Gewalt ist oft subtil und wird nicht immer als solche erkannt, selbst bei einer Geburt. Erst Jahre später wurde Angelika* klar, dass das, was sie bei ihrer zweiten Geburt erlebte, „Gewalt im Kreißsaal“ war.
Erst Jahre nach der Geburt meines Sohnes fing es an, in mir zu arbeiten. Ich las und hörte Berichte von Frauen, die über Gewalt im Kreißsaal berichteten, von traumatischen Erlebnissen, die schwerwiegende seelische Folgen für sie hatten, oft noch jahrelang. Ich hätte selbst nie gesagt, dass ich auch betroffen sein könnte. Doch irgendwann dämmert mir: Gewalt im Kreißsaal hat ein breites Spektrum, ist manchmal subtil. Und wird oft überdeckt davon, dass am Ende ein Neugeborenes da ist, dass erst einmal die ganze Aufmerksamkeit verlangt und damit die Erlebnisse während der Geburt wegwischt.
Die ersten Wehen
Ich war allein im Krankenhaus angekommen. Mein Mann blieb zuhause bei unserem Erstgeborenen. Ich fühlte mich sicher, hatte Vertrauen, dass ich gut versorgt werden würde. Der diensthabende Arzt begutachtete den Fortschritt der Geburt und meinte, ich solle nach Hause gehen und morgen wieder kommen. Nie werde ich den Blick der anwesenden Hebamme vergessen, die offensichtlich anderer Meinung war. Sie wies ihn darauf hin, dass mir Schweißtropfen auf der Oberlippe stünden und aus ihrer Sicht die Geburt ganz eindeutig in Gange war. Ihr Einwand blieb ungehört.
„Ich wurde hektisch auf den Rücken gedreht, die Füße festgeschnallt – und das Baby mit der Saugglocke herausgezogen.“
Ich wollte nicht wieder nach Hause. Ich wusste, dass dies hier kein Fehlalarm war. So schleppte ich mich die ganze Nacht im Park des Krankenhauses von einer Bank zur nächsten, wo ich mich immer wieder erbrach und versuchte, die Wehen zu veratmen und das Vertrauen nicht zu verlieren. Erst bei Tagesanbruch mühte ich mich mit letzter Kraft wieder in den Kreißsaal, die beiden Stockwerke zu Fuß, um auch wirklich alles gegeben zu haben, um endlich geburtsbereit zu sein.
„Kristeller Handgriff“ kam zur Anwendung
Die Nervosität bei meinem Anblick war dem Arzt, der immer noch Dienst hatte, anzusehen. Sofort in den Kreißsaal, das Kind muss jetzt raus. Er drückte mir von oben auf den Bauch, der „Kristeller Handgriff“, wie ich später ergoogelte. Es gab nur eine sehr kurze Vorwarnung. Zu kurz für eine Schwangere, die neun Monate lang ihren Bauch mit ihrem Leben beschützt hatte. Mein Sohn steckte nach wie vor fest. Ich wurde hektisch auf den Rücken gedreht, die Füße festgeschnallt – und das Baby mit der Saugglocke herausgezogen. Das alles passierte wie im Rausch, niemand sprach mit mir. Ich hatte kein Zeitgefühl.
Endlich war das Baby da, ich durchschnitt selbst die Nabelschnur. Ich hatte diese Nach überstanden, mein Sohn war gesund und außer einer riesigen Beule wunderschön. Wir waren ramponiert, aber alles war gut. Mit einem halben Ohr hörte ich, dass die Hebamme und der Arzt darüber stritten, wie es gefährlich war, mich wegzuschicken.
„Wieso hat mir niemand erklärt, warum die Schritte notwendig waren? Wieso gab es keine Entschuldigung? “
Jedes Mal, wenn ich von der Geburt erzählte, waren die Leute schockiert. Mir erschien das Wort „Gewalt“ aber zu groß für das, was ich erlebt habe. Jetzt, viele Jahre später, denke ich anders darüber. Ich wurde weggeschickt, allein. Mir wurde nichts erklärt. Ein ausgewachsener Mann drückte mit voller Kraft auf meinen Bauch. Ich verstehe, dass medizinisches Personal unter Druck steht, lange Dienste hat, einfach alles zu viel ist. Das ist eine Erklärung, aber keine Entschuldigung für das, was vielen Frauen im Kreißsaal passiert.
Wann spricht man von Gewalt im Kreißsaal?
Die WHO definiert Gewalt in der Geburtshilfe als „Handlungen und Vorgänge, die sich während der Schwangerschaft, unter der Geburt oder im Wochenbett negativ beeinflussend, verändernd oder schädigend auf Frauen und ihre Kinder auswirken.“ Ich habe gelesen, dass mehr als 40 Prozent aller Frauen solche Gewalterfahrungen machen. Und ich denke, ich bin eine davon.
Wieso hat mir niemand erklärt, warum die Schritte notwendig waren? Wieso gab es keine Entschuldigung? Gebärende sind verletzlich und den Personen im Kreißsaal hilflos ausgeliefert. Ich wünsche mir, dass sie gehört und beschützt werden.
*Name auf Wunsch von der Redaktion geändert
