Mit dieser Frage hat sich die Religionssoziologin Astrid Mattes in einer großen Studie auseinandergesetzt. Über die Ergebnisse und ihren eigenen Zugang zum Glauben spricht sie im Interview.
Sie beschäftigen sich mit sozialwissenschaftlicher Religionsfoschung. Was fasziniert sie daran?
Ich mag die Komplexität der Themen, die gleichzeitig sehr zugänglich sind. Jede:r hat eine Meinung zu Religion und Politik. In der Forschung hat man aber das Privileg, sich in verschiedene Perspektiven hineinzudenken. Wir können mit Daten arbeiten, nachforschen und immer wieder hinterfragen, wo wir noch nicht viel wissen. Zur Religionsforschung hat mich auch ein exzellenter Religionslehrer gebracht, der es verstanden hat, uns Religion als in der Gesellschaft relevantes Thema näherzubringen. Zum Beispiel mit Blick auf Geschlechterrollen, Kunst oder Geschichtsverständnis.
Teil Ihrer Arbeit ist die Studie „Was glaubt Österreich?“ Welche Grundaussagen ergaben sich dabei, und hat Sie etwas überrascht?
Von den vielen Befunden scheint mir besonders relevant, dass Religion immer fragmentierter ist. Die Vorstellung eines religiösen Menschen, der zu einer Gemeinschaft gehört, dort praktiziert und die dort verbreiteten Inhalte „wie vorgesehen“ glaubt, ist nicht die Regel. Menschen haben viele Glaubensvorstellungen, die nebeneinander existieren und in der Theorie häufig nicht so gut zusammenpassen. Interessant ist, dass die Zustimmung zum Glauben an Himmel, Hölle, Auferstehung und andere traditionelle Vorstellungen unter Jugendlichen sehr hoch ist – höher als in anderen Altersgruppen. Von einer Trendwende zu sprechen, ist zwar verfrüht, aber ein gesteigertes Interesse können wir feststellen. Eines zeigen die Daten auch eindeutig: Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, die sich auf Religion stützt – Antisemitismus und Islamfeindlichkeit –, ist kein Randphänomen, sondern ein Problem der gesellschaftlichen Mitte.
„Ich weiß, dass Glaube selten eine absolute Größe ist, die sich schwarz-weiß denken lässt.“
Wurde in der Studie erfragt, wieso sich gerade junge Menschen wieder stärker für Glaube und Religion interessieren? Können Sie als Expertin sich diese Entwicklung erklären?
Wir können uns die unerwartet hohen Werte bei Jugendlichen noch nicht vollständig erklären. Wir gehen davon aus, dass es weniger starke Abgrenzungsbewegungen von Religion und bestimmten religiösen Ideen gibt, weil immer weniger junge Menschen Kirche als Feindbild erleben und zumeist kaum Berührungspunkte haben. Man könnte das also als eine Form von Neugier verstehen. In unsicheren Zeiten kann Religion, gerade auch in traditionellen Formen, Halt geben. Auch darin mag ein Erklärungsbaustein liegen. Zum Gesamtbild trägt sicher auch bei, dass junge Menschen mit Migrationshintergrund im Schnitt „religiöser“ sind, wir finden aber auch bei den anderen Jugendlichen hohe Werte, sodass Migration die beobachtete Entwicklung zwar verstärkt, aber nicht erklärt. Es bleibt abzuwarten, ob sich auch in zukünftigen Erhebungen ein längerfristiger Trend unter Jugendlichen hin zu Religion zeigt.
Welche Rolle spielen Religion und Glauben in Ihrem Privatleben?
Ich denke, ich bin – um es mit dem Soziologen Max Weber zu sagen – religiös musikalisch. Das ist in der Forschung oft hilfreich, da ich mich grundsätzlich in die Menschen, die ich beforsche, hineinversetzen kann. Welche Rolle Religion und Glauben für mich privat spielen, hat sich immer wieder verändert. Auch diese Erfahrung ist lehrreich, wenn man dies beforscht. Ich weiß, dass Glaube selten eine absolute Größe ist, die sich schwarz-weiß denken lässt.
Weitere Informationen: wasglaubtoe.unive.ac.at