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Gertruds letzte Würde

Seit mehr als zehn Jahren besuche ich diese alte Dame immer wieder. Nun verlässt sie nach und nach der Geist. Nur der Körper lässt nicht los.

Gertrud war Lehrerin, hoch oben im Norden Deutschlands, sie unterrichtete Englisch und Chemie am Gymnasium, wobei die Naturwissenschaftlerin in ihr überwog. Drei Kinder hat sie großgezogen, sich von ihrem Mann scheiden lassen, als sie bereits über 60 war. Was mich immer wieder zu ihr führte, waren entferntere Familienbande, aber auch ihre Gastfreundschaft, die als ruppige Herzlichkeit daherkam, und ihre hochemotionale Art, über Literatur zu diskutieren: Peter Handke? Toll! Günter Grass? Furchtbar. Begründungen gab es nicht, nur „Gut“ oder „Schlecht“, „Ja“ oder „Nein“. Irgendwie bin ich bei ihr auf der Seite von „Gut“ gelandet. Sie mag mich, ich darf kommen. Ich soll kommen. „Komm!“, sagt sie einfach, „ich freu mich.“
Früher dachte ich, es werde der Körper sein, der sie verlässt. Sie ist Diabetikerin, hatte Brustkrebs, bewegte sich nicht gerne, war etwas übergewichtig und aß zu gern Süßes oder rauchte, was sie sich nicht verbieten lassen wollte. Überhaupt wollte sie sich nichts verbieten lassen. Der beste Spruch, den ich in Sachen Kochen von ihr hörte, war: „Ich bin doch nicht der Sklave meiner Küche.“ Natürlich kommen auch die Holzbrettchen in die Spülmaschine.

WIE EIN BERG
Nun verlässt sie nach und nach der Geist. Sie wird dement. Nur der Körper, der die Genüsse liebte, lässt nicht los. Er ist wie ein Berg, der langsam in sich zusammensinkt. „Der Kopf funktioniert nicht“, sagt sie am Telefon, „aber ich erinnere mich an dich. Komm! Ich freu mich.“ Bei meinem letzten Besuch ist die Haustür nicht abgeschlossen, eine Klingel gibt es nicht. Ich trete ein, das Radio ist sehr laut aufgedreht. Sie schaut mir entgegen, erkennt mich erst, als ich näherkomme. Sie sitzt in ihrem Sessel wie auf einem Thron. Er ist das Zentrum ihrer Welt, ihres Hauses, aus dem sie sich nicht vertreiben lassen wird. Um den Sessel herum gruppiert ist alles, was sie braucht: Kaffee in einer Thermoskanne, Wasserglas, Wasserflasche, Zigaretten, Aschenbecher, After Eight für die Lust auf Süßes, ein Telefon mit großen Tasten, Fernbedienungen für Radio und Fernsehen. Neben dem Sessel steht ihr Rollator, mit dem sie zur Küche geht oder ins Bad oder Schlafzimmer. Vor sich hat sie auf einer Fußbank einen Kalender liegen, der in großen Buchstaben sagt, was passiert. Montag und Freitag kommt Frau Hansen, die Putzfrau. Es liegen Exemplare der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ dort, nicht aufgeschlagen. Gertrud kann nicht mehr lesen. Aber mit einer großen Lupe erkennt sie das Datum der Zeitung, die sie seit Jahrzehnten abonniert.
„Was haben wir zwei noch gemacht?“ „Wann warst du das letzte Mal da?“ „Aber was haben wir zwei noch gemacht?“ Sie fragt so beharrlich, als sei da noch mehr, an das auch ich mich nicht erinnern kann. Mit aller Grausamkeit führt sie ein Vergessen vor, das ich auch von mir selbst kenne, etwa wenn Vergangenes sich nur mit Mühe und schemenhaft heraufholen lässt oder mir der Name einer Person, die sich mir gerade vorgestellt hat, sofort wieder entfällt.

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Foto: plainpicture/Millennium/Zoe Barker

Erschienen in „Welt der Frauen“ 10/18