die Postmenopause. Wir werden heute deutlich älter, das heißt, wir verbringen viele Jahre in dieser Lebensphase. Und wenn wir in dieser Zeit nichts verändern, baut der Körper tatsächlich schneller ab. Das ist kein Alarmismus, das ist Biologie. Genau deshalb ist diese Phase so entscheidend.
Und trotzdem werden Frauen ausgerechnet in dieser Phase oft kulturell abgewertet.
Genau. Wenn Frauen in dieser Phase emotionaler oder gereizter wirken, ist schnell von „zickig“ die Rede. Dabei reagieren Körper und Nervensystem auf echte Veränderungen. Viele sprechen nicht offen darüber, weil sie nicht stigmatisiert werden wollen. Und genau da liegt das Missverständnis: Diese Phase ist kein persönliches Defizit, sondern eine biologische Realität, über die wir sachlich sprechen sollten. Die Hormone gehen und kommen auch nicht wieder.
Was können wir tun, um uns auf die Postmenopause vorzubereiten?
Wir können sogar mittendrin noch sehr viel beeinflussen, wenn wir gezielt gegensteuern. Mit Krafttraining oder einer anderen Form von Bewegung, mit einer protein- und ballaststoffreichen Ernährung, mit gutem Schlaf und kluger Stressregulation. Dazu kommen soziale Kontakte, die tragen, und eine Aufgabe, die Sinn gibt. Die Postmenopause ist keine Wartezone, sie ist eine Phase, in der aktives Handeln zählt.
„Was kann ich wirklich beeinflussen – und was nicht? Wenn ein Zug Verspätung hat, kann ich das nicht ändern. Aber ich kann entscheiden, wie ich diese Zeit nutze. “
Sie zeigen, dass weibliche Biologie, Hormone und Lebensphasen entscheidend für Wohlbefinden und Lebensdauer sind. Was hat Sie in diesem Zusammenhang am meisten überrascht?
Mich hat überrascht, wie stark sich mein Körper in der Postmenopause neu sortiert hat. Ich hatte erwartet, dass mit dem Ende der Blutung alles ruhiger wird. Stattdessen habe ich gemerkt, dass ich aktiver gestalten muss als früher. Muskelmasse erhält sich nicht von allein. Schlaf verzeiht weniger Unregelmäßigkeit. Stress zeigt schneller Wirkung. Ich habe deshalb gelernt, dass ich klarer planen muss. Drei Krafttrainings pro Woche sind für mich gesetzt, weil ich weiß, wie wichtig Muskulatur in dieser Phase ist. Ich bewege mich täglich, peile 10.000 Schritte an. Meine Ernährung ist protein- und ballaststoffreich und enthält viel Gemüse. Und ich halte meinen Schlafrhythmus stabil, weil ich merke, wie sensibel mein Nervensystem reagiert. Die Überraschung war also kein medizinischer Fakt, sondern die Erkenntnis: In der Postmenopause muss ich bewusster steuern.
Viele wollen Stress reduzieren, doch die Realität macht das oft unmöglich. Zwischen Care-Arbeit, Karriere und gesellschaftlichen Erwartungen geraten Frauen oft in chronischen Stress. Welche langfristigen Folgen hat das für ihre Gesundheit und Lebenszeit?
Chronischer Stress wird oft unterschätzt. Viele Frauen merken erst spät, wie sehr Daueranspannung auf Schlaf, Stoffwechsel und Stimmung wirkt. In der Lebensmitte und danach reagiert der Körper weniger tolerant auf Überlastung. Was früher „irgendwie ging“, zeigt heute schneller Folgen. Ich habe gelernt, Stress nicht nur mental zu betrachten, sondern strukturell. Dazu gehören Fragen wie: Wer trägt welche Verantwortung? Was kann delegiert werden? Wo setze ich klare Grenzen? Und plane ich Erholung genauso verbindlich wie Arbeit? Gelassenheit ist keine Esoterik, sondern eine bewusste Entscheidung.
Das klingt nach einem sehr reflektierten Blick auf Stress. Wie kann ich als Frau diesen neuen Zugang entwickeln?
Ein Gedanke hat mir dabei besonders geholfen: Was kann ich wirklich beeinflussen – und was nicht? Wenn ein Zug Verspätung hat, kann ich das nicht ändern. Aber ich kann entscheiden, wie ich diese Zeit nutze. Ich kann mich entweder aufregen. Oder ich kann arbeiten, die Augen schließen, eine Freundin anrufen. Diese Unterscheidung übertrage ich auf viele Lebenssituationen. Nicht alles liegt in meiner Hand. Aber ich kann entscheiden, wie ich damit umgehe.
„Selbstführung heißt, die eigene Kraft nicht permanent zu verschenken.“
Glück wird häufig als individuelles Projekt verkauft. Wie stark hängt die Zufriedenheit von Frauen tatsächlich von sozialen Strukturen, Gleichberechtigung und ökonomischer Sicherheit ab?
Sehr stark. Wer finanziell unabhängig ist, lebt mit mehr innerer Ruhe. Wer faire Arbeitsbedingungen hat, schläft anders. Wer Care-Arbeit nicht allein trägt, hat mehr Raum für sich. Das sind keine Nebenthemen, sondern zentrale Faktoren für Lebensqualität. Ich sehe viele Frauen, die glauben, sie müssten ihr Glück „optimieren“. Dabei sind die Rahmenbedingungen entscheidend. Gleichberechtigung ist kein politisches Schlagwort, sondern ein Gesundheitsfaktor. Und ökonomische Sicherheit beeinflusst das Nervensystem direkter, als viele denken.
Viele Frauen haben gelernt, ihre Bedürfnisse hintanzustellen. Wie kann man wieder Zugang zu den eigenen Grenzen, Wünschen und Energiequellen finden?
Indem man anfängt, das eigene Wohlbefinden ernst zu nehmen. Ich beobachte heute genauer, was mich stärkt und was mich auslaugt. Und ich ziehe Konsequenzen. Das kann ein Nein sein, ein freier Abend oder eine klare Priorität. Die Schuldgefühle, die so viele Frauen kennen, kommen oft aus alten Rollenbildern. Aber sie verlieren an Gewicht, wenn man merkt, dass man stabiler und ruhiger wird. Selbstführung heißt, die eigene Kraft nicht permanent zu verschenken.
Einmal auf den Punkt gebracht: Wenn junge Frauen heute die Weichen für ein langes, gesundes Leben stellen wollen, welche drei Entscheidungen haben den größten Einfluss?
Muskelmasse früh aufbauen und erhalten. Finanzielle Eigenständigkeit ernst nehmen. Und früh lernen, Stress aktiv zu regulieren, statt ihn zu normalisieren. Wer diese drei Bereiche bewusst gestaltet, schafft eine starke Grundlage für die Jahre nach der Menopause.
Stellen wir uns eine Gesellschaft vor, die die Gesundheit und Lebensqualität von Frauen wirklich ernst nimmt: Was müsste sich politisch, medizinisch und kulturell verändern?
Mir geht es nicht darum, Frauengesundheit über Männergesundheit zu stellen. Es geht um Gleichwertigkeit, mit dem Bewusstsein, dass es Unterschiede gibt. Männer und Frauen sind biologisch nicht identisch, also sollte die Medizin uns auch nicht so behandeln, als wären wir es. Das heißt, in der Ausbildung von Ärztinnen und Ärzten sollte das Thema Wechseljahre selbstverständlich dazugehören. Nicht als Randthema, sondern als normale Lebensphase. Ebenso sollte in Studien konsequent berücksichtigt werden, wie unterschiedlich Körper reagieren können. Ich würde mir außerdem mehr strukturierte Information wünschen. Zum Beispiel Infobriefe mit einer klaren Aufklärung zur Perimenopause um die 40 herum und zur Postmenopause mit 50. Auch in Unternehmen wäre ein offener Umgang hilfreich. Nicht als Sonderprogramm, sondern als Teil betrieblicher Gesundheitskultur. Wenn wir über Burnout, Rückenprobleme oder psychische Belastung sprechen können, sollte auch die Lebensmitte kein Tabu sein. Und Ernährung, Bewegung und Prävention sollten in Kantinen, Krankenhäusern und Vorsorgeprogrammen selbstverständlich mitgedacht werden.
Sind wir dahingehend auf einem guten Weg?
Unser Gesundheitssystem reagiert häufig erst, wenn Werte deutlich aus dem Rahmen fallen. Vielleicht wäre ein erster nächster Schritt, Entwicklungen früher ernst zu nehmen und gegenzusteuern, bevor Krankheit entsteht. Das betrifft übrigens Frauen wie Männer. Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der Unterschiede gesehen werden. In der Frauen in der Lebensmitte nicht belächelt oder unsichtbar gemacht werden, sondern genauso ernst genommen werden wie jede andere Patientin oder jeder andere Patient. Nicht mehr. Aber eben auch nicht weniger.
Zur Person
Swaantje Taube ist ehemalige promovierte Medien-Rechtsanwältin, verheiratet, Mutter von zwei Kindern. Sie lebte und arbeitete in Holland im Marketing. Zurück in Deutschland wechselte sie in die Modebranche. Während ihres erfolgreichen Kampfes gegen Brustkrebs wurde zusätzlich noch eine Mukoviszidose diagnostiziert. Mit 52 Jahren machte sie sich selbstständig. Sie will ein Beispiel geben für alle Frauen. Von jung bis alt, auch jungen Frauen zeigen: Du brauchst keine Angst davor zu haben, älter zu werden.
Unser Buchtipp: „Happiness & Longevity“ von Swaantje Taube, mehr Infos dazu hier.
