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01/02/26

Der Fall Gisèle Pelicot: Kann Scham die Seite wechseln?

Der Fall Gisèle Pelicot: Kann Scham die Seite wechseln?
Foto: Reuters – Manon Cruz
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  • Veröffentlicht: 21.01.2026
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Nach jahrelangem Missbrauch wurde Gisèle Pelicot zur feministischen Ikone, weil sie den Prozess gegen ihre Vergewaltiger öffentlich führte. Was bedeutet dieses Strafverfahren für Frauen?

Mehr als zehn Jahre lang hat Dominique Pelicot seine Ehefrau immer wieder betäubt, vergewaltigt und über Internetforen anderen Männern zum Geschlechtsverkehr angeboten. Der Strafprozess gegen ihn und 50 weitere Mitangeklagte im Dezember 2024 in Avignon war ungewöhnlich, nicht nur wegen der Schwere der Verbrechen, sondern auch, weil auf Wunsch von Gisèle Pelicot die Öffentlichkeit zugelassen war. 

Dabei wurden unter anderem auch Videos der Taten gezeigt und Chatnachrichten der Täter vorgelesen. Unter den Beobachter:innen des Prozesses war die Feministin und Philosophin Manon Garcia, die über ihre Beobachtungen ein nicht ganz leicht zu lesendes, aber doch sehr berührendes Buch geschrieben hat.  

Jahrelanger Missbrauch: Wie berichten? 

Wie soll man über ein solches Verbrechen berichten? Wie soll man über den Pelicot-Prozess schreiben, ohne dass es voyeuristisch wirkt? Wie viel Emotionalität ist nötig und wie viel kühle Distanz? Das sind einige der vielen Fragen, die sich Manon Garcia stellt. Sie entscheidet sich für einen Mix aus theoriegeleiteter Reflexion, journalistischer Beschreibung und der Schilderung ihrer eigenen Gefühle.

„Etliche der Angeklagten im Prozess waren sich keiner Schuld bewusst, weil sie glaubten, die Erlaubnis des Ehemannes reiche.  “
Andrea Roedig

Wut kommt vor in diesem Buch, zitiert werden aber auch viele Studien zu Missbrauch und Gewalt. Die eigentliche Frage, die alle Überlegungen leitet, ist die nach der „Banalität des Bösen“, denn die Täter waren ganz normale „Jedermänner“. Wenn es Dominique Pelicot gelang, in seinem kleinen Wohnort Mazan „mindestens 70 verschiedene Männer, die in einem Umkreis von weniger als 50 Kilometern wohnen, zu sich nach Hause zu holen, wie viele Männer gibt es dann in Frankreich, die bereit sind, eine bewusstlose Frau zu vergewaltigen, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet?“ 

Die Frage der Zustimmung

Dominique Pelicot hatte seine Frau mit hohen Dosen Lorazepam und Zolpidem komplett betäubt, ihre Gliedmaßen – so ist es auf den Videos zu sehen – ließen sich nach Belieben hin- und herbiegen, man hörte sie schnarchen, und dennoch zögerten die eingeladenen Männer nicht, die totenähnliche Frau auch oral zu vergewaltigen, mit dem Risiko, sie zu ersticken. Manon Garcia spricht von „chemischer Unterwerfung“. 

In den Auseinandersetzungen um das Sexualstrafrecht ging es in den letzten Jahren immer um das Kriterium der Zustimmung der Frau – nur ein Ja ist ein Ja. Aber es ist zu bezweifeln, ob das allein reicht, um Vergewaltigungsdelikte in den Griff zu bekommen. Gisèle Pelicot war betäubt, sie konnte nicht zustimmen. Dennoch waren sich etliche der Angeklagten im Prozess keiner Schuld bewusst, weil sie glaubten, die Erlaubnis des Ehemannes reiche.  

Cover: suhrkamp

Unser Buchtipp: Manon Garcia: Mit Männern leben. Überlegungen zum Pelicot-Prozess. Suhrkamp, 20,95 Euro

Patriarchale Kultur 

Wie kann es sein, dass diese Männer so denken? Es ist eine ganze, grundsätzlich patriarchal ausgerichtete Kultur, die hier auf dem Prüfstand steht. Eine Kultur, die auch in diesem Prozess in der Weise, wie Anklage und Verteidigung argumentierten, wieder zum Vorschein kam. Eine Kultur, die einzelne sogenannte „Triebtäter“ dämonisiert, aber gleichzeitig männliches Dominanzverhalten verharmlost und Verständnis dafür zeigt, dass Männer in angeblich sexueller Notlage sich nehmen, worauf sie ein Anrecht zu haben glauben: die weibliche Unterwerfung. 

„Von Männern zu verlangen, sich zu schämen, heißt nicht, sie in ein feministisches Umerziehungslager zu schicken, sondern es heißt, einzufordern, dass sie die Männlichkeit, die über alle hinwegrollt, betroffen macht“, schreibt Manon Garcia.  

Gute und schlechte Opfer? 

Sie zeigt in ihrem Buch auch, warum das Strafrecht allein das Problem von Vergewaltigung und Missbrauch nicht lösen wird. Eine ganze Kultur muss sich ändern. Und sie stellt weitere Fragen: Was geschieht mit Caroline Darian, der Tochter der Pelicots, die den dringenden Verdacht äußert, auch sie sei Opfer des Vaters geworden? 

Foto: shutterstock
Caroline Darian äußert den Verdacht, sie sei Opfer des Vaters geworden. Sie gründete den Verein „Stopp der chemischen Unterwerfung“.

Mutter und Tochter haben sich über diesen Prozess entzweit. Gisèle Pelicot, die ältere bürgerliche Dame, die betäubt und daher absolut unwissend war, ist das reine und unschuldige Opfer. Die Tochter dagegen, die nur einen Verdacht gegen den Vater hat, aber keine Beweise, erscheint als hysterisch wütende Zicke. Man dürfe aber nicht „gute“ gegen „schlechte“ Opfer ausspielen – beide haben recht, schreibt Manon Garcia und betont, welche große Rolle Inzestmissbrauch generell in der männlichen Dominanzkultur spielt. Viele der Täter in diesem Prozess waren als Kinder oder Jugendliche selbst Opfer von sexueller Gewalt.  

Pelicot zieht die Fäden  

Erstaunlich und erschreckend ist die Überlegung, die Manon Garcia an den Schluss ihres Berichts stellt: Letztlich erscheine ihr alles wie ein Theater, in dem Dominique Pelicot die Fäden in der Hand hielt. Er plante und filmte alles, er lieferte der Polizei schließlich auch die Beweise seiner Taten – fein säuberlich waren die Dateien im Ordner „Missbrauch“ gespeichert – und er lieferte schließlich auch seine Mittäter ans Messer. 

„Man hat den Eindruck, dass Gisèle Pelicot nur als Mittel zum Zweck diente, damit diese Männer miteinander Beziehungen aufnehmen konnten“, analysiert die Autorin. Bei der Vernehmung von Omar D., einem der Angeklagten, fragte der beisitzende Richter: „Können Sie sich eine Sekunde lang in die Lage von Madame Pelicot versetzen?“ Omar D.s Antwort lautete: „Überhaupt nicht.“  

Cover: Piper

Unser Buchtipp: Am 17. Februar 2026 erscheinen Gisèle Pelicots Memoiren „Eine Hymne an das Leben“ in vielen Übersetzungen, auch auf Deutsch (Piper Verlag). 

Diese Antwort, so erschreckend sie ist, sei „wenigstens ehrlich“, meint Manon Garcia. Gleichzeitig zeigt sie offen ihre Fassungslosigkeit angesichts dieser tief sitzenden Frauenverachtung: Wie kann es sein, dass Männer Lust haben, sich an betäubten Körpern zu vergehen? Welcher der normalen Jedermänner, die ihr begegnen, würde seinen Vorteil nutzen? Wem kann sie eigentlich vertrauen?  

Eine weibliche Trauer 

„Mit Männern leben“ ist ein verstörender Bericht, auch wegen der erschütternden Zitate aus den Chatnachrichten Dominique Pelicots, der seine Frau darin durchwegs als „Schlampe“ bezeichnet. Aber wir müssen hinschauen. Manon Garcias Buch ist berührend, weil es keine einfachen Antworten gibt, sondern auf philosophische Weise nachdenkt, aber auch Gefühle und eine explizit weibliche Sichtweise zulässt. 

Es ist ein manchmal wütender, in großen Teilen aber eher trauernder und suchender Text, der zeigt, wie stark Frauenverachtung in der Kultur, die uns umgibt, verankert ist. Wie wäre es möglich, mit Männern zu leben? Die Antwort der Autorin ist bescheiden und abgründig zugleich: Sie – die Männer – müssten uns – die Frauen – „nur ein wenig lieben“. 

Foto: APA-Images / AFP / Joel Saget

Zur Person:

Manon Garcia, geboren 1985, zählt in Frankreich zu den einflussreichsten und meistgelesenen feministischen Philosophinnen ihrer Generation. Bekannt wurde sie mit Arbeiten zur weiblichen Unterwerfung und zur Philosophie der Zustimmung. Dazu zählen das Buch „Wir werden nicht unterwürfig geboren. Wie das Patriarchat das Leben von Frauen bestimmt“ (dt. 2021) und der Essay „Das Gespräch der Geschlechter“ (dt. 2023). Sie ist Professorin für Praktische Philosophie an der Freien Universität Berlin. 

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