Wenn hinter verschlossenen Türen Schreie zu hören sind, ist Wegsehen keine Option. Wie Nachbar:innen einschreiten und unter Umständen Leben retten können, erklärt Gewaltschutzexpertin Maria Rösslhumer.
Manchmal wacht Lisa Mayrhofer* nachts plötzlich auf – geweckt vom Lärm aus der Nachbarwohnung. Schreie, Weinen und Beschimpfungen, die weit über einen gewöhnlichen Streit zwischen zwei Menschen hinausgehen. Sie ist unsicher, wie sie handeln soll. Die Frau, die nur wenige Meter von ihr entfernt ist, wird vermutlich gerade Opfer von psychischer oder sogar körperlicher Gewalt und braucht Hilfe. Schließlich greift Mayrhofer zum Telefon und verständigt die Polizei. Die Beamt:innen sprechen mit dem mutmaßlichen Täter und verlassen das Wohnhaus wieder, nachdem sie nach dem Rechten gesehen haben.
Dieses Szenario wiederhole sich seit geraumer Zeit in ihrem Wohnhaus: „Der Täter brüllt in einer Lautstärke, die ich so noch nie erlebt habe. Gleichzeitig weint er aber auch verzweifelt und ist völlig außer sich“, erzählt die 35-jährige Wienerin. Es handle sich um ihren direkten Wohnungsnachbarn, man lebe Wand an Wand. „Wer ihm im Hausflur begegnet, würde nicht vermuten, dass dieser Mann gewalttätig ist. Er grüßt freundlich, nimmt meine Pakete entgegen und hält mir die Tür auf“, sagt sie. In die Augen könne sie ihm dennoch nicht sehen – zu herausfordernd sei die Situation. An ein Gespräch sei erst recht nicht zu denken. Derzeit fühle sie sich allein gelassen: „Wenn die Polizei kommt, sprechen die Beamt:innen mit ihm zwischen Tür und Angel und gehen dann wieder. Ich habe nicht das Gefühl, dass sie die Situation richtig einschätzen können.“ Die Wienerin hegt allerdings den Verdacht, dass es sich um häusliche Gewalt handelt, und möchte helfen – eine Situation, in der sich wahrscheinlich viele Menschen wiederfinden.
Nachbarschaftshilfe bei häuslicher Gewalt essenziell
Nachbar:innen sind den Gewalttaten oft näher als das persönliche Umfeld der Betroffenen. Deshalb sind es auch sie, die nach Femiziden von TV-Reporter:innen interviewt werden. Das war für die Gewaltschutzexpertin Maria Rösslhumer die Motivation, den Verein „StoP – Stadtteile gegen Partnergewalt“ zu gründen. Gemeinsam mit ihrem Team hat sie den Leitfaden „Zeige Zivilcourage gegen häusliche Gewalt“ entwickelt. Der Fokus liegt dabei auf der Nachbarschaftshilfe: Mit Aushängen in Stiegenhäusern und Flyern in Postkästen soll für das Thema sensibilisiert werden. „Wir möchten Nachbar:innen über häusliche Gewalt informieren, damit sie im Ernstfall rasch handeln können“, erklärt Rösslhumer.
„Vielleicht hilft der Gedanke, dass jede und jeder von uns mit einer Handlung Leben retten und schwere Gewalt verhindern kann.“
Oft herrsche Unsicherheit darüber, wie geholfen werden könne und welche Schritte sinnvoll seien, so die Expertin, die viele Jahre lang die Frauenhelpline leitete. „Die Beratungshotline bietet nicht nur rund um die Uhr Hilfe für Betroffene, sondern kann auch von Angehörigen oder Nachbar:innen anonym und kostenlos kontaktiert werden“, betont sie. Menschen, die Tür an Tür leben, können jedoch noch mehr füreinander tun, ergänzt Rösslhumer.
Wie kann man bei häuslicher Gewalt helfen?
Ein erster wichtiger Schritt, den Nachbar:innen im Verdachtsfall setzen können, sei die sogenannte „paradoxe Intervention“, erklärt Rösslhumer: „Wenn ungewöhnliche Schreie aus einer Wohnung zu hören sind und Nachbar:innen dort Gewalt vermuten, kann es bereits helfen, zu klingeln und eine banale Frage zu stellen. Zum Beispiel: ‚Haben Sie vielleicht ein Akkuladegerät?‘ Das unterbricht die Gewaltsituation und rettet unter Umständen Leben. Man signalisiert dem Täter unterschwellig, dass die Nachbarschaft aufmerksam ist.“ Alternativ können Nachbar:innen anläuten und sofort wieder gehen oder die Klingel an der Hauseingangstür betätigen.
Die Angst vor dem Täter sei nachvollziehbar und wirke auf viele Menschen lähmend. „Ein hilfreicher Gedanke ist, sich die Situation der Betroffenen vor Augen zu führen. Die Opfer begreifen, dass jemand aus der Nachbarschaft ins Handeln kommt. Das setzt ein klares Signal, dass Hilfe unterwegs ist“, so die Expertin. „Vielleicht hilft der Gedanke, dass jede und jeder von uns mit einer Handlung Leben retten und schwere Gewalt verhindern kann.“ Vor oder unmittelbar nach dem Klingeln sollte in jedem Fall die Polizei verständigt werden. Da die Beamt:innen nicht sofort vor Ort sein können, ist es wichtig, die Gewaltsituation so gut wie möglich zu unterbrechen.
Polizei rufen bei häuslicher Gewalt
Auch Mayrhofer habe bereits mehrmals eine paradoxe Intervention unternommen, erzählt sie. „Um Beweise zu sichern, habe ich sogar die Schreie mit dem Handy aufgenommen. Die Polizei hat auch schon mal einen Blick in die Nachbarwohnung von meinem Balkon aus geworfen, konnte aber nichts erkennen. Ich weiß nicht genau, ob sie schon einmal mit der Frau gesprochen haben – ich denke nicht“, berichtet sie. Maria Rösslhumer kritisiert das Vorgehen von Behörden allgemein: „Diese sind sehr gefordert – da muss sich vieles ändern. Die Betroffenen werden bei Polizei und Justiz nicht ernst genug genommen, man glaubt ihnen zu wenig. Frauen zeigen oft an, aber leider werden viele polizeiliche Anzeigen von der Staatsanwaltschaft zu rasch eingestellt.“
Dabei richtet die Gewaltschutzexpertin den Blick auf Spanien – das Land gilt als Vorbild im Gewaltschutz. Dort gebe es etwa eigene Gerichte, die ausschließlich für häusliche Gewalt zuständig sind. „Jede Person, die im Justizbereich arbeitet, wird geschult und sensibilisiert, und auch die für Opfer oft zermürbenden Verfahren sind wesentlich kürzer. Und: Weggewiesene Männer müssen 24 Stunden in Haft, damit ihre Gefährlichkeit eingeschätzt werden kann. Dadurch konnten Femizide deutlich reduziert werden. Wir fordern das alles schon lange“, so Rösslhumer. In Österreich würden Täter hingegen nicht rechtzeitig gestoppt werden und könnten nach geltendem Recht oft noch lange frei herumlaufen, kritisiert sie. „Die Konsequenzen sind insgesamt zu mild.“
Hilfe bei Gewalt
- Frauenhelpline gegen Gewalt: Telefonnummer 0800 222 555
- Liste aller Frauenberatungsstellen
- Rat auf Draht: Telefonnummer 147
- Polizei: Telefonnummer 133
- Eine Liste mit allen Telefonnummern der Bundesländer finden Sie bei den „Autonomen Frauenhäusern“
- Männerinfo Krisenhelpline 0800 400 777
- Telefonseelensorge: Telefonnummer 142
Mit dem Nachbarschaftsprojekt könne man zumindest Menschen im direkten Umfeld ermutigen, aktiv zu werden, so die Expertin. Lisa ist auch mit anderen Nachbar:innen in Kontakt getreten, um sich zu vernetzen. „Sich in solchen Fällen untereinander auszutauschen, ist in Nachbarschaften sehr wichtig. Auch die Opfer sollten bei Gelegenheit angesprochen werden“, empfiehlt Rösslhumer.
Offenheit mit Opfern häuslicher Gewalt
Mayrhofer nutzte vor einiger Zeit eine Gelegenheit im Aufzug, um Kontakt mit der betroffenen Frau aufzunehmen. „Ich glaube, sie spricht nur Englisch und stammt vermutlich von den Philippinen. Sie lebt nicht permanent in Österreich, weshalb ich manchmal nur meinen Nachbarn am Telefon schreien höre“, so ihre Annahme. „Ich wollte sie vor längerer Zeit im Aufzug ansprechen, als sie plötzlich einen Anruf mit ‚Hey, Baby‘ entgegennahm – vermutlich von ihrem Partner. Sie sprachen darüber, dass es heute Abend Lasagne geben wird. Das konnte ich schwer einordnen. Danach habe ich sie leider nicht mehr gesehen“, erzählt sie.
Maria Rösslhumer macht Betroffenen Mut, es immer wieder zu versuchen: „Sprechen Sie die Frau bei Gelegenheit in der Öffentlichkeit an – etwa im Supermarkt oder auf dem Spielplatz – und fragen Sie ganz ungezwungen ‚Geht es Ihnen gut? Ist alles in Ordnung bei Ihnen zu Hause?‘ und warten Sie die Reaktion ab“, so ihr Rat. Es könne gut sein, dass die Frau das Nachfragen zunächst abwehre. Davon solle man sich jedoch nicht entmutigen lassen: „In diesem Fall könnten Sie noch einmal betonen: ‚Das ist in Ordnung, ich möchte Sie nicht belästigen. Mir ist nur wichtig, dass es Ihnen gut geht. Wenn ich mir keine Sorgen machen muss, umso besser. Wenn Sie doch einmal Hilfe brauchen, können Sie sich jederzeit an mich wenden – ich wohne an der Tür XY‘“, empfiehlt Rösslhumer. Auch die Weitergabe der Telefonnummer der Frauenhelpline könne hilfreich sein, um Unterstützungsmöglichkeiten aufzuzeigen.
Opfer von Gewalt bekommen selten Hilfe
Angst vor Ab- oder Gegenwehr des Opfers sowie vor möglichen Reaktionen des Täters sei ein allgegenwärtiges Gefühl und halte viele davon ab, Zivilcourage zu zeigen. Das verdeutlicht auch ein Experiment aus Tirol: Die beiden Psychologinnen in Ausbildung Kathinka Enderle und Olivia Sapinsky von der Tiroler Privatuniversität UMIT Tirol zeigten in einer Studie, dass in nahezu allen nachgestellten Fällen von Gewalt an Frauen keine Hilfe aus dem persönlichen Umfeld erfolgte.
„Wenn wir Gewalt im Umfeld als etwas Privates behandeln, schützen wir nicht die Betroffenen, sondern jene, die Gewalt ausüben.“
Für die Untersuchung wurden 80 Gespräche inszeniert, in denen die Teilnehmerinnen von Gewalt berichteten. In den realitätsnahen, aber sicheren Situationen schritt niemand ein oder bot Unterstützung an. In der anschließenden Befragung wurde deutlich: Die Aussagen wurden zwar wahrgenommen, dennoch wollten sich viele nicht in die Privatsphäre der Betroffenen einmischen. Auch Unsicherheit und die Angst, die Situation falsch einzuschätzen, spielten eine Rolle.
„Genau diese Diskrepanz ist psychologisch zentral: Wahrnehmung reicht nicht. Emotion reicht nicht. Verantwortungsgefühl entsteht nicht automatisch“, betonte Studienleiter Can Gürer gegenüber dem ORF. Olivia Sapinsky sieht in der Zurückhaltung ein soziales Muster: „Wenn wir Gewalt im Umfeld als etwas Privates behandeln, schützen wir nicht die Betroffenen, sondern jene, die Gewalt ausüben.“
Gewalt gegen Frauen: Anzeichen deuten lernen
Auch Maria Rösslhumer betont: „Die meisten Täter sind Wiederholungstäter. Wir müssen aufhören, sie mit Samthandschuhen anzufassen, und beginnen, sie zu konfrontieren.“ Die Expertin sieht im Experiment der Tiroler Studierenden ein weiteres gesellschaftliches Problem: Gewalt werde häufig nicht als solche erkannt. Erniedrigungen und Beleidigungen fallen etwa unter psychische Gewalt, aber auch die Kontrolle über Finanzen, das Handy und soziale Kontakte oder Stalking stellen Formen von Gewalt dar, die oft nicht als solche wahrgenommen werden.
„Viele Frauen stufen das Verhalten ihres Partners oder Ex-Partners als normal ein. Als Angehörige, Freund:in oder auch als Arbeitskolleg:in sollte man Betroffenen die Problematik auf jeden Fall deutlich machen“, so Rösslhumer. Hilfreich seien etwa klare Sätze wie: „Wie dein Freund dich behandelt, ist nicht okay. Er darf dich nicht beleidigen, beschimpfen, herabwürdigen oder dir Dinge verbieten, auf die du ein Recht hast.“ Das gelte auch im Arbeitsumfeld, betont die Expertin: „Wenn sich eine Kollegin zurückzieht, häufig im Krankenstand ist oder Medikamente nehmen muss, könnte sie von häuslicher Gewalt betroffen sein. Ein sachliches Nachfragen lohnt sich auf jeden Fall.“
Für Mayrhofer sind die nächsten Schritte klar: „Ich werde demnächst bei der Frauenhelpline anrufen und mich informieren und die betroffene Frau ansprechen, wenn ich ihr vielleicht wieder einmal begegne.“ Maria Rösslhumer und ihr Team haben ebenfalls Pläne für die Zukunft: „Mein Wunsch ist, dass in jeder Gemeinde ein StoP Nachbarschaftsprojekt angesiedelt wird, damit sich in den Köpfen der Menschen etwas verändert und sich deutlich mehr Nachbar:innen vernetzen und gemeinsam gegen häusliche Gewalt vorgehen.“
*Name auf Wunsch von der Redaktion geändert
Zur Person
Von 1999 bis 2023 war Maria Rösslhumer Geschäftsführerin des Vereins Autonome Österreichische Frauenhäuser (AÖF) und leitete von 1998 bis 2023 die Frauenhelpline. 2019 gründete sie die Initiative „StoP – Stadtteile ohne Partnergewalt“ in Österreich und 2024 den Verein.
