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Ist Gesundheit wirklich alles?

Nach bald einem Jahr Pandemie wissen wir mehr denn je zu schätzen, wenn wir nicht erkranken oder zumindest wieder genesen. Aber sind wir deswegen schon gesund?

Diese unheimliche Virusepidemie hat unser Sicherheitsgefühl gehörig durcheinandergewirbelt. Auch und gerade, was unsere körperliche Integrität anlangt. Selbst wenn bei den meisten eine Infektion glimpflich verlief, so landeten doch manchmal selbst junge, fitte Menschen des Virus wegen auf einer Intensivstation. Vermutlich ist auch eingetreten, was zu Beginn der Pandemie gesagt wurde: „Jeder wird jemanden kennen, der daran gestorben ist.“

Ich kann das bejahen und komme schon auf eine ganze Handvoll Menschen. Gesund sein im Sinne von „nicht sterbenskrank werden“ ist Voraussetzung für vieles andere im Leben. Daran herrscht nach den jüngsten Erfahrungen kein Zweifel. Und trotzdem sollte die Frage erlaubt sein, ob das „Gesundheit“ schon hinreichend erklärt.

Auf das Notwendigste reduziert

Wir haben erlebt, dass mit der Angst vor der Krankheit und mit dem Schutz vor der Ansteckung anderer die Distanz in unser Leben getreten ist. In Zeiten von Lockdowns wurde unser Sozialleben auf den Kontakt zu einigen wenigen Menschen zurückgeschraubt. Kinder konnten nicht in die Schule, viele Geschäfte hatten zu, gar nicht so wenige konnten ihren Beruf nicht ausüben. Wir waren auf das Notwendigste reduziert, auf die Erhaltung unserer physischen Gesundheit.

Gleichzeitig haben wir erlebt, wie essenziell es für unser körperliches Wohlbefinden ist, auch psychisch ausgeglichen zu sein. Wie selten zuvor haben wir leibhaftig die Erfahrung gemacht, dass wir soziale Wesen sind. Wir brauchen die Wärme des Rudels, den flüchtigen oder intensiven körperlichen Kontakt, wir brauchen das gemeinsame Lagern an Tafeln oder auch nur am Badestrand, wir leben auf beim gemeinsamen Besuch von Kulturveranstaltungen. Wir sind sinnliche Wesen und erschließen uns über die Sinne die Welt und den Wert unseres Lebens. Wir wollen gesehen werden, wir wollen gehört werden, wir wollen dazugehören.

Auch über den Geruchssinn bilden wir uns eine Meinung über andere. Wenn wir jemanden fühlen oder angreifen können, wissen wir mehr als durch jedes Wort, wie es ihm oder ihr geht. So ließe sich das weiter ausbuchstabieren. Wenn wir mit anderen nicht im Austausch stehen, werden wir missmutig. Ohne Mut werden wir lethargisch, und das fühlt sich dann schon fast krank an.

Wir können vielleicht jetzt besser als früher verstehen, dass Menschen, die „ausgestoßen“ sind, die nicht dazugehören, weil sie anders sind oder weil sie zu arm sind, um am Gemeinschaftsleben teilzunehmen, mit der Zeit seelisch und körperlich krank werden. Die Coronakrise hat uns, so könnte man plakativ sagen, gezeigt, dass Gesundheit mehr ist, als nicht krank zu sein.

Was können wir daraus an Lehren für die Zeit nach der Pandemie mitnehmen?

Vielleicht reduzieren wir unseren Anspruch an Erfolg und erhöhen den an Gemeinschaft. Wir haben uns Gott sei Dank ein Leben als selbstständige Einzelwesen erobert, aber allein macht das wenigste Freude. Vielleicht pflegen wir künftig unsere Freundschaften noch viel sorgfältiger und schätzen die kleinen, zwanglosen Zusammenkünfte mehr.

Alles, was das Leben schön macht, Kunst, Kultur, Natur, Spiel, sollte nicht weiter als „eh auch schön“ eingestuft, sondern wie ein Lebensmittel behandelt werden. Mehr denn je sollte es uns ein Anliegen werden, niemanden „zu verlieren“, das heißt ihn oder sie einsam und allein, arm oder krank sich selbst zu überlassen.

Wenn wir dann eines Tages wieder mit mehr Tempo durch das Leben wirbeln und nachholen, was über lange Monate vermisst war, sollten wir vielleicht einen täglichen kleinen „Lockdown“ einplanen. Kurz innehalten, uns fragen, ob wir gerade noch das tun, was wirklich wichtig ist, und wenn uns jemand einfällt, der oder die uns brauchen könnte, sofort anrufen oder vorbeischauen. Kommt es nur auf die Gesundheit an? Ja, wenn man sie weit versteht.

G’sund bleiben!“ war mit Abstand der häufigste Wunsch, den ich in den vergangenen Monaten gehört habe. Und den ich auch selbst anderen in Mails geschrieben oder am Telefon gesagt habe.
Christine Haiden

Gesundheit, was heißt das schon?

„Gisunt“ ist das althochdeutsche Stammwort von Gesundheit. Man könnte es ausdeuten als „glücklich, unversehrt, gut“. Das kommt dem englischen Wortstamm von „health“ schon recht nahe, denn da steckt „whole“, „ganz“, drinnen.

Ein ganzheitliches Verständnis von Gesundheit meint den Menschen in seiner Gesamtheit. Damit ist nicht nur physische Gesundheit mit fitten Organen und funktionierendem Organismus gemeint. Tatsächlich umfasst Gesundheit den Menschen in all seinen körperlichen, sozialen und psychischen Momenten. Die harmonische Einheit von Körper, Geist und Seele ist ein Ideal von Gesundheit.

So ähnlich definiert es auch die Weltgesundheitsorganisation: „Gesundheit ist ein Zustand völligen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Fehlen von Krankheit und Gebrechen.“ Deswegen werden auch die gesundheitlichen Folgen der Corona-Pandemie für verschiedene Bevölkerungsgruppen sehr unterschiedlich ausfallen. Gesundheitssysteme müssen daher nicht nur Kranke versorgen, sondern auch Gesundheit fördern.

Christine Haiden meint, „gesund sein“ heiße in Pandemiezeiten mehr als nicht Kranksein..

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