Wahre Heimat ist kein Punkt auf einer Landkarte. Sie liegt irgendwo zwischen Momenten, Erinnerungen und einem Gefühl, das tief in uns ist.
Der Geruch von frisch gebackenem Teig versetzt mich wie durch einen unsichtbaren Zeittunnel zurück in meine Kindheit. Ich sitze mit meiner Familie am Esstisch meiner Urgroßmutter, wir verspeisen ihren selbst gebackenen Apfelstrudel, meine Eltern lachen, ich fühle mich wohl, sicher und geborgen. So fühle ich mich auch heute überall dort gleich ein wenig zuhause, wo es Apfelstrudel gibt. Natürlich bedeutet Heimat mehr als ein Stück Kuchen, aber dieses Phänomen verrät womöglich etwas Grundlegendes über das Wesen der Heimat. Zum Beispiel, dass sie kein geografischer Ort auf einer Landkarte ist, keine Postleitzahl und kein bürokratischer Eintrag im Reisepass. Vielleicht bedeutet Heimat in ihrer reinsten Form eine Sammlung an Gefühlen, Gerüchen, Geschmäcken oder Klängen, die tief in unseren Erinnerungen verankert sind.
Die Fesseln der Wurzeln
Wer sich mit Heimat beschäftigt, denkt dabei häufig auch an Wurzeln. Doch entgegen der gängigen Annahme sind Heimat und Herkunft nicht dasselbe. Unsere Wurzeln beschreiben den Punkt, an dem unsere Geschichte begann. Sie bezeichnen den Ort, an dem wir geboren wurden, die Familie und Kultur, in der wir aufgewachsen sind, und die Sprache unserer ersten Lebensjahre.
Unsere Wurzeln sind unveränderbar, sie sind das Fundament, auf dem wir stehen, aber sie bestimmen nicht die Richtung, in die wir wachsen. Woher wir kommen, können wir nicht ändern, wohin wir gehen und wo wir zuhause sind, jedoch schon. Die Unterscheidung zwischen Herkunft und Heimat wird besonders dringlich, wenn wir bedenken, dass nicht jede Kindheit nach Süßem riecht. Manche ist vom Moder verfaulter Wurzeln verpestet. Schmerz, Kälte, Enge oder sogar Trauma – wo die einen Geborgenheit erfuhren, erlebten andere womöglich Ablehnung. Für sie ist es vielleicht notwendig, sich von ihren Wurzeln zu lösen, um Heimat zu finden. Denn auch wenn Herkunft nicht mit Heimat gleichzusetzen ist, wirkt sie wie eine unsichtbare Schablone in unserem Unterbewusstsein und beeinflusst somit, wonach wir suchen, um uns zuhause zu fühlen. Wir halten Ausschau nach genau den Qualitäten, die uns damals genährt haben: Wärme, Vertrautheit, das Gefühl des Willkommenseins. Hat ein Mensch in seiner Kindheit Kälte und Chaos erlebt, bedeutet Heimat wohl den bewussten, oft mühsamen Aufbau von Struktur, Geborgenheit und Sicherheit, die man als Kind nie hatte.
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In der Septemberausgabe von „Welt der Frauen“ widmen wir uns ausführlich dem Thema Heimat. Drei Frauen erzählen, was Heimat für sie ganz persönlich bedeutet. Ihre Porträts können Sie jetzt auch online nachlesen:
Wer bin ich, wenn ich entwurzelt bin?
Unsere Herkunft definiert nicht, wo wir Heimat finden, aber sie macht einen großen Teil unserer Identität aus. Wir können in die entlegensten Winkel dieser Welt ziehen, uns geografisch so weit wie möglich von unserem Ursprung entfernen und dennoch unseren emotionalen, inneren Kompass immer bei uns tragen. Ein winziger Auslöser, ein Bild, Geruch, Lied oder Geräusch, transportiert nicht bloß eine Erinnerung an das Vergangene, sondern reaktiviert ein Gefühl im Hier und Jetzt und beeinflusst unser Heimatgefühl somit auch heute.
Das Bewusstsein für Heimat bekommen Menschen oft erst, wenn diese verloren geht. Wer das eigene Zuhause hinter sich lässt, gibt das soziale Umfeld auf, das die eigene Identität spiegelt. Der Verlust dieses Bezugsrahmens kann das Selbstbild tiefgreifend erschüttern. „Wenn du all das verlässt, was zu dir gehört, verlässt du dich selbst“, sagte der ungarische Schriftsteller György Konrád. Als Überlebender des Holocaust und Exilautor war er stark mit Entwurzelung konfrontiert. Er plädierte für eine kulturelle und geistige Verbundenheit, die unabhängig von starren Grenzen existiert, und brachte auf den Punkt, dass Heimat weit mehr ist als nur ein Ort. Sie umfasst unsere Erstsprache, soziale Bindungen, Kultur und Umgebung. Nirgendwo wird die Reibung zwischen Wurzeln und Heimat so greifbar wie in der Erfahrung von Migration. Sie zwingt das Individuum in einen Zwischenraum. Die alten Wurzeln bleiben im Boden eines Landes zurück, während der neue Lebensort noch kalt und fremd erscheint.
„Es gibt Menschen, die sagen, Heimat sei kein Ort, sondern Personen, die einen bedingungslos annehmen und lieben.“
Die neue Heimat muss in der Fremde mühsam Stein für Stein, Geruch für Geruch aufgebaut werden. Oft entsteht dabei eine Mischidentität, die aus den Fragmenten der Herkunft und den Realitäten der Ankunft zusammengesetzt ist. So wäre ein Neuanfang, auch wenn ihn sich viele Menschen im tristen Grau des Alltags bunt erträumen, nicht der erhoffte Befreiungsschlag, sondern ein tiefgreifender Identitätsverlust, der hart und einsam sein kann. Denn in der Fremde wird der Mensch gezwungen, sich mit dem wahren Selbst und dem eigenen „Anderssein“ auseinanderzusetzen. Migration lehrt uns aber auch, dass ein Mensch mehrere Heimaten in sich tragen kann und Entwurzelung nicht das Ende der Geborgenheit bedeuten muss, sondern der schmerzhafte Beginn einer Neuerfindung sein kann.
Bei uns selbst ankommen
Es gibt Menschen, die sagen, Heimat sei kein Ort, sondern Personen, die einen bedingungslos annehmen und lieben, bei denen wir die Masken des Alltags fallen lassen dürfen und so sein können, wie wir wirklich sind. Es gibt diejenigen, die sich nur dann zuhause fühlen, wenn sie unterwegs sind. Und es gibt jene, die sich nirgendwo daheim fühlen, egal, wo sie sind. So hatte ich einen Schulkollegen, ein Zirkuskind, der als kleiner Junge, kaum war er an einem Ort angekommen, mit seiner Familie wieder weiterziehen musste. Als ich ihn später als Erwachsenen wieder traf, erzählte er mir, dass er bis heute noch nie das Gefühl hatte, nachhause zu kommen, ganz gleich, wohin er reiste oder wo er wohnte.
Wenn wir also nach der Definition von Heimat suchen, finden wir sie wohl nicht in Beton, politischen Grenzen oder nationalen Identitäten. Wir finden sie in den Zwischenräumen menschlicher Wärme, Beständigkeit und Vertrautheit. Einer Geborgenheit, die manche Menschen von Geburt an geschenkt bekommen und andere sich auf einer langen Reise erst erkämpfen müssen. György Konrád plädierte etwa dafür, Heimat in sich selbst zu finden, unabhängig vom Außen und von einem Ort. Denn wer Heimat in sich trägt, ist überall zuhause. Einmal gefunden, beflügelt sie uns, die Welt zu entdecken. Im sicheren Wissen, dass wir jederzeit heimkommen können – an den Zufluchtsort in uns selbst. Irgendwann kommen wir dann an. Ob bei uns oder einfach bei einem Stück Apfelstrudel.
