Gendermedizin ist längst kein Nischenthema mehr – das weiß Herzspezialistin Sandra Eifert nur zu gut. Dadurch haben Frauen auch andere Voraussetzungen für ein langes Leben. Ein Gespräch über Longevity zwischen Zyklus und Wechsel.
Langlebigkeit ist zum Trendthema geworden. Doch die meisten Ratgeber richten sich implizit an Männer. Dabei unterscheiden sich die Risiken, Symptome und Bedürfnisse von Frauen in vielen Bereichen grundlegend. Die deutsche Kardiologin (s.o.) Sandra Eifert beschäftigt sich seit Jahren mit Geschlechterunterschieden in der Medizin. In ihrem neuen Buch widmet sie sich als eine der Ersten gezielt der weiblichen Perspektive auf gesundes Altern. Im Gespräch erklärt sie, warum Frauen zwar länger leben, aber häufiger chronisch erkranken, welche Schutzfunktion Hormone haben und weshalb Selbstfürsorge schon mit Mitte 20 beginnt.
Langlebigkeit ist derzeit in aller Munde. Sie richten Ihren Blick dabei im Gegensatz zu den meisten anderen Mediziner:innen bewusst auf Frauen. Warum?
Es gibt zwei Hauptgründe dafür. Zum einen haben Frauen tatsächlich einige biologische Vorteile und leben statistisch länger als Männer – allerdings häufig zum Preis chronischer Erkrankungen. Zum anderen beschäftige ich mich seit vielen Jahren mit Geschlechterunterschieden in der Medizin. Wir wissen zum Beispiel, dass sich Herzerkrankungen bei Frauen oft ganz anders zeigen als bei Männern und deshalb auch anders diagnostiziert werden müssten. Viele Langlebigkeitsbücher berücksichtigen diese Unterschiede kaum.
Frauen werden also älter, sind aber häufiger krank. Woran liegt das?
Frauen leben im Schnitt etwa vier bis fünf Jahre länger. Ein Grund ist das doppelte X‑Chromosom, das uns in Bezug auf Herz‑, Immun‑ und Gehirnfunktion widerstandsfähiger macht. Gleichzeitig schützt uns der Hormonhaushalt – insbesondere Östrogen – über viele Jahre vor verschiedenen Krankheiten. Mit der Menopause fällt dieser Schutz jedoch weg. Bestimmte Risikofaktoren und Erkrankungen treten dann später, aber dennoch auf: Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen, Diabetes oder Osteoporose. Wir sind also cirka zehn Jahre später dran als Männer, aber insgesamt nicht unbedingt gesünder.
Ihr Buch richtet sich besonders an Frauen ab etwa 45 Jahren. Warum ist diese Phase so entscheidend?
Weil sich zu diesem Zeitpunkt der Hormonstatus verändert. Männer haben einen relativ stabilen Hormonspiegel, während Frauen verschiedene Lebensphasen durchlaufen. Wenn der hormonelle Schutz mit Beginn der Wechseljahre nachlässt, steigen die Risikofaktoren deutlich an. Deshalb ist Prävention schon vorher wichtig. Dazu zählen regelmäßige Bewegung, mediterrane Ernährung und konsequente Behandlung vorhandener Risiken wie Bluthochdruck oder Diabetes. Das wird oft unterschätzt, dabei wissen wir, dass Frauen, die während der Schwangerschaft Bluthochdruck oder Diabetes hatten, später ein höheres Herz‑Kreislauf‑Risiko tragen.
Sie betonen auch den Einfluss von Stress und seelischem Gleichgewicht. Wird das unterschätzt?
Absolut. Stress wirkt sich körperlich bei Frauen stärker aus als bei Männern. Studien zeigen, dass unser Herz, Immunsystem und unsere Hormonachsen intensiver reagieren als die von Männern. Vermutlich liegt das an unserer biologischen Ausstattung und daran, dass Frauen evolutionär betrachtet stärker auf Gefahren reagieren mussten. Testosteron scheint Männern zusätzlich eine gewisse Widerstandskraft zu geben, die uns fehlt. Gleichzeitig tragen viele Frauen enorme Mehrfachbelastungen – Familie, Beruf, Care‑Arbeit. Deshalb ist es entscheidend, sich bewusst Zeit für sich zu schaffen, selbst wenn es nur wenige Minuten am Tag sind.
Auch Hormone spielen eine zentrale Rolle für ein langes, gesundes Leben. Wie beeinflussen hormonelle Verhütungsmethoden das Ganze?
Unsere Hormone (und nicht nur Geschlechtshormone) steuern nahezu alles im Körper. Idealerweise bleibt der natürliche Hormonhaushalt so lange wie möglich stabil. Man kann vereinfacht sagen: Je später wir in die Wechseljahre kommen, desto größer sind unsere Chancen auf Gesundheit im Alter. Hormonelle Verhütung greift in diesen Prozess in gewissem Maße ein. Aber moderne Präparate sind differenzierter als früher, und in bestimmten Situationen überwiegen die Vorteile, etwa, wenn der Hormonhaushalt von jungen Frauen gestört ist. Studien zeigen sogar, dass Vitalität und Leistungsfähigkeit unter Hormontherapien steigen können. Entscheidend ist dabei aber immer die individuelle Situation der Frau.
„Frauen profitieren enorm von stabilen Netzwerken und emotionaler Verbundenheit.“
Nicht nur bei Hormonen, auch sonst sind medizinische Standards meist am männlichen Körper ausgerichtet. In welchen Bereichen hat das besonders gravierende Folgen?
Zum Beispiel in der Medikamentendosierung. Standarddosen werden oft für einen durchschnittlichen Mann entwickelt, gelten aber auch für kleinere Frauen mit anderer Körperzusammensetzung. Frauen haben mehr Fett‑ und Wasseranteil, was Wirkung und Nebenwirkungen verändern kann. Auch bei Erkrankungen gibt es Unterschiede: Frauen haben häufiger Autoimmunerkrankungen, Männer früher Herzinfarkte. Depression äußert sich bei Männern oft anders als bei Frauen, was wiederum zu einer höheren Dunkelziffer führen kann. Diese Unterschiede müssen stärker berücksichtigt werden.
Das Thema Gender Health Gap gewinnt langsam aber sicher an Aufmerksamkeit. Sehen Sie dahingehend Fortschritte?
Ja, eindeutig. Gendermedizin wird inzwischen an vielen Universitäten gelehrt und soll in die kommende ärztliche Berufsordnung integriert werden. Auch das Thema Menopause rückt stärker in den Fokus – nicht zuletzt, weil erstmals eine Generation von Frauen in dieser Lebensphase weiterhin voll berufstätig ist. Studien zeigen, dass ein gewisser Anteil die Arbeitszeit reduziert oder sogar aus dem Job aussteigt, weil Symptome und Schlafprobleme so belastend sind. Das hat auch wirtschaftliche Auswirkungen.
Welche Gesundheitsaspekte unterschätzen Frauen Ihrer Erfahrung nach am meisten?
Vor allem den Einfluss emotionaler Belastungen. Psychische oder physische Gewalt, familiärer Stress oder Konflikte mit Kindern wirken sich massiv auf unsere Gesundheit aus. In meiner Sprechstunde erlebe ich häufig, dass nicht Partnerschaftsprobleme, sondern Sorgen um Kinder die größte Belastung darstellen, die sich dann wiederum auf den ganzen Körper auswirken kann.
Was kann man abgesehen von regelmäßigen Pausen und einer guten Psychohygiene schon früh tun, um später gesünder zu altern?
Muskeltraining und Ausdauer sind enorm wichtig, weil unsere Muskelmasse im Alter abnimmt. Außerdem verändert sich der Kalorienbedarf: Nach dem Ausbleiben des Zyklus benötigen Frauen deutlich weniger Energie. Das wissen sie oft nicht und nehmen deshalb an Gewicht zu.
Wenn wir alle Tipps für Longevity beachten – wie viel Einfluss haben wir realistisch betrachtet auf unsere Lebensspanne?
Unsere Genetik macht etwa 30 bis 40 Prozent aus. Den Rest macht eine Mischung aus Lebensstil, Bewegung, Stressreduktion und sozialen Faktoren aus. Eine grundlegende Gelassenheit zu entwickeln und sich selbst zu akzeptieren, wird oft unterschätzt – ist aber zentral für unsere Gesundheit.
Welche Rolle spielen soziale Beziehungen?
Eine sehr große. Frauen profitieren enorm von stabilen Netzwerken und emotionaler Verbundenheit. Soziale Isolation wirkt sich hingegen nachweislich negativ auf die Lebenserwartung aus. Entscheidend ist nicht nur, wie lange wir leben, sondern mit wem und in welcher Qualität. Es geht nicht nur um die Anzahl der Jahre, die wir zur Verfügung haben, sondern um ihren Wert. Langlebigkeit bedeutet, möglichst lange selbstbestimmt leben zu können – körperlich und emotional.
Zur Person
Prof. Dr. med. Sandra Eifert, Oberärztin am Herzzentrum Leipzig, ist Herzchirurgin und hat in ihren Jahren in der Transplantationsmedizin das Leben vieler Menschen gerettet. Persönliche Erlebnisse und die Konzentration auf die Gendermedizin haben ihre Sichtweise auf das Herz vertieft. Heute kennt sie die Bedürfnisse der Frauen mit Herzerkrankungen in all ihren Facetten.
Unser Buchtipp: „Wie Frauen länger leben. Das Geheimnis weiblicher Longevity“ von Sandra Eifert, erschienen im Bertelsmann Verlag, 352 Seiten, 22 Euro.
